Müllers Meinung

...zum Start der Neuauflage der "Pyramide" auf ZDFneo


Müllers Meinung
In "Müllers Meinung" blickt wunschliste.de-Autor Mario Müller ab sofort in unregelmäßigen Abständen auf aktuelle Entwicklungen aus der bunten Welt des Fernsehens. Natürlich ganz subjektiv.

Ab durch die Mitte
Bild: © ZDF/Max Kohr

Das ZDF hat mein Flehen erhört - eigentlich sehr mysteriös, da ich nur heimlich in mich hineinflehte. Mit der ehemals von Dieter-Thomas Heck moderierten temporeichen Spielshow "Die Pyramide" wurde eine der besten und erfolgreichsten Spielshows des Senders reanimiert. Vielleicht waren sie ja einfach nur in Eile, weil sie fürchteten, dass der NDR nach "Dalli Dalli" einen weiteren ZDF-Klassiker erfolgreich neu auflegt, bevor die Mainzer endlich selber mal aus der Knete kommen und erkennen, welche Schätze sie im Keller liegen haben.

Was die Retro-Fans besonders freuen dürfte: Nicht nur die Studiodeko von "Die Pyramide" erinnert an das Hecksche Original von vor 18 Jahren. Auch die großartige Original-Titelmelodie von Gershon Kingsley wurde beibehalten und nur leicht mit ein paar zusätzlichen Beats aufgehübscht. Soweit die Formalitäten.

Beim Personal setzt man auf (relativ) neue Gesichter. Heck-Nachfolger Micky Beisenherz machte sich bisher hauptsächlich hinter der Kamera als Comedy-Autor einen Namen und schrieb unter anderem Moderationen für "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". Und Joachim Llambi empfahl sich durch seine bissigen Jury-Beurteilungen bei "Let's dance" als Schiedsrichter, der in der Neuauflage gleich mit im Studio sitzt und sich damit - anders als früher Notar Dr. Heindl - bei Bedarf direkt von Angesicht zu Angesicht mit dem Moderator zoffen kann.

Aber wen hat denn die Redaktion da zur historischen Premiere eingeladen? Das sind doch nicht etwa Oliver Pocher und Christine Neubauer, die da den Promi-Part übernehmen? Micky Beisenherz machte aus der Not eine Tugend und stellte Christine Neubauer als "beste deutsche Schauspielerin" vor. Das muss man sich erst mal trauen! Der Mann ist eben Comedy-Autor, man merkt es. Allerdings übte er sich insgesamt in vornehmer Zurückhaltung - was mir lieber ist als ein hysterisches Wiesel auf Ecstasy, wie sich allzu oft manch anderer Moderator gibt. Jedoch: ein kleines bisschen mehr "Pfiff" sei ihm gestattet. Auch Llamby darf seine Handbremse noch ein wenig lockern. Die beiden werden ihre Form sicher finden, da bin ich zuversichtlich. Ein eingespieltes Team - auch im gegenseitigen Herumfrotzeln - wird man eben erst im Laufe der Zeit.

Oliver Pocher blieb sich treu und machte seine Mitspielerin runter, was NATÜRLICH nur ironisch gemeint war. Wenig später regte sich Pocher - zu Recht - immer weiter auf, da sich die Schwierigkeitsgrade zwischen den auszuwählenden Kategorien oft ziemlich stark unterschieden. Während also Christine Neubauer und ihr Teamkollege durch glückliche Kategorienwahl recht einfache Begriffe zu erraten hatten, mussten sich Pocher und seine Partnerin mit schwer zu umschreibenden Wörtern herumplagen. Da ist seitens der Redaktion der Kölner Produktionsfirma Sony Pictures noch ein bisschen mehr Ausgewogenheit gefordert.

Das Spielprinzip blieb weitgehend erhalten, allerdings gibt es insgesamt mehr Geld - und das nicht mehr in D-Mark sondern in Euro. In den Vorrunden wechseln sich Promis und Nicht-Promis beim Erklären und Erraten ab, und es darf wild gestikuliert und grimassiert werden. Wer die meisten Begriffe errät, zieht in die "Pyramide" ein, und hier erklären die Promis die zu erratenden Wörter wie früher mit festgegurteten Händen, denn Gestengefuchtel ist jetzt verboten. Schließlich geht es um bis zu 15.000 Euro, wenn man in 60 Sekunden acht Begriffe errät.

Den früheren Showteil, in dem die prominenten Spieler ein Lied zum Besten gaben, hat man in der Neuauflage eingespart. Ein Umstand, den ich nicht bedaure.

Man hat sich bei dieser Neuauflage insgesamt viel Mühe gegeben und hätte auch eine Menge falsch machen können. Doch die Zuschauer müssen hier weder frenetischen Zwangsapplaus nach jedem Halbsatz noch eine aufgedrehte Moderationsmaschine oder ein Bühnendesign von Florian Wieder ertragen. Auch Musik und Jingles werden glücklicherweise so maßvoll eingesetzt, dass einem nicht schon nach kurzer Zeit die Ohren bluten. Bei der Auswahl der prominenten wie der nicht-prominenten Kandidaten und beim Auswählen der Begriffe sollte man sich noch ein bisschen mehr bemühen. Ansonsten ist dem ZDF zu gratulieren, dass es sich überhaupt traut, den allgemeinen senderübergreifend langweiligen bis strunzdoofen Fernsehnachmittag mit einer temporeichen Spielshow aufzumischen - und es bleibt zu hoffen, dass die Mainzer einen längeren Atem haben als Sat.1 mit "Ab durch die Mitte".


"Die Pyramide" läuft montags bis freitags um 18.45 Uhr bei ZDFneo und ab dem 27. August jeweils um 16.15 Uhr im ZDF. Zudem ist das Original mit Dieter Thomas Heck ab dem 20. August wieder montags um 8.45 Uhr auf ZDFkultur zu sehen.