Kurz kritisiert

Wiedersehen mit Brideshead (Reloaded) (31.05.2011)

Wiedersehen mit Brideshead (Reloaded)Evelyn Waughs 1944 erschienener Roman "Brideshead Revisited" zählt zu den populärsten Literaturklassikern Großbritanniens. Nicht minder beliebt ist die 1981 im britischen Fernsehen ausgestrahlte Mini-Serie "Wiedersehen mit Brideshead", die vom British Film Institute in die Liste der "100 besten TV-Programme" aufgenommen worden ist. Unter keinem guten Stern stand dagegen die ursprünglich bereits für das Jahr 2004 angedachte Kinoversion des Stoffes über die britische Upperclass, nachdem sich nacheinander die bereits engagierten Darsteller Paul Bettany, Jude Law und Jennifer Connelly ebenso aus dem Projekt verabschiedeten wie Regisseur David Yates, der lieber einen "Harry Potter"-Film drehen wollte. Erst im Jahr 2007 konnte die Spielfilm-Variante fertig gestellt werden.

Auch die Neufassung erzählt der Vorlage gemäß von verpassten Gelegenheiten, von enttäuschten Hoffnungen und von gescheiterten Versuchen, familiäre und gesellschaftliche Strukturen aufzubrechen. Der Oxford-Student Charles Ryder (Matthew Goode) wird in die adelige Welt der Familie Marchmain eingesogen, die auf Schloss Brideshead lebt: Ihn verbindet eine zärtliche Männerfreundschaft zum Sohn Sebastian (Ben Whishaw), dessen homosexuelle Neigung der dominanten Mutter (Emma Thompson) stark missfällt. Charles findet auch Gefallen an Sebastians in sich gekehrter Schwester Julia (Hayley Atwell), die als "Familienschatten" mit Gleichmut durch die familiären Spannungsfelder balanciert.

Wie in seinem fiktiven Jane-Austen-Biopic "Geliebte Jane" bleibt Regisseur Julian Jarrold auch in "Brideshead" zu unverbindlich und nicht frei von Sentimentalitäten. Insbesondere im Vergleich zu dem zur gleichen Zeit entstandenen Geniestreich des Kostümfilms, dem ebenfalls zwischen den Weltkriegen angesiedelten "Abbitte", werden die fehlenden Qualitäten sehr deutlich. Den komplexen Figurenkonstellationen, die der Roman über viele Jahre hinweg konstruiert, wird die auf 135 Minuten gebündelte Filmfassung nicht gerecht. Jarrold hat schon genug damit zu tun, die Familienchronik zwischen Hochzeiten und Todesfällen etappenhaft abzuhaken. Für die Konturen der Figuren blieb ihm da kaum noch Raum und Zeit: Die großen emotionalen Momente verpuffen spekulativ, weil ihnen die Erdung fehlt.

Das Erste zeigt "Wiedersehen mit Brideshead" als TV-Erstausstrahlung am Pfingstsonntag, 12. Juni um 23.30 Uhr. (Bild: ARD Degeto)

Michael Brandes/wunschliste.de