Ein Spiegelkabinett mit doppeltem Boden
So schnell kann's gehen mit dem Verlust der Unschuld: Man erinnert sich sehnsuchtsvoll an alte Schätze der heilen Fernsehwelt wie "Lieber Onkel Bill", "Jason King" und "Der Kommissar". Oder an bewährt Traumatisches wie Eduard Zimmermann. Man bedient Google und landet ("I'm feeling lucky!") in der online-Abteilung des Fernsehmuseums von Reproducts. Danach ist für den Suchenden punkto TV nichts mehr ist wie zuvor. Glück gehabt.
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| Talkshow als seelischer Geschlechtsakt bei Fliege |
Einmal bei
reproducts.de hineingelesen, und der Prozess der Aufklärung schreitet zügig voran. Die mit launigem Understatement formulierten sozioanalytischen, kultur- und ideologiekritischen Beschreibungen von Serienmotiven und TV-Helden, von Formaten und den Spielen der Stars ändern den blauäugigen Blick aufs Kraftfeld Fernsehen für immer. Mit fortschreitender Erkenntnis liest der Adept, wie verschieden etwa Sexualität bei
"Lieber Onkel Bill" und
"Drei Mädchen und drei Jungen" thematisiert wurde. Man erfährt von alten Tierfilmen als Spielfelder der Propaganda (
"Salzhölle der Flamingos!"), und wie sich "Die Talkshow als seelischer Geschlechtsakt
bei Jürgen Fliege vollzieht. Oder, dass
"Der Kommissar" psychisches Ventil für die larvierten Schuldgefühle seines Erfinders und Drehbuchschreibers Herbert Reinecker war.
Das Fernsehmuseum tagt auch ganz real in Hamburg und Berlin. Thematisch zusammengefasste Fernsehjuwelen aus dem Reproducts-Archiv (etwa
"Fernsehen, Drogen und Psychosen", also Kokain bei
"Quincy", Haschisch bei
"Percy Stuart" und im "Kommissar" oder "Deutsche im Spiegel englischer TV-Sendungen - Bloody Foreigners"), aber auch neue Schätzchen aus Übersee werden gezeigt.
Da leider weder Hamburg noch Berlin gleich für jedermann um die Ecke sind, stellte Jutta Zniva für wunschliste.de einige Fragen an Stefan Eckel, Medienkünstler und -analytiker, Autor und TV-Museumswart bei Reproducts.
Wie lassen sich diese Tagungen des Fernsehmuseums beschreiben? Wie oft finden sie statt und was wurde schon gezeigt?
Eckel: Jeden ersten Dienstag in Hamburg und jeden ersten Freitag in Berlin treffen Besucher, Raum und Fernsehsendungen aufeinander, um gemeinsam eine soziale Plastik im Beuys'schen Sinne zu gestalten. Das jeweilige Thema wird von uns, Reproducts, vorgegeben. Nach einer kurzen Einführung sehen sich die Teilnehmer gemeinsam die ausgewählten Sendungen an. Danach besteht die Möglichkeit, wegzugehen, sich über das Erlebte auszutauschen oder einfach nur so zu verweilen.
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| Sammlung "Fernsehen, Drogen und Psychosen" im Reproducts-Archiv |
Mit der Sozialen Plastik des Reproducts-Fernsehmuseums verfolgen wir zwei Ziele: Zunächst die Wiederentdeckung des konzentrierten Sehens in einer Gemeinschaft. Zu diesem Zweck werden nur komplette Sendungen angesehen, aus denen lediglich eventuelle Werbeblöcke herausgenommen wurden. Weiterhin soll die thematische Zusammenstellung des Materials Muster im Fernsehen aufzeigen, eigene Sehgewohnheiten irritieren und Querbezüge herstellen, die so vielleicht noch nicht gesehen wurden. Wir nennen das die "Schule des selektiven Sehens". Anders gesagt: Wir leisten dem Gehirn Starthilfe dabei, genauer zu sehen und zu hören, was es da eigentlich aufnimmt. So gelingt es möglicherweise, einen überlegteren Bezug zu der äußerst artifiziellen TV-Realität herzustellen - die trügerischer Weise so nah und so natürlich wirkt. Die besondere Herausforderung ist dabei das gemeinsame Sehen, das den Einzelnen entweder in der kollektiven Euphorie fortreißt oder im Falle eines Dissenses auch die Frage nach dem Verhältnis vom Individuum zur Gruppe aufwirft.
Aber wir blicken auch auf die Geschichte des Fernsehens in der DDR zurück und werden der Öffentlichkeit künftig auch hier Sendungen zum Wiedersehen anbieten, bei denen das Wiedersehen sich lohnt, etwa "Geschlossene Gesellschaft" von Frank Beyer mit der wunderbaren Jutta Hoffmann und dem großen Armin Mueller-Stahl. Die Ost-West-Geschichten sind ja noch lange nicht zu Ende erzählt, und unser Standort am Berliner Potsdamer Platz eignet sich auch für ein solches Forum ganz ausgezeichnet.
Fortsetzung