Müllers Meinung

...zu "Günter Wallraff deckt auf"


Müllers Meinung
In "Müllers Meinung" blickt wunschliste.de-Autor Mario Müller in unregelmäßigen Abständen auf aktuelle Entwicklungen aus der bunten Welt des Fernsehens. Natürlich ganz subjektiv.

Wallraff deckt auf
Bild: © RTL

Deutschlands bekanntester Enthüllungsjournalist Günter Wallraff bei RTL! Zuerst dachte ich: WAS für ein Coup! Erst hat er unter dem Tarnnamen "Hans Esser" in der Redaktion der BILD-Zeitung die schmutzigste Journalistenhöhle Deutschlands hochgehen lassen, und jetzt entlarvt Wallraff die fragwürdigen Programmentscheidungen von deren Fernsehäquivalent RTL! Der Mann geht echt dahin, wo's wehtut, der schreckt vor nichts zurück! Alle Achtung! Doch dann musste ich ernüchternd feststellen, dass der Kölner Sender den renommierten Aufdecker für eine Reportage gewonnen hat. Wallraff schleicht sich bei Deutschlands drittgrößtem Kurierdienst GLS ein und erlebt am eigenen Leib, welch perverse Arbeitsmaschinerie die Mitarbeiter durchlaufen müssen, um nach täglich 12 Stunden schweren Schuftens durchschnittlich 3 Euro Stundenlohn zu bekommen. Brutto.

Vielleicht ist der 28-jährige Andi, der ihn in die Firma einschleust und sich anstatt von Butterbrot ausschließlich mit Schmerztabletten ernährt, um seinen vom Paketeschleppen geschundenen Rücken zu beruhigen, ein besonders extremer Fall und nicht der typische Kurierfahrer. Aber irgendwie bin ich doch geneigt zu glauben, dass Andi kein Einzelfall ist - und Wallraff tut sein Möglichstes, das auch zu bestätigen. Er entlarvt GLS als Arbeitgeber, der mit falschen Versprechen junge Mitarbeiter ködert und sie mit kalkuliert langen Arbeitszeiten und lächerlichem Stundenlohn zermürbt.

War Wallraff bisher ausschließlich für öffentlich-rechtliche Sender im Einsatz, so zeigt RTL hier, was es kann: gekonnt verkürzen, zuspitzen und auf den Punkt bringen. Mit schnellen Schnitten, Split-Screen, passender Sound-Untermalung und anschaulichen grafischen Animationen, die jeder versteht, wird die Reportage spannend und auf breites Publikum getrimmt. Betroffene (Ex-)Mitarbeiter schildern ihre persönlichen Schicksale in Großaufnahme und Firmen-Manager lachen vor versteckter Kamera großkotzig über ihre eigenen menschenverachtenden Geschäftspraktiken - der Zuschauer wird tief emotional angesprochen, bekommt Hass auf die Firma und wird von morgen an mindestens zweimal schlucken, wenn er an der Haustür ein Paket vom Dumpinglohn-Ausbeuter-Kurierdienst in Empfang nimmt.

Ich frage mich, ob GLS derzeit Werbung auf RTL schaltet - und vermute wohl eher nicht. Während die ARD sicher keine Probleme hätte, ein Unternehmen derart an den Pranger zu stellen, sieht die Sache für einen werbefinanzierten Privatsender anders aus. RTL wird sicher mit Wallraff genau besprechen, welche Firmen er in Zukunft in die Scheiße reiten darf und welche man eher außen vor lassen sollte. Eigentlich ist es nur schwer vorstellbar, dass Wallraffs Reportage über die verschimmelten Billig-Aufbackbrötchen bei LIDL aus dem Jahr 2009 auf RTL laufen könnte. Andererseits ist RTL als Werbeträger womöglich inzwischen derart mächtig und unverzichtbar, dass man möglichem Ärger selbst mit wichtigen Werbepartnern gelassen entgegensieht.

Und genau das würde ich mir wünschen. Dann darf RTL eine Reportage auch ruhig mit seiner typischen Action und Dramatik aufhübschen - solange die Sache Hand und Fuß hat und zumindest einigermaßen sachlich bleibt. Denn wenn sich durch solche Beiträge tatsächlich etwas ändert, Skandale aufgedeckt und tatsächlich sittenwidrige Methoden von Firmen zur besten Sendezeit vor einem großen Publikum entlarvt werden, dann ist das nicht nur gutes, sondern auch sinnvolles Fernsehen.

31.05.2012 - Mario Müller/wunschliste.de

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  • DeNiroDeNiroschrieb am 01.06.2012, 20.57 Uhr:

    Danke Cassiel. Du sprichst mir aus der Seele.
  • cassielcassielschrieb am 31.05.2012, 12.52 Uhr:

    Das Problem dieser Art von "Reportage", "Berichterstattung" etc. ist das Monitor-Syndrom.
    http://wwwahnsinn.wordpress.com/2010/08/30/das-monitor-syndrom/
    Es werden Missstände bis ins Detail aufgedeckt, aber was ändert es? Nichts!
    Kein konstruktiver Ansatz, keine Systemkritik, kein Boykottaufruf, kein Hinweis an den Zuschauer was er anders machen oder aktiv werden könnte.
    Und so bleibt Fernsehen, das was es ist: ein Sedativum, ein Schlafmittel für die Massen, Opium fürs Volk. Wer nur als passiver (Medien-)Konsument und Ohrensesselrevoluzzer behandelt wird, der bleibt auch passiver (Medien-)Konsument und Ohrensesselrevoluzzer. Da sind sich alle "kritisch-investigativen" Medienmacher gleich und Wallraff macht da keine Ausnahme, erst recht nicht bei RTL, die offensichtlich jetzt das linke Spektrum als Zielgruppe auf dem Radar haben.
    Und da wird es (scheinbar) schizophren: ein werbefinanzierter Profitsender deckt die Scheinheiligkeit von Werbung auf. Die Auflösung dieses scheinbarern Widerspruchs: er macht es weil er (aus Erfahrung mit den ÖR) genau weiß, wie folgenlose derartige "Reportagen" sind. Ein paar Linke regen sich auf und das wars dann. Schon morgen wird eine neue Sau durch's massenmediale Dorf getrieben und die Tatsache, dass diese Sau irgendwann wieder einmal dran ist und massenmedial "recycelt" wird (ist ja nicht neu die Beschäftigungsverhältnisse bei GLS) beweist wie folgen- und damit harmlos solches Fernsehen für derartige Missstände ist. Ja, die Medienmacher klopfen sich noch auf die Brust und sagen: "Wir haben schon vor 30 Jahren berichtet ...".
    Diese Massenverdummungsmedienbetonwüste ist nur noch krank und nur was für kranke Menschen.