Reproducts-Fernsehmuseum Hamburg und Berlin
Ein Spiegelkabinett mit doppeltem Boden

Seit wann formiert sich diese Soziale Plastik?

Reproducts "Firmensitz"
Eckel: Das Projekt dauert bald schon 10 Jahre an. Diese nicht unerhebliche Zeitspanne ist jedoch keineswegs allein auf unser umfangreiches Medienarchiv zurückzuführen. Das Fernsehmuseum besteht eben nicht nur aus TV-Sendungen, sondern auch aus den Besuchern und der realen Basis: dem Raum. Die Besucher nehmen das Kunstwerk dankend an. Allzumal in Berlin, wo ein besonderes Interesse an solchen Metadiskursen besteht. Ohne den Raum jedoch gäbe es diese soziale Plastik nicht, die eben gerade nicht virtuell, in der solitären Rezeption auf disparaten Zeitschienen gebildet werden kann. Das wäre zappen im Bett. In Berlin stellt die Z-Bar ihren Kinoraum kostenfrei zur Verfügung, ohne den das antikommerzielle Unterfangen nicht stattfinden könnte. In Hamburg ist es die Kurzfilmagentur, die das Projekt von Anfang an unterstützt und fördert. Wie wichtig die ökonomischen Strukturen der Umgebung sind, zeigte sich bei der - nur kurzzeitig - existierenden Münchner Dependance. Wenn es keine öffentlichen Räume oder geeigneten Rahmenbedingungen gibt, kann eine gesellschaftliche Interaktion jenseits des Konsums nicht stattfinden. An dieser Stelle daher noch einmal ein besonderer Dank an die Kurzfilmagentur und ihre Mitarbeiter, an die Z-Bar mit Personal und natürlich auch an Abteilung DG, insbesondere Dirk Gerbode, der die Abende in Berlin organisiert und durchführt.

Im Verlaufe dieser Zeit haben wir kreuz und quer Schnitte durch die Fernsehgeschichte gelegt. Wie bei jedem Projekt, das "-museum" im Namen trägt, befassen wir uns mit der Historie. Dies geschieht, indem wir alte, teils sehr alte Sendungen gemeinsam ansehen, oder brandneues Material sichten, das ein Spannungsverhältnis zu bekannten Formaten aufbaut. Selbstverständlich sind eine erwünschte Nebenwirkung dieser Reisen zwischen Vergangenheit und Zukunft die immer wieder aufblitzenden Momente der demütigen Erkenntnis: Alle Sendungen sind genauso wie ihre Zuschauer immer ein Kind ihrer Zeit! Im günstigen Falle entwickelt sich so nach und nach ein historisches Bewusstsein für das Medium, das uns wiederum antreibt, tiefer zu bohren.

Da wir selbst große Freunde des Seriellen sind, beschäftigen wir uns viel mit typischen Serien-Plots. So wird zum Beispiel in fast jeder klassischen Serie der 60er bis 90er Jahre ein Protagonist entweder blind, gelähmt oder hat Gedächtnisschwund. Wir stellen dann Folgen zusammen, die große Unterschiede oder große Ähnlichkeiten in der Umgangsweise mit diesem Problem zeigen. Ein anderes Thema sind Gaststars, die einer Serie aus einem Quotental heraushelfen sollen. Gemein ist diesen rekurrierenden Plot-Strukturen, dass sie immer auch Anzeichen einer in Auflösung befindlichen Serie sind. Wie jeden Wissenschaftler oder Künstler interessieren uns natürlich besonders diese Brüche. Brüche in der glatten Oberfläche des medialen Daseins, die wir allerdings auch gern selbst erzeugen. Daher beschäftigen sich viele Abende mit der Abbildung von Realität, insbesondere Alltagsrealität im Fernsehen. Damit meinen wir weder Big Brother und Verwandte (was ja bereits eine soziale Plastik ist und zudem rückstandfrei verbrannte Zeit) noch Talk- oder Pannenshows. Uns geht es vielmehr um Sendungen, die mehr oder weniger direkt "Lebenshilfe" geben. Grundannahme dabei ist, dass unser Wertehorizont vor allem im Beiläufigen etabliert und stabilisiert wird - in den Gesundheitstipps, den Infotainment-Magazinen, den Kuppelshows oder den scheinbar sachlichen Dokumentationen. Von dieser These aus ist es nicht weit zu Fernsehshows, die oft im blinden Fleck der Betrachtungen über das TV liegen. Doch gerade im "Spiel", in der "lockeren Unterhaltung" werden uns die Grundregeln menschlichen Zusammenlebens beigebracht: Hierarchiestrukturen, Geschlechterverhältnis, adäquate Rollenmuster, worüber wir gemeinsam lachen sollen und wovor wir gemeinsam zurückschrecken sollen. Hier werden die Grundwerte der sozialen Struktur vor - und mit - einem größtmöglichen Publikum definiert.

"Dalli Dalli"
Die Erkenntnis, dass Fernsehen kein Wegwerfprodukt ist, beginnt sich, scheint's, endgültig durchzusetzen. Das Fernsehen thematisiert sich selbst als Medium in Nostalgieshows, zeigt Wiederholungen mittlerweile nicht mehr nur als billige Füller, sondern feierlich und eingedenk des historischen Wertes. Auch das neue Fernsehmuseum in Berlin ist, glaube ich, eine Art von offizieller, wenn auch erstaunlich später Manifestation dieses Bewusstseins.
Reproducts sammelt, archiviert, recycelt und zeigt Fernsehmaterial aber schon viele Jahre. Wie und wann hat das begonnen? Wirklich mit dem Nachstellen, dem Reproduzieren einer "Dalli Dalli"-Show aus der Erinnerung nach dem Tod von Hans Rosenthal im Jahr 1987?


Eckel: Ja, das ist tatsächlich der Beginn gewesen. Natürlich haben die Personen, die Reproducts bilden, vorher auch schon ähnliche Dinge gemacht, aber mit der Inszenierung dieser Trauerfeier-Performance haben wir uns das erste Mal konkret zusammengetan, um gemeinsam mit diesen speziellen Leidenschaften umzugehen und schließlich auch nach bestimmten Maßgaben neues Medienmaterial zu generieren. "Reproducts" kennzeichnet, dass die Werke diese Kriterien für uns erfüllen. Passt irgendetwas, das einzelne oder alle gemeinsam produzieren, nicht in dieses Konzept, trägt es auch nicht mehr dieses Label.

Wenn Sie davon sprechen, dass das Fernsehen da mittlerweile aufwachte, möchte ich widersprechen. Sicher, es läuft rum wie Boris Karloffs Frankenstein, aber bevor es sich tatsächlich selbst in diesem Wasserteich spiegelt und wahrnimmt, wird es noch dauern. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es noch viele Jahre dauert. Um im angemessen antiquierten Bild zu bleiben: Frankensteins Söhnen und Töchtern in den TV-Sendern brennen schon beide Arme, aber nicht mal das merken sie. Sicher gibt es da und dort Leute, die sich Gedanken über das Fernsehen machen und die sich der historischen wie auch der gesellschaftlichen Bedeutung bewusst sind. Aber das ist eine verschwindende Minderheit. Dass im TV Nostalgieshows laufen oder Wiederholungen gefeiert werden, heißt noch gar nichts. Das sind lediglich produktionstechnische Taschenspielertricks, die aus finanzieller Not unter vernebelnden Schlagworten ihre Archive auswerten und das als Event zelebrieren, um das Gefühl des erwünschten Mehrwerts bei den Zuschauern wie den Werbetreibenden zu generieren. Nährboden ist dabei die säuselige Nostalgie der ersten komplett mit dem Fernsehen aufgewachsenen Generation um die 40 und die übliche Regression der ganz alten Zuschauer. Tragisches Sinnbild für diesen beschämenden Zustand ist das Fernsehmuseum am Potsdamer Platz - so wie es jetzt als Stiefkind des Kulturbusiness in die Ecke gestellt wird. Fernsehen ist das wichtigste und einflussreichste Medium unserer Zeit. Es hat die Gesellschaft und das Verhalten wie die Wahrnehmung jedes einzelnen in einem Maße und vor allem einer Geschwindigkeit verändert, die den Buchdruck um Lichtjahre übertrifft. Es ist das umfangreichste materialisierte Konvolut kreativer Leistungen neben der Architektur und wird mehr und mehr zu einem kakophonischen Chor der gesamten Bevölkerung. Die dafür aufgewendeten Geldmittel, die Größe der Räumlichkeiten und das jahrelange Gezeter und Gezerre um die Einrichtung an sich stehen in krassestem Missverhältnis dazu. Warum, muss man dringend fragen, ist es nicht längst Gesetz, dass von jeder Sendung ein Tape zur freien Verfügung in dieses Archiv geht? Für Verlage von Print- und Audiopublikationen ist das schon lange verbindlich, und die beiden großen deutschen Bibliotheken sammeln geflissentlich das, was die Menschen in diesem Land schreiben und zu Gehör bringen. Ohne Ausnahme. Die öffentlich-rechtlichen wie die privaten Sender verlangen angesichts des Budgets astronomische Summen für die Rechte an irgendwelchen Schnipseln - daher wird Vieles nie in diesem Museum zu sehen sein. Keiner der Sender ist sich der Ehre bewusst - nicht einmal eines PR-Effekts! -, dort seine Produkte ausgestellt zu wissen. Nein, das Fernsehen sieht sich noch lange nicht selbst. Und solange die Programmmacher einerseits die Glitzerwelt lieben, die sie so gern abbilden, gleichzeitig aber lieber außergewöhnliches Theater machen würden und sich insgeheim dafür schämen, "nur Fernsehen" zu machen - also das Gewöhnliche -, wird diese schizophrene Verstellung des Blicks noch jeden Spiegel blind machen. Allem postmodernen Geunke zum Trotz sind wir immer noch mitten drin in der Moderne. Nach wie vor wird die heroische Künstlerfigur der Romantik zum Sturm auf das neue Medium losgeschickt wie die Landser auf die MG-Stellungen im Ersten Weltkrieg. Fernsehen aber ist keine Sixtinische Kapelle. Fernsehen ist eine Stadt, ja eine ganze Welt für sich.


Fortsetzung