Müllers Meinung

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Müllers Meinung
In "Müllers Meinung" blickt wunschliste.de-Autor Mario Müller ab sofort in unregelmäßigen Abständen auf aktuelle Entwicklungen aus der bunten Welt des Fernsehens. Natürlich ganz subjektiv.

Nachbar gegen Nachbar
Bild: Sat.1/ Logo

Früher hatte ich Sat.1 gelegentlich gelobt, weil der Sender im Vergleich zur Konkurrenz öfter mal etwas Neues ausprobierte. Vor allem im fiktionalen Bereich wurde mit zahlreichen Eigenproduktionen im Vergleich mit anderen Sendern mehr gewagt. Auch auf die Gefahr hin, damit Schiffbruch zu erleiden. Mittlerweile geht man aber auch bei Sat.1 immer mehr dazu über, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen.

Nachbarn, die sich aus hirnrissigen Gründen die fantasievollsten Hasstiraden an den Kopf werfen, sind ja aus dem nachmittäglichen Scripted Reality-Kosmos der Privatsender hinlänglich bekannt. So liegt es eigentlich nahe, diesem Sujet mit "Nachbar gegen Nachbar" ein eigenes Format einzurichten. Und genau das läuft jetzt werktäglich um 18 Uhr im Bällchensender, nachdem man es im Oktober vergangenen Jahres im Rahmen der Gerichtsshow "Richterin Barbara Salesch" schon mal recht erfolgreich getestet hatte.

Im Gegensatz zu den kürzlich gottseidank im Quotenkeller versunkenen Fake-Talkshows von Annica Hansen und Ernst-Marcus Thomas will man hier den Zuschauern allerdings nicht vorgaukeln, dass an diesen Fällen oder ihren Protagonisten irgendetwas echt ist. Von vornherein merkt man durch die Art und Weise des Kameraeinsatzes, dass da nichts zufällig dokumentiert wird. Und wer einigermaßen klar denken kann (schaltet entweder gar nicht erst ein oder) merkt es auch am völlig überdrehten Spiel der Akteure und den an den Schamhaaren herbeigezogenen Geschichten.

In der ersten Folge wird eine junge Frau von ihren Nachbarn gebeten, während deren Urlaubsabwesenheit doch ab und zu in der Wohnung mal nach dem Rechten zu sehen. Für die Zeit des zweimonatigen Amazonas-Trips wurde die Unterkunft an einen jungen Chinesen untervermietet. Doch statt des einen jungen Chinesen zieht eine komplette chinesische Familie ein, die, wie sich später herausstellt, für den jungen Vertragsunterzeichner arbeitet und von diesem ausgenutzt wird.

Während ich zunächst erheitert bin, weil die Rolle des chinesischen Familienvaters mit dem hochgewachsenen Li Guo Fu besetzt ist, der als Teil des legendären Duos "Li und Wang" in der "Harald Schmidt Show" jahrelang "Die Weisheiten des Konfuzius" radebrechen durfte, ist die junge Nachbarin entsetzt, was diese falschen Mieter in der Wohnung so anrichten.

Aber auch meine Erheiterung weicht bald, denn es sind die furchtbarsten Klischees, die einer meiner Lieblingschinesen da im Auftrag der Autoren und der Produktionsfirma Filmpool bedienen muss. Die Familie richtet eine Garküche in der Wohnung ein, überall liegen Hühnerbeine und Fische, aus der Küche ziehen Nebelschwaden aus Frittierfett und anderen fernöstlichen Düften durchs Treppenhaus. Später stellen sie auch noch die Möbel der verreisten Hauptmieter auf die Straße und bestellen sich zwei große Gasflaschen, mit denen dann sogar in der Stube gekocht wird.

Die anfängliche Nervosität und Aufgeregtheit der jungen Aufpass-Nachbarin ändert sich in Panik und Angst, sie kann die Nachbarn endlich telefonisch erreichen, und die versprechen dann auch, mit dem nächsten Flieger zurückzukommen. Als sie wieder da sind, schmeißen sie die Chinesen raus - und stellen ihrer Nachbarin, die sich ja freundlicherweise bereit erklärt hatte, ein Auge auf die Wohnung zu werfen, alle Schäden in Rechnung. Der Gipfel der völlig überdrehten Geschichte ist erreicht, die Sache wird anwältlich geklärt und die junge Frau bekommt natürlich Recht - auch wenn sie mit ihren Nachbarn kein Wort mehr redet. Schnelles Holzhammer-Ende, wer sich am Schluss irgendwelche juristischen Erklärungen erhofft, hat Pech.

Die schauspielerischen Leistungen der Laiendarsteller sind wie erwartet größtenteils unterirdisch, alle sind bemüht, mehr geht halt nicht. Die junge Aufpass-Nachbarin bringt ihre nervige Panik ganz gut rüber und kann ihre Aufregertexte ziemlich flüssig und realistisch improvisieren. Über den Rest braucht man nicht zu reden. Aber dafür, wie Chinesen in dieser Episode verunglimpft werden, wäre ein Entzug der Sendelizenz für Sat.1 noch eine viel zu milde Strafe.

14.08.2012 - Mario Müller/wunschliste.de