Folgeninhalt
In der neuen Folge "druckfrisch" begegnet Literaturkritiker Denis Scheck der Kölner Autorin und Journalistin Şeyda Kurt und spricht über ihr Belletristikdebüt "Zeit der Monster" sowie den Musiker und Schriftsteller Sven Regener, der einmal mehr ins 80er-JahreWestberlin führt. Dazu empfiehlt er Literatur, die für den Deutschen Buchpreis nominiert ist - den Roman "Die Lücken" von Shida Bazyar. Die Bestsellerliste Belletristik wird in gewohnt kritischer Weise durchleuchtet auf hop oder top. Şeyda Kurt: Zeit der Monster Eine Zeit, die nicht die unsere ist, aber kaum sehr weit weg von ihr: es herrscht apokalyptische Atmosphäre im Stadtviertel, in dem ein Fitnesstudio und eine Kirche zu Treffpunkten werden, die Natur sich gegen die Bewohnenden richtet und Protagonistin Sanya eine Pistole im Rucksack herumträgt. Oszillierend zwischen Soap und Dichtung, zwischen Utopie und Revolution lässt der Roman mit seinen schillernden Figuren eintauchen in eine eventuelle Zukunft. Die Fragen, die Şeyda Kurt immer wieder beschäftigen, hat sie bereits in ihren Sachbüchern "Radikale Zärtlichkeit" und "Hass" ausbuchstabiert: Wie können wir ein zugewandtes Miteinander leben, wie Strukturen und Rollen aufbrechen? In Köln-Kalk ist die Autorin aufgewachsen und dieser Ort scheint unverkennbar durch in ihrem Romansetting. Şeyda Kurt ist Jahrgang 1992, arbeitet als Moderatorin und Journalistin, und bleibt ihrem Kiez im Ruhrgebiet treu. Im druckfrischGespräch mit Denis Scheck erzählt sie vom Schreiben ohne Geländer, der Rolle Antonio Gramscis beim Schreiben des neuen Romans. Und wie es war, in die "Zeit der Monster" zu reisen. Şeyda Kurt: Zeit der Monster. Hanser Verlag. Sven Regener: Frankie und Freddy Wieder einmal zieht dieser Autor seine Linien von Bremen nach Berlin: Frankie und Freddy Lehmann, die beiden schon bekannten Brüder in Sven Regeners neuem Roman, hat es 1980 in die Inselstadt im Osten verschlagen. Der eine versucht, sich in Kreuzberg zu verankern, für den anderen soll Westberlin nur ein Zwischenstop auf dem Weg nach New York sein. Aber wie kommt man aus einem Hotel am Kudamm wieder weg, in dem man als Proband für Antidepressiva endlich mal Geld verdient? Herrlich skurril schreibt Sven Regener in seinem siebten Lehmann-Roman über Brüder und die Suche nach einem Halt, über das West-Berlin der 80er, von Kneipen und irrwitzigen Überlebenshandlungen. Der Frontman der Band "Element of Crime" spricht im druckfrisch-Gespräch mit Denis Scheck über sein Verwurzeltsein im Lehmann-Kosmos, über das gar nicht so leichte Thema Depression und über das ebenso gewichtige Thema Brüder. Sven Regener: Frankie und Freddy. Galiani Verlag. Die Empfehlung von Denis Scheck: Die Lücken von Shida Bazyar, Verlag Kiepenheuer & Witsch Erzählt wird dieser Roman von einer Toten. Und wovon läßt Shida Bazyar ihre gespenstische IchErzählerin auf 500 Seiten erzählen? Von der Geschichte eines Dorfs namens Heimesbach im Hunsrück, das im 20 Jahrhundert zur Kleinstadt heranwächst. An die Seite dieser toten IchErzählerin treten aber bald andere Bewohner Heimesbachs, denn so wie Juli Zeh oder Robert Seethaler erzählt Shida Bazyar ihren Roman chorisch. Während der Nazizeit wird Heimesbach zum "Gaumusterdorf", die Einwohner erklären sich nach dem Progrom der sogenannten "Reichskristallnacht" 1938 für "judenfrei", die Außenstelle eines KZs liegt nur 7 Kilometer entfernt, aber davon will man "im Land der Erinnerungsweltmeister" in der frühen Bundesrepublik nichts mehr wissen. Satirischer Höhepunkt des Romans ist denn auch ein Interview, das ein junger Kunststudent mit seinem Opa über dessen Erfahrungen in der Nazizeit führt – ein unter die Haut gehendes deutsches Kabinettstück über Verdrängung, Verleugnung und Geschichtsklitterung. Shida Bazyar erzählt von fünf Familien, zwei davon kommen aus dem Iran als Migranten nach Heimesbach, ihre Erfahrungen kontrastiert "Die Lücken" reizvoll mit den Ausgrenzungen, denen die jüdische Bevölkerung in Heimesbach ausgesetzt ist. Bazyar erzählt die Geschichte von Heimesbach als "Ein Geben und Nehmen, ein Erben und Vererben. Und ein Rauben. Denn von den zweiundvierzig Juden und Jüdinnen, die 1933 im Ort lebten, beraubte man alle, ganz gleich, ob sie Läden führten oder im Viehhandel tätig waren; ob sie fliehen mussten, überleben konnten oder ermordet wurden." Die kunstvolle Vernetzung der 46 aus Perspektive einzelner Bewohner Heimesbachs erzählten Kapital, die ungeheure Wucht, mit der Shida Bazyar ein ganzes Dorf und seine Geschichte glaubhaft aus dem Erdboden stampft und dabei zentrale Fragen nach Erinnerung und Verdrängung stellt, nach den Wurzeln des Bösen und nach der Bedingung für Versöhnung, machen diesen Roman in meinen Augen zum Ereignis. Gut möglich, daß "Die Lücken" für Ärger sorgen wird – nicht nur im Hunsrück. Recht so! Das haben Thomas Manns "Buddenbrooks" und Günter Grass "Blechtrommel" auch getan. Und wie immer: Denis Schecks pointierte Revue der Spiegel-Bestsellerliste, diesmal Belletristik...
(3sat)
Länge: ca. 30 min.





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