...zur SWR-Talentshow "Einfach die Besten"

In "Müllers Meinung" blickt wunschliste.de-Autor Mario Müller ab sofort in unregelmäßigen Abständen auf aktuelle Entwicklungen aus der bunten Welt des Fernsehens. Natürlich ganz subjektiv.
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| Bild: © SWR/Volker Oehl |
Zunächst scanne ich die Bühne. Kein Dieter Bohlen in Sicht! Erleichtert lasse ich mich auf das Experiment ein und schaue mir in einem Dritten Programm der ARD (SWR) eine große Freitagabendshow an. "Einfach DIE BESTEN!" heißt die Sendung, im Grunde eine Castingshow. Da aber die Vorauswahl schon sehr stark gesiebt hat und nur insgesamt 18 Acts übrig sind, die auf drei Entscheidungsshows verteilt werden, will ich's mal eher als "Talentshow" bezeichnen. Denn alle, die hier auftreten, haben echt was drauf.
SWR-Moderator Martin Seidler braucht gar nicht zu erklären, was die Sendung von "Das Supertalent", "Deutschland sucht den Superstar" oder "Popstars" unterscheidet. Ich sehe es auf den ersten Blick: Das Bühnenbild wurde glücklicherweise nicht, wie bei den drei genannten Shows, von Bühnenbau-Mogul Florian Wieder designed, sondern stammt aus der hauseigenen Werkstatt des SWR! UND: Man hat hier keine kalkulierten Lachnummern, sondern talentierte Kandidaten, die wirklich was können und ein größeres Publikum verdienen.
Auch in Sachen Bewertung lässt man sich was einfallen und setzt neben einer dreiköpfigen Promi-Jury, bestehend aus Moderator Guido Cantz, Popsängerin Julia "Jule" Neigel und Kabarettist Christoph Sonntag, auch noch eine 50-köpfige Fachjury aus Presse-, Funk- und Fernsehvertretern des SWR-Sendegebietes ins Studio. Letzteres empfinde ich im Übrigen auch als gerade richtig dimensioniert, keineswegs bombastisch-protzig, aber auch nicht zu klein. Kein gebautes Mehrzweckstudio, sondern die "Alte Lokhalle" in Mainz. Industriearchitektur. Pluspunkt. Das Publikum scheint ehrlich und echt zu reagieren, ich glaube, ich erkenne vorab aufgezeichnete und später eingebaute Applaus-Orkane inzwischen sehr gut. Noch ein Pluspunkt.
Die sechs Künstler bzw. Gruppen werden allesamt am Anfang kurz vorgestellt und dann bei ihrem Auftritt noch einmal separat in einem Einspielfilm. Hier erfährt man ganz gut, wer schon wie lange und wie professionell im Geschäft ist. Daraus wird kein Hehl gemacht. Aber keiner der Kandidaten brachte es bisher zu bundesweiter Bekanntheit. Die winkt dem Gesamtsieger, der sich auf einen Auftritt vor Millionenpublikum in der Septemberausgabe von "Verstehen Sie Spaß?" freuen kann. Plattenvertrag wäre Unsinn, weil ja nicht nur Sänger mitmachen, und Geldpreis wäre auch Quatsch, weil die Künstler ja auftreten wollen. Wer sich geschickt anstellt, bekommt am Ende genügend Buchungsanfragen. Also: guter Preis!
Der erste Act sind zwei junge Damen aus Freiburg, die sich "Queenz of Piano" nennen und Aram Chatschaturjans weltbekannten "Säbeltanz" am Klavier nicht nur virtuos mit Händen und Füßen in die Tasten hauen, sondern auch noch mit akrobatischen Slapstickeinlagen würzen. Die Promi-Jury ist begeistert und wertet dreimal positiv.
Als nächstes ist Bauchredner und Entertainer Kay Scheffel aus Niedererbach im Westerwald dran. Der Mann, der als jüngerer Bruder von Heinz Erhardt durchgehen könnte, steht schon seit 32 Jahren auf der Bühne, eröffnet mit flottem Jazz-Song und überzeugt mit einer Nummer, für die er zwei Zuschauer aus dem Publikum als bauchredende "Puppen" benutzt, spontane Gags inklusive. Die Promi-Jury ist begeistert und wertet dreimal positiv.
Jetzt kommt die 17-jährige Caroline Trischler aus Bretten und schmettert Alicia Keys' "If I Ain't Got You", dass ihr selbst Bohlen sofort einen gelben "Recall-Zettel" überreicht hätte. Wer zuvor lieber dutzende Gurkensänger auf der Bühne hätte vollgepöbelt und verenden sehen wollen, für den ist diese Sendung nichts. Die Kleine steht zwar etwas krumm am Mikro, hat aber einen fesselnden Blick, eine super Stimme, schwätzt sympathisch-frech Badisch und wechselt dann problemlos ins Profi-Englisch. Die Promi-Jury ist begeistert und wertet dreimal positiv.
Zauberer Kai Borchers, genannt "Kalibo", redet während seines Seil-Tricks wie ein Wasserfall. Ich bin befangen, da ich den Trick mit den verschwindenden Seil-Enden schon mehrfach in ähnlicher Form bei einem Bekannten gesehen habe und hätte mir daher ein paar mehr Gags gewünscht, um die Nummer aufzupeppen. Die Promi-Jury jedoch ist begeistert und wertet dreimal positiv.
Es folgt das "Mandolinenorchester Ettlingen", welches dort schon seit 60 Jahren existiert und hier Metallicas "Nothing Else Matters" zupft. Die ungewöhnliche Instrumentierung verursacht leichte Gänsehaut, die Nummer funktioniert, auch wenn's doch nicht ganz ohne Strom geht und die Mandolinen gegen Ende noch von einem virtuosen E-Gitarren-Solo unterstützt werden. Das gibt sogar Szenenapplaus. Die Promi-Jury ist begeistert und wertet dreimal positiv.
Zum Schluss präsentiert das Duo "Flo und Chris" ein Medley aus "I Want You Back" von den Jackson Five, "Die da" von den Fanta 4 und Dr. Albans "Sing Hallelujah". Dabei singen die beiden Jungs nicht nur, sondern bedienen mehrere Instrumente gleichzeitig. Eine zweiköpfige Fünf-Mann-Band sozusagen. Das knallt rein, die Promi-Jury ist begeistert und wertet dreimal positiv.
Und genau das ist mein großer Kritikpunkt: Es gibt keine Kritik. Die Jury ist immer nur begeistert, niemand traut sich, auch nur mal einen Hinweis zu geben, was man vielleicht noch verbessern könnte. Keine Frage, die Nummern waren alle mindestens sehr gut. Aber ein paar Dinge kann man immer besser machen. Und das zu sagen, sehe ich schon als Aufgabe einer Jury. Das hilft ja schließlich auch den Kandidaten.
Am Ende entscheiden die beiden Jurys unabhängig voneinander, welche beiden Acts ins Finale einziehen. Zuerst wählt die 50-köpfige Fachjury per Knopfdruck die 17-jährige Keys-Interpretin, und dann kürt die Promi-Jury noch Heinz-Erhardt-Verschnitt Scheffel zum zweiten Finalisten. OK, beide verdient, ich akzeptiere das Ergebnis. Was ich aber nicht akzeptiere, ist, dass der SWR auf seiner Internetseite die Gewinner schon Minuten vor Ende der Sendung bekannt gibt. So etwas kann man heutzutage per Zeitschaltung programmieren, da muss noch nicht mal jemand persönlich am Freitagabend auch nur einen Finger rühren. Doofe Panne, welche die Sendung an sich aber nicht schlechter macht.
Bleibt festzuhalten, dass ich von dieser regionalen Talentshow besser unterhalten wurde, als von sämtlichem aufgeblasenen Fake-Mist der Privatsender. Und zwar vor allem durch die Qualität der Beiträge, die zurückgenommene Inszenierung und die damit verbundene Authentizität sowie durch die auf 90 Minuten beschränkte Dauer der Sendung. Dass es keine Werbung und keine dämlichen Telefongewinnspiele gab, erwähne ich zur Sicherheit auch mal noch mit. Klar, man könnte fragen: "Warum springen jetzt sogar noch die öffentlich-rechtlichen Dritten auf den Casting-Zug auf und kopieren die Privaten?" Darauf würde ich antworten: 1.) Weil sie ne gute Sendung draus gemacht haben, und 2.) weil die Privaten das Genre nicht erfunden haben. Wer das nicht glaubt, kann zum Beispiel mal nach Heinz Quermann und "Herzklopen kostenlos" googlen.
Die Show wird am Sonntag um 11:05 Uhr wiederholt. Zwei weitere Folgen sendet der SWR an den kommenden Freitagen, bevor am 31. August im live ausgestrahlten Finale dann die Zuschauer per TED den Sieger bestimmen.
11.08.2012 - Mario Müller/wunschliste.de
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Sehr gute gemachte Talentshow !!!
#245121schrieb am 14.08.2012, 14.02 Uhr:
























