Kurz kritisiert

Unser Star für Oslo (02.02.2010)

Unser Star für OsloFür die ARD muss der gelungene Start von "Unser Star für Oslo" eine zwiespältige Erfahrung sein. Weil sich der Sender trotz all seiner jung-poppigen Radiowellen im Rücken nicht mehr selbst in der Lage sah, den nationalen und internationalen Publikumsgeschmack zu ergründen, musste Stefan Raab her. Wie immer erfindet der das Rad nicht neu, sondern frischt bei der ARD lediglich einige Basiselemente des Unterhaltungsfernsehen auf, die dort in Vergessenheit geraten sind.

Zum Glück gezwungen wurde die nicht gerade für engagierte Nachwuchsförderung bekannte ARD auch an anderer Stelle: Weil die Radiosender bei der Auswahl der öffentlich-rechtlichten Abgesandten in Sachen Moderation ein Wörtchen mitreden durften, konnte man endlich der "1live"-Angestellten Sabine Heinrich einmal beim Reden zugucken. Wie ihr Kollege Matthias Opdenhövel erledigte auch sie ihren Job ganz sympathisch und unaufgeregt. Die Show selbst war auf das Wesentliche reduziert. Sehr gelungen die kurzen, smarten Einspieler, in denen die Kandidaten vorgestellt wurden ohne sich zu ihrem Privatleben äußern zu müssen. Lebenszeit wurde den Zuschauern auch am Ende der Sendung aufgespart: Für die Bekanntgabe des Zuschauervotings war keine 45-minütige Sondersendung wie bei "DSDS" nötig, stattdessen wurden – wie beim "Oscar" - schnell und schmerzlos Briefumschläge mit den Namen der gewählten Kandidaten geöffnet.

Raab, der Jury-Präsident, legte sichtlich viel Wert darauf, dass die Kandidatin seiner Show ordentlich behandelt werden und lobte sich dafür in der Sendung auch selbst. Schade, dass für seine "TV total"-Show nicht die gleichen Maßstäbe gelten. Im Anschluss an "Unser Star für Oslo" war dort das "Worst of" der Casting-Kandidaten zu sehen, im üblichen "DSDS"-Stil. So viel Scheinheiligkeit hinterlässt einen faden Beigeschmack.

Ein musikalisches As im Ärmel rettete aber den insgesamt guten Gesamteindruck. Neun solide, aber nicht überwältigende Kandidaten hatte man bis dahin gesehen, die aber allesamt mehr zu bieten hatten als "Alex swings, Oscar sings", das Grand-Prix-Desaster des Vorjahres. Dann betrat als letzte Sängerin des Abends die 18-jährige Lena Meyer-Landrut zum ersten Mal eine Bühne und eroberte mit betörendem Charme und unkonventionellem Auftritt die Herzen von Publikum und Jury. Originell, kapriziös und voller ansteckendem Enthusiasmus sang sie sich durch "My Name" von Adele. Man sollte diese "Unser Star für Oslo"-Sache sofort beenden und für Lena ein Hotelzimmer in Oslo buchen, bevor sie es sich anders überlegt. Spätestens an dieser Stelle hatte Raab sein Ziel vorzeitig erreicht: Er hat Vorfreude auf den Grand Prix geweckt und schon in der ersten Runde eine Kandidatin aus dem Hut gezaubert, die ein "Wir"-Gefühl erzeugen und - 28 Jahre nach Nicole - beim Grand Prix wirklich mal was reißen könnte. Nebenbei: Endlich geht es in einer Castingshow mal wieder um Musik.


Video: Lena Meyer-Landrut - "Unser Star für Oslo" (ProSieben)


Bild: ProSieben/Willi Weber

Michael Brandes/wunschliste.de