Müllers Meinung

...zur neuen Sat.1-Serie "Auf Herz und Nieren


Müllers Meinung
In "Müllers Meinung" blickt wunschliste.de-Autor Mario Müller in unregelmäßigen Abständen auf aktuelle Entwicklungen aus der bunten Welt des Fernsehens. Natürlich ganz subjektiv.

Es kommt noch dicker
Bild: © SAT.1/Conny Klein

Licht und Schatten liegen oft dicht beieinander. Ein gutes Beispiel lieferte gestern Sat.1, das mit zwei völlig unterschiedlichen Premieren aufwartete. Während der Mainzer Sender um 18 Uhr eine geradezu unverschämt detailgetreue Kopie von RTLs Kuppel-Käse "Bauer sucht Frau" mit dem Titel "Land sucht Liebe" zum ersten Mal über den Äther schickte (GRAUSAM!), gab es dann um 21.15 Uhr einen echten Lichtblick. "Auf Herz und Nieren" heißt diese neue Arzt-Serie, die aufgrund ihres überraschend hohen Unterhaltungswertes so rein gar nicht in die übrige Programmpampe passen will.

Der attraktive Arzt Dr. David Heller (Max von Pufendorf) hat gerade in den USA eine teure Ausbildung zum Schönheitschirurgen beendet. Auf dem Rückflug lernt er eine nicht minder attraktive Frau kennen und nagelt diese auch sogleich hinterm Vorhang neben der Flugzeugtoilette, um direkt danach noch schnell bei einer anderen Passagierin eine Entbindung durchzuführen. Auf der Fahrt vom Flughafen rettet der Halbgott in Weiß dem alten Herrn Hansen (Gerhard Garbers), der einen Herzanfall erleidet, das Leben. Der Mann entpuppt sich ebenfalls als Arzt und will sich nur dann im Krankenhaus durchchecken lassen, wenn Heller ihn spontan in dessen Praxis vertritt. Heller willigt ein, und muss sich nicht nur mit typischen Berliner Kiez-Kassenpatienten herumschlagen, sondern auch mit Hansens Nichte Nina (Stefanie Stappenbeck), die die Praxis in zwei Jahren nach der Facharztprüfung von ihrem Onkel übernehmen soll.

Ganz schön viel und auch ganz schön konstruiert, was da allein in der ersten Viertelstunde passiert. Aber das Ganze ist so intelligent, charmant und (wort)witzig in Szene gesetzt, dass mich der rasante Handlungsverlauf nicht weiter stört und ich dem weiteren Treiben gerne zuschaue.

Heller übernimmt nicht nur vorübergehend den Job in Hansens Kiez-Praxis, sondern zieht auch in die WG von Nina ein, die ihren Freund bei einem tragischen Autounfall verloren hat. Ihr Mitbewohner "Düse" ist Ninas bester Freund und vor allem ein liebenswert-schräger Vogel, der das Ensemble mit seinen surrealen Weisheiten um einen netten Komik-Part ergänzt. Nina und ihr neuer Kollege und Mitbewohner kriegen sich sehr bald in die Haare. Als ihr Onkel Harry eröffnet, dass es ihn doch schlimmer erwischt hat, er nicht mehr arbeiten könne und Heller gerne dauerhaft in seiner Praxis hätte, ist sie kurz vorm Ausrasten. Gut, dass Heller Hansens Praxis so schnell wie möglich verlassen und lieber als Schönheitschirurg Geld scheffeln will. Doof, dass sein Chef in spe gerade in dem Moment wegen Steuerhinterziehung verhaftet wird, als er bei ihm seinen Einstand geben will. Heller kehrt also zurück in Hansens Praxis, erfreut damit den alten Doc und entsetzt dessen Nichte.

Mit diesem Ende der ersten Folge beginnt eine vielversprechende Serie, die im Vergleich zur letzte Woche gestarteten und direkt davor laufenden Comedy "Es kommt noch dicker" einen deutlichen Qualitätssprung darstellt.

Als Heller im Porsche seiner Flugzeug-Flamme ein Schäferstündchen mit dieser abhält und beim Koitus interruptet wird, weil ihn sein Handy zu einem Notfall ruft, setzt ihm die Gespielin die Pistole auf die Brust: "Du musst dich mal entscheiden - entweder poppen oder Leben retten! Beides zusammen geht nicht!" Das ist nur eine von vielen witzigen Situationen, die sich allerdings auch mit traurig-dramatischen Szenen abwechseln. Von plattem Hau-drauf-Humor bleibt man gottseidank verschont, auch wird hier durchaus glaubhaft gespielt. Das Tempo ist zwar flott, aber nicht so extrem, dass es nervt oder man nicht mehr mitkommt.

Eine überzeugende Pilotfolge, die Lust auf mehr macht - Drehbuchautor Daniel Douglas Wissmann ist hier gutes Handwerk gelungen. Man freundet sich schnell mit dem gut gespielten Figurenensemble an und nimmt Heller sogar ab, dass er sich so schnell von seinem Traum als chirurgischer Spitzenverdiener verabschiedet, um "an der Basis" der Kassenpatienten zu malochen. Der Typ ist nämlich in Wahrheit ein herzensguter Kerl - und obendrein ein verdammt guter Arzt.

Sat.1 hat also zufällig und endlich mal wieder etwas Gutes ins Programm gehievt und wird hoffentlich quotenmäßig dafür belohnt. Falls es die Zuschauer finden, die man zuvor mit dem Rest des Programms in die Flucht geschlagen hat.

18.09.2012 - Mario Müller/wunschliste.de