Kurz kritisiert
Auge in Auge - Eine deutsche Filmgeschichte (07.02.2010)
Auge in Auge - Eine deutsche FilmgeschichteWie sortiert man mehr als 100 Jahre heimisches Kino? Wer entscheidet darüber, welche Filme wichtig sind und welche vergessenswert? "Auge in Auge" ist ein einziger Bilderrausch: Michael Althen und Hans Helmut Prinzler zeigen Szenen aus über 250 Filmen, eine Collage unzähliger Namen, Gesichter und Augenblicke; die meisten vertraut, viele lieb gewonnen. Mit einer unglaublichen Liebe zum Detail sortieren sie die Bilder mal nach zeitgeschichtlichen Bezügen (u.a. Nationalsozialismus, DEFA-Zensur, Mauerfall), mal nach szenischen Themenfeldern (u.a. Männeraugen, Frauenblicke, Filmküsse).

Das Herzstück bilden zehn prominente Filmschaffende, die bisweilen sehr intim und mitreißend Szenen aus persönlichen Lieblingsfilmen kommentieren. Tom Tykwer berichtet da von seinen Kindheitserlebnissen mit Murnaus "Nosferatu". Andreas Dresen freut sich immer noch diebisch darüber, wie schlagfertig "Solo Sunny" morgens ihre nächtliche Bekanntschaft rauswirft: "Is' ohne Frühstück". Und ausgerechnet Christian Petzold, der Vorzeigeregisseur der gedankenkühlen Berliner Schule, hat sein Herz an eine schwer romantische Liebesszene aus Käutners "Unter den Brücken" verloren.

Wie es gelingt, die Magie dieser Meisterwerke lediglich mit Hilfe kurzer Ausschnitte spürbar werden zu lassen, gehört zu den größten Qualitäten dieser Dokumentation, die sich nicht nur an Filmexperten richtet. Die Autoren schenken den oft gegensätzlichen Polen Kunst und Unterhaltung eine gleichberechtigte Bedeutung und vermitteln auch, dass es keiner Cineasten bedarf, um Filmhistorie zu dokumentieren oder die Relevanz von Filmen zu bewerten. Die deutsche Filmgeschichte ist erst einmal unsere eigene Geschichte. Eine rein subjektive Wahrnehmung, ein Puzzle in unseren Köpfen, das mit jedem gesehenen Film weiter wächst.

(Das Erste zeigt die Dokumentation "Auge in Auge" als Erstausstrahlung in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar um 0.40 Uhr.)

Bild: WDR/rbb

Michael Brandes/wunschliste.de


Nächste Kurzkritik:
Unser Star für Oslo

Übersicht
Anzeige