Müllers Meinung

...zum "Wer wird Millionär?"-Prominentenspecial


Müllers Meinung
In "Müllers Meinung" blickt wunschliste.de-Autor Mario Müller in unregelmäßigen Abständen auf aktuelle Entwicklungen aus der bunten Welt des Fernsehens. Natürlich ganz subjektiv.

Wer wird Millionär
Bild: © RTL / Stefan Gregorowius

Gestern Abend lud Günter Jauch zum letzten Mal vor der Sommerpause zu "Wer wird Millionär?", dem einstigen Quotenschlachtschiff von RTL, das in letzter Zeit aber in eher ruhigeren Gewässern dümpelt und meist nur noch Marktanteile unter dem Senderdurchschnitt einfährt. Da wollte man verständlicherweise erhobenen Hauptes in die Pause gehen und veranstaltete sicherheitshalber ein Prominentenspecial, das 24. um genau zu sein. Anke Engelke war schon zum vierten Mal dabei (gehen RTL langsam die witzigen Promis aus?), und als könne man beeinflussen, welcher Promi wann an der Reihe ist, kam sie auch tatsächlich als witziger Höhepunkt ganz am Ende dran.

Den Beginn machte aber Fernsehkoch Horst Lichter, der zunächst arge Probleme mit den einfachen Fragen hatte. Und danach auch mit den schwierigeren. Der Mann, der selber schon fast eine Ikone des Werbefernsehens ist, hatte keinen blassen Schimmer, dass Vidal Sassoon Friseur war. Obwohl man an der gleichnamigen Shampoo-Marke in den Neunziger Jahren kaum vorbeikam. Er scheiterte schließlich an der perfiden Frage, von welchen Tieren es tausende Arten gibt: Schnuckelschnaken, Schnörkelschnucken, Schnirkelschnecken oder Schniedelschnepfen? Telefonjoker Jan Hofer musste auch passen und holte mit einer Variante, die gar nicht vorgegeben war ("Schnuckelschnecken") die Lacher auf seine Seite. Lichter erspielte schließlich 32.000 Euro zu Gunsten zweier Herzkliniken.

Dann war Fürstin Gloria von Thurn und Taxis an der Reihe, von der man zunächst erfuhr, dass sie die Sendung noch nie gesehen hatte. Was nicht unbedingt gegen sie spricht. Bedenken hatte ich da schon eher, dass die für ihre gelegentlichen kruden konservativen Ansichten bekannte Dame zwischendurch mal wieder durch eine politisch unkorrekte Bemerkung einer Randgruppe auf den Schlips tritt. Passenderweise war sie Mitte April zusammen mit Anke Engelke zu Gast in der Vorabendshow von Jauchs Freund Thomas Gottschalk und muss da zum Thema "Herdprämie" und "Betreuungsgeld" einige Dinge vom Stapel gelassen haben, die Anke Engelke wiederum ein paar Tage später bei Harald Schmidt dazu veranlassten, sich über die Fürstin zu echauffieren. Bei Jauch hielt sich die Adlige gottseidank diesbezüglich zurück und sah mit ihrer Riesenbrille so süß und naiv aus, dass ich ihr auch einigen Blödsinn hätte durchgehen lassen.

Die Frage des Tages ("Wo wurden 25% der bisherigen Bundeskanzler geboren? - Hamburg, München, Köln oder Berlin?") wurde sodann auch vom Publikumsjoker des Tages beantwortet, einem ehemaligen GEZ-Beamten aus Köln (Schreibtischtäter, nicht Türklingler!). Er wusste, dass es sich um Hamburg handeln musste, da von den bisherigen acht Kanzlern Helmut Schmidt und Angela Merkel gebürtige Hamburger seien. Frech wie Oskar meldete sich der Mann später bei Anke Engelke erneut zur Hilfe, lag da mit einer Fußballfrage jedoch falsch.

Da die Fürstin nicht beantworten konnte, welche Insel beim Untergang der Titanic am nächsten war (Ellis Island, Grönland, Neufundland oder Island), ging sie mit immerhin 64.000 Euro für eine katholische Stiftung in Jordanien nach Hause. Neufundland wäre richtig gewesen, "Titanic vor Neufundland gesunken" lautete die Meldung im April vor genau 100 Jahren.

Das "Let's Dance"-Moderatorenpaar Daniel Hartwich und Sylvie van der Vaart kam da schon auf 125.000 Euro, wobei Hartwich Jauch mit gewitzter Voreiligkeit vor den Kopf stieß, indem er die richtige Anwort auf die 100-Euro-Frage schon sagte, bevor sie eingeblendet wurde ("Wer die Schlagersängerin Berg von hinten betrachtet, sieht..." - Hartwich: "Andreas Kreuz!" - Jauch: "Sie Klugscheißer!"). Und auch danach bewegte sich Hartwich scharf an der Grenze zur Unbeliebtheit, indem er seine Ratepartnerin oberlehrerhaft zurechtwies. Trotzdem schafften es die beiden am Ende auf 125.000 Euro für "DKMS Life" und "Ärzte ohne Grenzen".

Anke Engelke kitzelte den bis dahin eher ruhigen Jauch am Ende endlich ein bisschen aus der Reserve, fröhlich frotzelnd warf man sich die Bälle zu und scherzte über das Nasenfahrrad des jeweiligen Gegenübers (Engelke: "Mit so einer Brille waren Sie doch bestimmt auch Klassenbuchbeauftragter?" - Jauch: bejaht und zählt alle Kameraden seiner 5. Klasse auf - Engelke und Publikum: applaudieren baff). Anke Engelke schnupperte sogar an der 500.000-Euro-Frage ("Das Trema ist fester Bestandteil von: Renault, Peugeot, Citroën, Bugatti?"), musste jedoch passen und sich hinterher von Sylvie van der Vaart aufklären lassen, dass es sich bei "Trema" um ein ganz normales holländisches Wort für "Doppelpunkt" handelte, also zum Beispiel die beiden Punkte über dem "e" von "Citroën". Damit war Frau van der Vaart am Ende intellektuell rehabilitiert und Anke Engelke konnte ebenfalls erhobenen Hauptes mit 125.000 für ein Medikamentenhilfswerk in Afrika nach Hause gehen.

Gut gefallen hat mir, dass sie ihre riskante Zockerei am Ende, als sie keinen Joker mehr hatte, damit rechtfertigte, im Notfall das eventuell verspielte Geld selbst durch Werbeauftritte und persönliche Aktionen wieder reinzuholen.

Doch es wurde wieder deutlich, wie sehr die Show von guten, witzigen, schlagfertigen Kandidaten abhängig ist. Es müssen nicht immer Prominente sein, aber die persönlichen Familienschicksale Unbekannter, die die Beantwortung einer einzigen Frage über mehrere Minuten aufblasen, sind meist eben nur begrenzt unterhaltsam. Zeit für eine Sommerpause. Und höchste Zeit für die vom ZDF geplante Neuauflage der 80er-Jahre-Schnellratesendung "Die Pyramide"!!!

05.06.2012 - Mario Müller/wunschliste.de