Reproducts-Fernsehmuseum Hamburg und Berlin
Ein Spiegelkabinett mit doppeltem Boden

Die FAZ berichtete im Mai im Zuge des "Kannibalen-Prozesses" so nebenbei, wie Armin Meiwes als Kind und Jugendlicher durchs Fernsehen geprägt wurde. Meiwes hatte sich einen Bruder erfunden, den er "Frank Duval" (dessen über 200 Melodien für "Derrick" und "Der Alte" nicht nur auf den Rothenburger merkwürdig faszinierend wirkten) nannte. Außerdem entwickelte er Fantasien über einen Mitschüler, der dem "Sandy" aus "Flipper" ähnlich sah. Nach der Kannibalismus-Szene in "Robinson Crusoe" hat er sich vorgestellt, dass dieser Klassenkollege "ein Teil von ihm" werden müsste. Man könnte sagen, dass Meiwes später in seine Tat auch Fernseherinnerungen "nachgestellt" hat. Auf sehr spezielle Art natürlich - und mit tödlichem Ende. Ein höchst interessantes, wenn auch gruseliges Phänomen eigentlich, oder?

Eckel: Das Thema Meiwes ist fast komplett an mir vorbeigerauscht, da es mich höchstens im juristisch-philosophischen Zusammenhang interessiert. Dabei fand ich übrigens besonders spannend, dass der Bundesgerichtshof meiner Erinnerung nach die Revision damit begründete, dass Meiwes mit dem Zerteilen und Essen "die Totenruhe gestört" habe. Dies war ihm von seinem Opfer nämlich nicht zu gestatten, da es als Toter kein Persönlichkeitsrecht mehr hat, sondern der Leichnam sozusagen Teil der Öffentlichkeit ist. Aha. Aber sei's drum. Ob Meiwes da herumlaviert und irgendwie Schuld abwälzen will oder ob er tatsächlich durch Flippers Atemloch einen medusenhaften Blick auf die Hölle erhaschte, sei dahingestellt. Sicher scheint mir, dass er nie in der Realität handelnder Menschen angekommen ist und sich folgerichtig in einem Korsett aus heimeligen Fiktionen Halt gesucht hat. Da er in dieser Zeit lebt, ist es das Fernsehen - sonst halte ich das für sehr beliebig. Viel gruseliger ist für mich, für uns, der alltägliche Prozess, wie unsere Vorstellungen von Wirklichkeit, wie unsere Werte, Wünsche und Ängste gesamtgesellschaftlich auf einer viel tieferen Ebene von diesem Medium geprägt werden - eben oft ohne dass man das merkt.

Das Reproducts-Fernsehmuseum hat sich nach einem Abend mit zwei Folgen der HBO-Serie "Deadwood" in die Sommerpause begeben. Was ist für den Herbst geplant?

"Deadwood"

Fremde Reisewelten
Eckel: Die nächste Saison steht unter dem Motto "Fremde Fernsehwelten". Nachdem wir letzte Saison fast nur Material gezeigt haben, das hier noch nicht gelaufen ist, wollen wir jetzt wieder Querschnitte durch das Archiv legen, die den Blick in anderer Weise schärfen. Da die Nachfrage in Hamburg so groß war, zeigen wir "Deadwood" dort noch einmal. In Berlin starten wir dann gleich durch mit einem Programm zum Thema "Reisen". Zwei Klassiker der dienstältesten Ratgebersendungen des deutschen Fernsehens werden den Teilnehmern der Sozialen Plastik unmissverständlich zeigen, wie schnell man seine Reisekasse los wird und sich dafür eine exotische Viruserkrankung einfängt. Die Sendungen sind beide aus den späten 90ern, kurz bevor die Magazine eingestellt wurden.

Diese Untergangsstimmung spürt man irgendwie. Kontrapunktiert wird das mit einem Reisemagazin von n-tv, das uns Amsterdam als Reiseziel anpreist. Wir erhoffen uns dadurch, dass die beiden muffigen Magazine posthum so noch eine kleine Rehabilitierung erfahren. Denn so schlimm sie sind - immerhin hatten Leute hier ein Anliegen: sie wollten andere Menschen informieren. Dass das in einer dämlichen Form passierte und auf einem total paranoiden Weltbild ruhte, ist natürlich schade. Bei n-tv dagegen gab es wohl noch einen Sendeslot - und da musste "irgendwas rein". Warum nicht ein Reisemagazin? Das kommt immer gut an. Außerdem bezahlt die Bahn den Dreh und das Marriot die Übernachtung für das EB-Team. Dafür müssen die natürlich gut gefeatured werden. Ach, und die Moderatorin? Die hat der Chef später zum Essen eingeladen. Während ein Praktikant total verbaselt von dem mitgebrachten Dope (Tourismuszentrale Amsterdam) den Kameraschnitt dieser Schwenk-Zoom-Orgie über Nacht betextet hat. So schnell ist ein total buntes, interessantes Reisemagazin fertig.

Keiner von denen hat damit gerechnet, dass wir das aufzeichnen.


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