Prosit, Sesamstraße!
35 Jahre kreatives Kinder-Chaos

Kinderprogramm als politisches Streitobjekt

Sesamstraße Krümelmonster
Das Krümelmonster
(Bild: NDR)
Die "Sesamstraße" war damals schon fast ein Politikum. Regierungskritiker meinten, das Fernsehen müsse dafür herhalten, um liegengebliebene Reformen zu überdecken. Aber das junge Publikum war offenbar anderer Ansicht und reagierte positiv auf die bereits 1971 testweise von NDR, RB, SFB und WDR ausgestrahlten fünf Originalepisoden.

Die ARD gründete eine "Arbeitsgemeinschaft Vorschulerziehung", die von da an das Kleinkinderprogramm entwickeln sollte. Deutschland war das erste Land, das die Sendung als Koproduktion mit den USA herstellte. In Mexiko und Kanada lief zuerst nur die US-Fassung.

Am 8. Januar war es soweit: Mit dem Titelsong "Der, die, das - wieso, weshalb, warum?" begann die erste Folge der deutschen "Sesamstraße" - und zwar nicht nur in den Regionalprogrammen von NDR, RB, SFB, HR und WDR, sondern auch im Ersten. In den "Südstaaten" schloss man sich erst im Mai an, man wollte erst einmal abwarten und sehen, wie sich die Sendung entwickle.

Aber auch als SDR, SWF und SR die "Sesamstraße" in ihr Programm übernahmen, weigerte sich der Bayerische Rundfunk standhaft, dies ebenfalls zu tun. Das beweist, dass man in der ARD auch damals schon gut miteinander streiten konnte, auch wenn die Argumente von damals heute für Skandale sorgen würden: Denn nach Ansicht des damaligen Fernsehdirektors des BR, Helmut Oeller, könnten sich deutsche Kinder nicht mit den "in der Sendung auftretenden Negern" identifizieren. Außerdem gebe es in Bayern "keine unterprivilegierten Kinder".

Es mag ja sein, dass die durchaus realistisch nachgebildete Straße in einem US-amerikanischen Großstadt-Slum mit ihren Einwandererfamilien nicht ganz München-Grünwald entspricht, aber unvoreingenommen denkenden Kindern sollte gerade dies ganz bestimmt nicht schaden. Die Projektgruppe, die sich in der ARD mit dem Kinderfernsehen beschäftigte, vermutete dann schließlich sogar, dass der BR sich vor allem deshalb so verhalte, weil er "seinen Plan, die 'Vorherrschaft' im Vorschulprogramm der ARD zu erlangen, gefährdet sah".

Der damalige ORF-Direktor Helmut Zilk hatte ähnliche Ansichten wie Oeller und meinte, in Österreich würden "die Kinder bekanntlich nicht mit Negern und Puertoricanern, sondern mit Türken und Jugoslawen konfrontiert." Und die positive Resonanz der jungen Zuschauer erklärte er mit den Worten: "Auch Haschisch ist bei vielen beliebt - der Beliebtheitsgrad ist kein Beweis für Bekömmlichkeit."

Auch der "SPIEGEL" reagierte irritiert auf die neue Art des Kinderfernsehens: "Da hämmern höllisch die Alphabete, da zucken flipperhaft Ziffern in reißendem Rhythmus, und auf flinken Alliterations-Jux ('Lustige Leute lieben lange Leitern') folgt - höchst gewagt - die Geschichte des O und das Lied von der Sechs." Die jungen Zuschauer hingegen waren begeistert - und der "SPIEGEL" bekam Konkurrenz: Von einer eigens herausgegebenen "Sesamstraßen"- Kinderzeitschrift waren binnen kurzer Zeit alle 230.000 Exemplare ausverkauft.


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