Peter Sodann, der MDR und Schloss Einstein (08.05.2009)
Wie jeder halbwegs bekannte Mensch hat auch Horst Köhler eine eigene Internetseite. Auf "bundespraesident.de" erfahren wir, dass der Bundespräsident "dem Wohle des Deutschen Volkes" dient. Wählen darf ihn das Deutsche Volk aber nicht. Es könnte jedoch nicht schaden, wenn das Volk zum Trost wenigstens mal hören könnte, was die potentiellen zukünftigen Repräsentanten denn so vorhaben, falls sie die Wahl gewinnen. Bestens dafür eignet sich die Glotze. Da guckt jeder mal rein. Doch längst nicht jeder Kandidat darf ins öffentlich-rechtliche Fernsehen - oder doch?Die SPD-Kandidatin Gesine Schwan zum Beispiel. Beim WDR darf sie wohl nicht, beim NDR jetzt doch. Genaues weiß man nicht. Auf gar keinen Fall, also nirgendwo, darf Peter Sodann, der Kandidat der Linkspartei. Schon seit Oktober gilt sein Bildschirm-Stopp als "Tatort"-Kommissar. Nun hat er auch noch Auftrittsverbot in der KI.KA-Kinderreihe "Schloss Einstein".
Da vermisst man möglicherweise im ersten Moment die Gleichberechtigung. Doch der verantwortliche MDR hat jetzt zumindest eine Begründung nachgereicht: Einer Sender-Richtlinie zufolge müssen Mitarbeiter und Schauspieler, die an einem Wahlkampf beteiligt sind, sechs Wochen vor einer Wahl Mikros und Kameras meiden. Dem Sender könnte sonst ja vielleicht der Vorwurf der Wahlbeeinflussung gemacht werden.
Politiker dürfen also ins Fernsehen, aber keine schauspielernden Politiker?! Das Volk darf an der Wahl gar nicht teilnehmen - darf es trotzdem nicht beeinflusst werden?! Dieses nicht ganz uninteressante Argument lässt der strenge Rundfunkkanal nicht gelten. Schließlich könnte ja auch die Bundesversammlung, die den Bundespräsidenten wählt, durch das Fernsehprogramm beeinflusst werden.
Wie muss man sich das konkret vorstellen, MDR?
Ein Mitglied der Wahlversammlung sieht sieben Wochen vor der Wahl "Schloss Einstein" - kein Problem. Sechs Wochen vorher wird es aber gefährlich. Unbedarft könnte ein Wahlberechtigter das offenbar hochgradig politische Kinderprogramm einschalten, den Kandidaten Sodann erblicken und von dessen Aura emotional überrumpelt werden: "Dieser Sodann... irgendwie ein korrekter Typ und ein verdammt guter Schauspieler!" Danach entscheidet sich der Betroffene zur Rebellion: Er verrät seine Partei und wählt lieber den Schauspieler von der Linken. Peter Sodanns Aussichten, der neue Bundespräsident zu werden, könnten wegen "Schloss Einstein" von momentan exakt 0,00% ins Unermessliche steigen.
Während man noch grübelt, ob seit dem Bildschirm-Stopp für den "Tatort"-Sodann im Oktober wirklich erst sechs Wochen vergangen sind, überrascht die Deutsche Presse-Agentur (dpa) mit folgender Nachricht, die sie sich von der "Einstein"-Produktionsfirma hat bestätigen lassen: Der CDU-Politiker Mike Mohring soll am kommenden Samstag im "Schloss Einstein" zu sehen sein – er schauspielert einen Notarzt. Und kandidiert übrigens in vier Wochen für die CDU bei den Kommunalwahlen in Thüringen!
Die von der Linken sind jetzt erst so richtig sauer, zum Beispiel Lothar Bisky, der daran erinnert, dass Peter Sodann auch schon zu DDR-Zeiten ein Auftrittsverbot hatte. "Fühlt der MDR sich dieser kleinkarierten Tradition verpflichtet?", fragt er rhetorisch-sarkastisch.
Die Produktionsfirma dementiert die dpa-Meldung eilig: Die Szene mit Mohring sei im Januar gedreht worden und bereits "bei der Abnahme" herausgeschnitten worden. Der Politiker mit Schauspiel-Ambitionen werde Samstag nicht zu sehen sein. Das könnten wiederum Neuigkeiten für Herrn Mohring sein, der gegenüber dpa mitteilte, er hätte sich für die Rolle beworben und er werde Samstag für "einige Sekunden" zu sehen sein.
Der MDR hat sich zu Herrn Mohring noch nicht geäußert. Stattdessen wissen wir seit heute, dass Robert Stadlober bald in einer MDR-Märchenverfilmung als "Rumpelstilzchen" zu sehen sein wird. Natürlich nur, wenn er bis dahin nicht in die Politik geht.
Bild: KI.KA
Michael Brandes/wunschliste.de















