von Ralf Döbele
![]() |
| Hung (Bild: Home Box Office, Inc.) |
![]() |
| Thomas Jane (Bild: Home Box Office, Inc.) |
Unterm Strich braucht Ray also dringend Geld, wie so viele in der heutigen wirtschaftlichen Lage. In seiner Verzweiflung besucht er ein Seminar, wo man lernen soll, wie man sein eigenes, persönliches "Werkzeug" identifiziert und dann auch als Geschäftsidee vermarktet. Tanya Skagle (Jane Adams) hat Rays Werkzeug schon längst identifiziert und auch genossen. Die beiden hatten mal was miteinander als Tanya in Rays Schule eingeladen wurde. Wer braucht schon nicht eine örtliche Dichterin in seinem Unterricht? Leider hat Tanya mit ihrer Begabung ungefähr so viel Erfolg wie Ray in seinem ganzen Leben und so suchen die beiden erneut Zerstreuung auf der Matratze. Doch selbst das einfache Vergnügen endet im Streit, da Ray für Tanya nicht sensibel genug ist. "Warum vermarktest Du nicht einfach Deinen großen Schwanz?!!!", schreit sie ihm wütend hinterher.
![]() |
| Jane Adams (Bild: Home Box Office, Inc.) |
"Hung" entpuppt sich, trotz seiner eigentlichen Thematik, nicht als "Boogie Nights" in Serie. Statt dessen ist die Comedy eher hintersinnig und als Portrait einer Region angesiedelt, die ganz extrem unter der wirtschaftlichen Depression leidet. Detroit lebt wie keine andere Stadt in den USA von der Automobilindustrie und um die steht es nicht gerade zum Besten. Dies spiegelt sich direkt in schmutzigen und heruntergekommenen Häuserblocks und einer kargen Atmosphäre, die in "Hung" wunderbar eingefangen wird. Bereits im Vorspann marschiert Ray durch die teilweise abbruchreif wirkende Stadt und entblättert sich Stück für Stück, bis er in einen kleinen See springt. "Hung" gelingt, woran "Parks and Recreations" und "In the Motherhood" als Comedy-Serien vollkommen scheiterten: durch Kameraarbeit im Dokumentar-Stil wird der Realismus der Handlung wirkungsvoll unterstützt und so wird Rays Abenteuer zum exemplarischen Beispiel aus der Krise. Optisch besonders gelungen ist auch die Sequenz, in der Rays Haus in Flammen aufgeht. In aller Ruhe schmort da ein Kabel vor sich hin und man erschrickt, wenn man beobachtet, wie schnell sich das Feuer tatsächlich ausbreitet. Aber all dies geschieht eben in einem langsamen Erzählstil. Wie gesagt, schnelle Gags oder Pointen gibt es hier nicht.
![]() |
| Anne Heche (Bild: Home Box Office, Inc.) |
Leider gibt es dementsprechend auch viele Aspekte des Piloten, die einfach nicht funktionieren und den Einstand von "Hung" so unausgewogen machen. Anne Heche ist als Rays Ex-Frau einfach nur irritierend, was allerdings nicht nur an der schauspielerischen Leistung liegt. Letztendlich zeigt sich für Jessica und ihren Schatz, den Dermatologen, kein echtes weiteres Handlungspotential. Die beiden sind zusammen und glücklich, was Ray zwar nervt, aber was kann da noch passieren, außer dass Jessica ihm andauernd seine Schwächen aufs Brot schmiert? Der einzige Ausweg wäre eine erneute Annäherung der beiden, doch so wie Heche Jessica nun mal darstellt, will man das als Zuschauer wirklich nicht. Eigentlich könnte "Hung" bequem ohne diesen gesamten Handlungsbogen auskommen und würde dadurch nur gewinnen.
![]() |
| Thomas Jane (Bild: Home Box Office, Inc.) |
Besser steht es um die Beziehung von Ray zu seinen Kindern Damon (Charlie Saxton) und Darby (Sianoa Smit-McPhee). Die beiden kommen zwar auch recht klischeehaft als die aufmüpfigen und komplett undankbaren Teenager daher, die lediglich daran interessiert zu sein scheinen, dass ihr Vater ihnen einen gewissen Lebensstandard aufrecht erhält. Dennoch gibt es zumindest in der Beziehung zu Damon im Laufe der Pilotfolge eine interessante Annäherung. Ray versucht dessen Begeisterung für den Emo-Look mit Lippenstift und Nagellack zu verstehen und schenkt ihm dann auch seine ersten, hart verdienten 50 Dollar, damit der ein Punk-Konzert besuchen kann. Die Szene, in der Ray seinen Sohn vor der Konzerthalle aufsucht gehört sicherlich zu den rührendsten Szenen der Folge.
Was bleibt also unterm Strich von "Hung": Potential, vor allem im Bezug auf das neue Marketing-Unternehmen von Ray und Tanya. Wie werden sie Rays Begabung an die Frau bringen? Welchen Hindernissen werden sie begegnen? Wie viel Geld werden sie verdienen? Könnten sie Ärger mit den Behörden bekommen? Wie werden Rays Kinder auf seinen neuen Beruf reagieren, falls sie es denn bald mal herausfinden? Könnte das Interesse zwischen Ray und Tanya irgendwann auch über das rein berufliche herausragen? Das sind die Fragen, die mich wieder einschalten lassen werden. Ray, Tanya und Rays Kinder als Nebenfiguren sind eigentlich alles, was "Hung" braucht. Auf alles andere könnte das Format bequem verzichten, zumal die anderen Episoden ohnehin auf 30 Minuten begrenzt sein werden. Aber wer weiß, vielleicht gelingt es den Machern wider Erwarten ja doch noch, auch die anderen Handlungsstränge interessanter zu machen. Eine Chance zur Weiterentwicklung hat "Hung" auf jeden Fall verdient.
| Meine Wertung | ||||||
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
||
| 3,5/5 | ||||||
Ralf Döbele























