Reproducts-Fernsehmuseum Hamburg und Berlin
Ein Spiegelkabinett mit doppeltem Boden

Was sind Ihre Lieblinge unter den Museumsstücken?

"Lost in Spass" - Reproducts zum Thema Science Fiction
Eckel: Jeder Abend hat seinen eigenen Reiz. Das liegt eben nicht nur an dem ausgewählten Material, sondern auch an den Teilnehmern, die die Soziale Plastik "Fernsehmuseum" bilden. Wir möchten hier zwei Programme nennen, die unser Anliegen exemplarisch auf den Punkt bringen. "Lost in Spass" kreist um das Thema Science-Fiction und ist das, was wir unter einer "guten Mischung" verstehen: eine Folge einer US-Weltraumabenteuerserie aus den späten 60ern ("Verschollen zwischen fremden Welten"); eine westdeutsche Doku aus den 70ern, in der versucht wird, ein realistisches Bild von der Freizeit- und Arbeitswelt im Jahr 2000 zu zeichnen; und eine Folge "Futurama". Da prallen sehr unterschiedliche Konzepte aufeinander. Gleichzeitig nehmen einen die Sendungen über die ihnen anhaftende Historizität in die eigene Vergangenheit mit. Immer wieder hören wir von Teilnehmern, wie merkwürdig, ja tief sie von Begegnungen mit ihrer ganz persönlichen Vergangenheit in einem solchen, kollektiven Rahmen berührt sind. Wobei der Rahmen ohnehin für viele schon einen Rücksturz in die eigene Kindheit bedeutet, "als man noch in der Familie gemeinsam fern gesehen hat".

"Salzhölle der Flamingos"
"Salzhölle der Flamingos" ist für uns selbst das überraschendste Thema des Fernsehmuseums. Praktisch alle Teilnehmer zucken dabei zunächst mit den Achseln - "Tierfilme - na und?!" Gemeinhin hält man gerade diesen Bereich ja für "Dokumentation". Dass es so etwas eigentlich gar nicht gibt, ist eine nicht so weit verbreitete Ansicht. Der Abend zeigt sehr deutlich, dass es nur Filmemacher und Redaktionen gibt, die solche Formate erzeugen. Was wir sehen, ist nicht die Realität, sondern der Blick dieser Menschen auf das, was sie als Realität wahrnehmen oder vereinbart haben. Auf solche verstiegen philosophische Gedanken steigt man durchaus ein, wenn man zum Beispiel eine "Dokumentation" über Flamingos von Vitus B. Dröscher sieht. Der Off-Kommentar erinnert an Wochenschauen von 1944 zu den Bildern der "Massen der rosa Schönheiten", in die sich "junge Kampfadler unbarmherzig stürzen", doch von den "lederstrümpfigen Stelzenläufern in die tödliche Salzhölle hinabgerissen werden" ist derartig off, dass man plötzlich die Schere zwischen Abbildung und eigener Realitätswahrnehmung tief im Kopf stecken spürt. Diesen "Ausrutscher" kann man jedoch noch sehr weit von sich weisen. Richtig spannend wird es danach, denn dann sind die Anwesenden bereit für eine "ganz normale" Doku von einem "seriösen" Sender über das Thema. Und da passiert es: Nun sind Augen und Ohren so geschärft, dass so ein TV-Snack, der sonst einfach so weggemampft worden wäre, plötzlich aufstößt wie Pipischweineschnitzel. Auch hier dieselben Anthropomorphisierungen, dieselbe epische Überfrachtung von Naturvorgängen, dieselbe Synapsenmassge mit Schmalzmusik - nur nicht in so grellbunten Farben wie das Extrembeispiel. Dass die Teilnehmer bei der abschließenden Folge von "Mein Freund Ben", in der der gutmütige Grizzly hilft, eine Flamingo-Familie zu retten, dann nicht mehr wissen, ob sie lachen oder weinen sollen, ist eine absolut erwünschte Ambivalenz.

Woher kommt so schönes Fernseh- Material?

Eckel: Wir sichten aus einem umfangreichen Medienarchiv Material, bekommen es von befreundeten Künstlern zur Verfügung gestellt oder anderen Kollaborateuren zugesteckt.

Könnten sie von Formaten wie "Mainzel Mix" oder "Fernsehzauber" erzählen, deren Konzepte Reproducts fürs das ZDF entwickelt hat?

"Todesboten"
Eckel: Die Blaupause für "Mainzel Mix" war "Todesboten". Der Zusammenschnitt aus Situationen, in denen Kommissar Keller und seine Leute den Hinterbliebenen die Todesnachricht übermitteln, ist seit 1994 auf zahllosen Kurzfilmfesten gelaufen und wurde von auch von ZDF-Leuten gesehen. Die Anfrage an uns datiert auf Ende 1996 - das war die Zeit, als Markus Schächter so was im Kaliber von "Chef der Programmplanung" war und neuen Wind ins ZDF pusten wollte. Da erging ein Ruf nach unten, man solle spannende, neue, junge Sachen suchen - und die Leute, die das machen. So kam es über quantum, den so genannten "Think Tank" des ZDF (eine virtuelle Redaktion, die an das Kleine Fernsehspiel angegliedert ist) zu einer Anfrage um Konzepte, die die Kernkompetenzen der Marke ZDF als Blue Chip unter den TV-Sendern mit der (zweit)längsten Tradition funky in Szene setzen sollten. Wir haben daraufhin diverse Konzepte entwickelt - Retroshows, Gameshows, Spielserien und Programmfüller wie Kalenderblätter. Die Shows laufen ja bekanntermaßen heute fast alle im Fernsehen in ihrer homöopathischen Inhaltsverdümmung als Quotenwundermittel - allerdings bei den Privaten. Da steckt übrigens kein indirekter Plagiatsvorwurf drin. Wir uns sehr sicher, dass unsere Exposés nur noch den Altpapiercontainer auf dem Lerchenberg gesehen haben. Sie kamen schlicht fünf Jahre zu früh. An die falsche Adresse. Mittlerweile haben Oliver Geissen und Hugo Egon Balder in ihren Folterchartshows gezeigt, und zeigen es noch, wie man mit Archivausschnitten und Drumherum zumindest sehr viel gesehene Sendungen macht - unsere Show- und Spiel-Konzepte waren damals alle zu unvorstellbar. Erschwerend kam hinzu, dass man unser "Todesboten"-Tape auf dem Tisch hatte - und manche Entscheider schätzen es sehr, wenn sie ein 1-zu-1-Vorbild für das nächste Projekt auf dem Tisch haben. Da gibt's keine Überraschungen.

Zwar mündet das für die Kreativkraft leicht im gefürchteten "Fiesta Mexikana"-Syndrom, aber egal! Wir gingen also den Vertrag ein, sechs Imageclips zu erstellen, die mit ZDF-Serienmaterial auf unterhaltsame Weise das große Erbe dieses Senders feiern. Entgegen allen guten Argumenten blieb jedoch die Vorgabe bestehen, dass die Clips drei Minuten lang sein müssten. Aber auch darauf sind wir eingegangen. Das alles wurde dadurch aufgewogen, dass wir ausdrücklichen Zugang zu allen Archiv-Bereichen hatten und ohne Begrenzung Material für dieses Projekt sichten durften. Das war die ultimative Verwirklichung des "nachts in der Süßwarenabteilung eingeschlossen sein"-Traums. Aber Träume sind ebenso comickliescheehaft ja Schäume, und heute sind die Argumente gegen die Ausstrahlung von "Mainzel Mix" exakt jene, die wir damals gerade noch äußerten, bevor uns der Zuckerschock fortriss: Als eigene Sendung zu kurz - und zu lang, um sie in andere Sendungen einzubauen. Wahrscheinlich sind die Bänder schon überspielt wie die zig Mainzelmännchen-Filmchen, die wir im Keller damals aus dem Müllcontainer holten. Die waren nämlich damals gerade in Ungnade gefallen, die passten nicht zum neuen "look and feel" des besseren Sehens. Das alles hat sich allerdings erst gut ein Jahr nach Abgabe von "Mainzel Mix" herauskristallisiert. Den Leuten von quantum hatten die Clips zwar sehr gut gefallen, aber das Tape landete Anfang 1998 auf dem Schreibtisch eines Nachfolgers des ursprünglichen Auftraggebers und wurde, so scheint uns, als Altlast des Vorgängers mit suboptimalem Engagement weiterverfolgt. Schlechtes Timing scheint das eigentliche große Thema des Projekts gewesen zu sein.

Aber, wie gesagt, das war erst Ende '99 so richtig und endgültig klar. Anfang 1998 hatte sich während "Mainzel Mix" vor allem eine ausgesprochen nette und konstruktive Zusammenarbeit mit quantum entwickelt - woraus unmittelbar ein neues Projekt entstand. Der Vorschlag, doch eine lose Reihe über Fernsehklassiker zu machen, fiel - in dieser Redaktion - auf fruchtbaren Boden. Der besondere Kick sollte dabei sein, dass wir diese Klassiker nicht auf die übliche Weise vorstellen, sondern über die Perspektive der Fans in die Sendung hineingucken und sie aus den Reflexen erschließen. Das Projekt ging dann sogar relativ schnell. "Aktenzeichen XY …ungelöst" sollte das erste Juwel sein, und innerhalb eines Jahres war die Sendung im Kasten. Wir haben dazu mit einer Produktionsfirma Anzeigen geschaltet und "XY"-Fans gesucht. Es gab zahlreiche Meldungen, und wir haben die Leute nach Vorgesprächen ausgewählt und vor der Kamera zu ihren Erinnerungen befragt. Die Statements sind mit Unmengen von "XY"-Ausschnitten unterlegt und da und dort kontrapunktiert mit Aussagen von einem Medienwissenschaftler, einem Kommissar und der Produktionsleiterin. Ein ganz besonderes Geschenk machte uns übrigens Sabine Zimmermann, die uns sehr offen an ihrem einzigartigen Blick auf diesen Monolithen des Fernsehens teilhaben ließ: Einerseits als Macherin der Sendung heute - und andererseits als Edes Tochter, die sofort mit BGS-Hubschraubern gesucht wurde, wenn sie mal zu spät von der Disko heimkam. Das sind Verquickungen von realitätundfiktionundrealitätundfiktionunddasparexcellence!

Das Projekt fand ebenfalls keine Fortsetzung: zu teuer. Sichtungen, Klammermaterial und wochenlange Schnittzeiten lassen die Kosten bei diesem Ansatz explodieren. Und dabei war "XY" noch leicht für uns zu handhaben, da wir vorweg schon eine große Zahl der Ausschnitte aus der eigenen Erinnerung wussten und daher schnell finden konnten. Anders gesagt: Es ist produktionstechnisch nur folgerichtig, wenn die derzeitigen Retroshows die ganze Garde der senderleibeigenen C-Prominenz vor die Blue-Screen setzt - die sind einfach viel billiger zu kriegen als elaborierte O-Ton-Collagen.


Fortsetzung