Müllers Meinung

...zu Kurt Krömers neuer Late-Night-Show im Ersten


Müllers Meinung
In "Müllers Meinung" blickt wunschliste.de-Autor Mario Müller ab sofort in unregelmäßigen Abständen auf aktuelle Entwicklungen aus der bunten Welt des Fernsehens. Natürlich ganz subjektiv.

Krömer - Late Night Show
© rbb/Katja Kuhl

Ich weiß, die erste Folge von Kurt Krömers neuer Late-Night-Show wird erst heute abend ausgestrahlt, aber wenn der Mann nun schon mal alle Sendungen einer Staffel vorab aufzeichnet, muss er damit rechnen, dass ich sein Publikum unterwandere - und eben auch vorab berichte. Was also erwartet die Zuschauer ab sofort samstagabends nach dem "Wort zu Sonntag" im Ersten?

Zunächst mal ein sensationelles Studio. Denn Krömer hat sein Fernsehstudio verlassen und alle Folgen seiner neuen Sendung "Krömer - Late Night Show" im altehrwürdigen Theatersaal des "Berliner Ensembles" gegenüber des Bahnhofs Friedrichstraße in Berlin aufgezeichnet. Ich sitze also im bequemen Samtsessel, der rote Vorhang hebt sich und gibt den Blick auf ein Bühnenbild frei, für das man sofort eine flotte Boulevard-Komödie vermuten würde. Ich sehe eine liebevoll eingerichtete Singlewohnung im 60er-, 70er- und 80er-Jahre-Stil, mit Sitzgruppe, Miniküche, Bett, antikem Fernseher und einer kleinen Bar samt Barhockern. Im hinteren rechten Eck hat man sogar eine Toilette versteckt, inklusive flackernder Leuchtstoffröhre. Ja, so stellt man sich die Wohnung eines Kurt Krömer vor! Durch die Fenster hinter der Küchenzeile auf der linken Seite kann man sogar ein wenig erkennen, wenn von "draußen", also von hinter der Bühne, die Talkgäste kommen.

Krömer kommt rein, frenetischer Applaus, man denkt, es geht schon los - aber schließlich macht er doch noch ein Warm-up. Ja, er macht es selbst. Der Mann ist schließlich Unterhalter und nicht bloß Moderator. In Hemd und Hosenträgern erklärt er, dass bereits zwei Shows aufgezeichnet wurden und er sich in der kommenden Aufzeichnung auf Dinge beziehen wird, die den TV-Zuschauern dann schon bekannt sein würden, dem Publikum im Saal verständlicherweise aber noch nicht. Dann zeigt er noch eine MAZ, die Teil einer Krömerschen Reise-Doku zur Bundeswehrtruppe im afghanischen Kabul ist, und von der gleich in der Show der dritte Ausschnitt zu sehen sein wird. Krömer - noch in Deutschland - lernt Marschieren. Die MAZ ist witzig, das Publikum warm.

Krömer geht hinter die Bühne, es beginnt ein kurzer und guter, aber unspektakulärer und abrupt endender Vorspann, in dem Krömer abends durch Berliner Straßen schlendert. Dann Auftritt und erneuter Jubel. Er hat sich ein Sakko übergeworfen - welches er aber schon bald wieder hinter die Sitzgruppe schleudert. Und an dieser Stelle möchte ich Entwarnung geben: Die zuletzt häufig durch die Presse geisternde Behauptung, Krömer sei "seriös" geworden, ist schlichtweg falsch. Nur weil der Mann sich die Haare ein wenig nach oben gelt und einen vernünftigen Anzug anzieht, heißt das noch lange nicht, dass er ab sofort in der Show heiße Eisen anpackt und ernste Themen bespricht. Auch wenn das in der von mir besuchten Show, die als dritte Ausgabe am 8. September ausgestrahlt wird, zunächst so angekündigt wird. Es gehe in dieser Ausgabe um Migration, sagt Kurt.

Nach einem kurzen witzigen Monolog zum Thema folgt ein Einspieler, in dem er auf der Straße zwei Neuköllner Migranten veralbert. Danach bittet er nahezu die komplette erste Zuschauerreihe aufzustehen, um Platz für seine neuen Migrantenfreunde zu machen, die er auf der Straße kennengelernt habe. Dann kommen etwa ein dutzend Leute aus dem Backstagebereich, die in der ersten Reihe Platz nehmen. Sie werden weder vorgestellt, noch gibt es irgend einen Wortwechsel. Im Gegenzug dürfen die ehemaligen Erstreihengäste nun auf der Bühne Platz nehmen - auf dem Bett und an der Bar. Und dort bleiben sie auch für den Rest der Sendung. Das sieht lustig aus, mehr passiert mit ihnen aber auch nicht. Auch auf das Thema Migration wird nicht mehr eingegangen. Nicht, dass ich wirklich irgendwas Ernsthaftes dazu erwartet hätte, geschweige denn hier hätte sehen wollen, aber ein roter Faden wäre schon schön gewesen.

Als Gäste sind der Schauspieler Andreas Schmidt ("Fleisch ist mein Gemüse", "Krauses Fest / Kur / Braut") sowie "The Voice"-Castingshow-Gewinnerin Ivy geladen, für die Krömer von seinen Karteikarten bewusst übertrieben Fragen vorliest. Die sind gut und lustig, aber trotzdem bleibt der Unterhaltungswert unter meiner Erwartung. Krömer wirkt, als habe er keine rechte Lust - und damit meine ich nicht, dass er spielen würde, keine Lust zu haben. Ivy ist sympathisch, aber extrem schüchtern und wortkarg. Und Andreas Schmidt ist leider auch keiner, der mal eben ein paar Schauspieler-Anekdoten raushaut. Da kann auch die im Warm-up angekündigte Fortsetzungs-MAZ von "Krömer in Afghanistan" nicht mehr viel retten, in der ihm in Kabul sein Stubenkollege vorgestellt wird. Am Ende der Show singt Ivy noch ein sehr stimmungsvolles Lied und sorgt damit noch für ein bisschen Show-Atmosphäre in Krömers Wohnzimmer.

Dann ist plötzlich Schluss, die Verabschiedung geht recht schnell vonstatten, und nachdem Krömer, Schmidt und Ivy von der Bühne verschwunden sind, herrscht beim Publikum erstmal leichte Verwirrung. Kommt da noch was? Kommt Krömer noch mal raus und bedankt sich noch mal separat beim Publikum, wie das bei anderen Fernsehaufzeichnungen üblich ist? Verabschiedet uns zumindest die Regie? Auch Ivys Band und die Leute auf dem Bett und an der Bar wissen zunächst nicht genau, was sie machen sollen, verharren noch in Position. Bis die Aufnahmeleiterin schließlich auf die Bühne kommt und alle entlässt.

Ich hatte mir ehrlich gesagt ein bisschen mehr von Kurt Krömers neuer Late-Night-Show erhofft. Jahrelang erklärt der Mann gebetsmühlenartig, dass sein großes Ziel die Samstagabendshow im Ersten sei. Dann bekommt er diese Show nach dem "Wort zum Sonntag", auf dem legendären Sendeplatz, den einst schon Harald Schmidt und Herbert Feuerstein mit ihrer Kult-Show "Schmidteinander" mit hemmungsloser Anarcho-Unterhaltung veredelten. Aber irgendwie wirkt es, als sei ihm das alles egal. Dafür, dass es der Sendung an Ideen mangelt, ist Krömer aber auch nicht allein verantwortlich. So eine Sendung wird ja von Redakteuren, bestenfalls auch noch ein paar witzigen Autoren erdacht. Aber davon merkt man leider herzlich wenig. Während ZDFneo mit "neoParadise" vor albernen Einfällen und witzigen Aktionen in der gleichen, 45-minütigen Sendezeit nur so strotzt, verlässt man sich bei Krömer offenbar einzig auf sein Talent zu improvisieren und Gespräche kunstvoll an die Wand zu fahren. Das kann funktionieren, hat es bei dieser Sendung aber nicht. Da war einfach zu wenig Fleisch dran, zu wenig Herzblut für diesen Sendeplatz im Ersten. Man hat durchaus gelacht, und auch nicht wenig. Aber so richtig gezündet hat die Nummer bei mir nicht. Krömers Show ist exakt die gleiche wie in den Jahren zuvor. Abgesehen davon, dass die Bühne schöner ist und mit ihren vielen liebevoll gestalteten Details dazu einlädt, sie mit Ideen zu füllen und zu bespielen.

Und dann ist da noch Krömers Ausflug nach Afghanistan, der sich mit Einspielfilmen durch die komplette Staffel ziehen soll. Es ist sicher ein tolles Anliegen, mit so einer witzigen Aktion die Soldaten ein wenig vom harten und gefährlichen Alltag an der Front abzulenken. Bei den Amerikanern hat so etwas Tradition, Bob Hope und Robin Williams sind da gute Vorbilder. Aber man befindet man sich in einem Dilemma. Von Kabul wird man außer der Innenansichten des hochgesicherten Camps nichts zeigen können. Alles, was man innen dreht, hätte man auch in einer x-beliebigen Kaserne in Deutschland aufnehmen können. Und Späße fürs Fernsehen aufzuzeichnen, während außerhalb der Schutzmauern herumgebombt wird, scheint irgendwie unpassend. Man dreht also im Krieg, möglichst ohne den Krieg zu thematisieren. Ein Balanceakt. Mal sehen, wie das in den weiteren Sendungen fortgeführt wird.

Schön, dass die ARD einen guten Sendeplatz für Kurt Krömer freigeräumt hat. Jetzt ist es an ihm, dieses Angebot zu nutzen und die Sendung zu verbessern. Jedoch kann man dadurch, dass man die komplette Staffel schon vor Ausstrahlung der ersten Folge aufgezeichnet hat, nicht mehr auf mögliche Kritikpunkte von außen reagieren oder auf aktuelle Entwicklungen eingehen.

Bekannte erzählten mir, dass die am folgenden Tag aufgezeichnete Folge 5 mit den Gästen Michael Gwisdek und Ernie & Bert ein ganzes Stück lustiger und anarchischer gewesen sein soll. Ich will also die Flinte mal noch nicht ins Korn werfen.

18.08.2012 - Mario Müller/wunschliste.de