Prosit, Sesamstraße!
35 Jahre kreatives Kinder-Chaos

Deutsche TV-Stars aus Plüsch, Fleisch und Blut

Lilo Pulver/Manfred Krug
Pulver, Krug, Samson
(Bild: NDR)
Nachdem auch immer mehr Eltern und Pädagogen kritisiert hatten, dass die dargestellten synchronisierten Straßenszenen aus dem US-Original zu weit von der Lebenswelt deutscher Kinder entfernt seien, ließ der NDR diese Szenen ab 1976 weg. Daraufhin protestierten allerdings die Kinder, denen jetzt ihre liebgewonnenen Identifikationsfiguren fehlten. Mit Hilfe der ständigen programmbegleitenden Forschungen und Zuschauerbefragungen entwickelte der NDR ein neues Konzept.

Bei der Firma des legendären Muppet-Erfinders Jim Henson bestellte man die eigens für Deutschland entwickelten Puppen Samson und Tiffy, die von Kermit Love, einem legendären langbärtigen Kostüm- und Puppenbildner am New Yorker Broadway, angefertigt wurden. Dieser war offenbar auch Namensgeber für den berühmtesten Fernsehfrosch der Welt.

Neben den Puppen zogen 1978 mit Liselotte "Lilo" Pulver und Henning Venske ("Musik aus Studio B") erstmals reale TV-Stars in das neugestaltete Studio ein. Der NDR ließ sich die Studioszenen richtig Geld kosten. Man nutzte zwei Ateliers auf dem Gelände von Studio Hamburg im Stadtteil Wandsbek, investierte in liebevolle Dekorationen und konnte die Spielszenen mit drei fahrbaren Kameras sowie einem Kamerakran sehr aufwendig filmen.

Der neugierige und gutmütige Bär Samson wurde bis 1983 von Peter Röders "gesteuert", der zur damaligen Zeit Puppenspieler in Kiel und Umgebung war. Dessen Partnerin Kerstin Siebmann-Röders erweckte den neunmalklugen rosa Vogel Tiffy zum Leben und lieh ihr auch die Stimme. Der stets schlecht gelaunte Ulli von Bödefeld wurde als einzige Puppe in Deutschland gefertigt - in der Werkstatt von Peter Röders.

Laut Röders war es der ausdrückliche Wunsch von NDR-Redakteur Jürgen Weitzel, dass Samson einen Fleck auf seiner Nase haben sollte und ständig "Uiuiuiui" sagen musste. Der Bär kam bei den Kindern so gut an, dass die Fanpost schon bald an die "Samsonstraße" adressiert wurde.

Lilo Pulver, die durch zahlreiche Spielfilmrollen in den 1950er und 60er Jahren zum großen Leinwandstar wurde, begeisterte die Zuschauer vor allem durch ihr umwerfendes Lachen und sorgte dafür, dass auch viele Eltern freiwillig mit ihren Kindern zusammen fernsahen. Der freche und oft ironische Henning Venske musste eigenen Angaben zufolge die Sendung 1979 eher unfreiwillig verlassen. Wie er dem "Sesamstraßen-Fanclub" in einem Interview sagte, wurde ihm per Brief mitgeteilt, "man wolle nun ohne mich weitermachen, damit sich die Kinder nicht allzusehr an mich gewöhnen und Lilo weiter machen durfte...". Angeblich habe ihm der NDR gekündigt, weil er sich in der DKP engagierte, was damals im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht gern gesehen wurde. Für Venske übernahm Uwe Friedrichsen den Part an Lilo Pulvers Seite.

Außerdem gesellten sich ab 1980 die Schauspielerin Ilse Biberti und Horst Janson dazu, der sechs Jahre zuvor als "Der Bastian" im ZDF für Furore gesorgt hatte. Auf Ilse Biberti, die in 220 Folgen neben Horst Janson spielte, folgte 1981 Ute Willing, die auch heute noch in zahlreichen Theater- und Fernsehproduktionen wie "Ein Fall für Zwei", "Die Cleveren" oder "Alles außer Sex" zu sehen ist.

Als Uwe Friedrichsen die "Sesamstraße" 1981 verließ, zog an seiner Stelle Manfred Krug ein, der zur gleichen Zeit auch als Fernfahrer Franz Mersdonk mit der Abenteuerserie "Auf Achse" Erfolge feierte. Laut Lilo Pulver habe Krug überall im Studio Spickzettel angebracht, an denen er sich orientieren konnte. Zwischen 1979 und 1982 hatte auch die österreichische Journalistin Elisabeth Vitouch regelmäßige Auftritte.

1983 beendeten Liselotte Pulver und Manfred Krug sowie alle anderen Schauspieler ihr Engagement in der Serie. In den folgenden zwei Jahren wurden keine neuen Folgen produziert und ausschließlich Wiederholungen gesendet, besonders der letzten Folgen. Da in den anschließenden Jahren pro Jahr nicht mehr so viele neue Folgen produziert wurden, gab es bis einschließlich 1994 immer wieder Wiederholungen mit Episoden aus den 80ern. Das führte dazu, dass die Folgen mit Liselotte Pulver besonders viele Kinder erreichten und auch heute noch Vielen in Erinnerung sind.

Als der NDR 1986 begann, neue Folgen herzustellen, wurde auch gleich das Studio modernisiert und neu gestrichen, und Gernot Endemann ("Die Unverbesserlichen") und Hildegard Krekel ("Ein Herz und eine Seele") zogen als "Schorsch" und "Bettina" in die neue Wohngemeinschaft. Hinzu kamen eine Werkstatt für Schorsch und ein Häuschen für Tiffy.


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