"Ein als Hauptmann verkleideter Mensch führte gestern eine von Tegel kommende Abteilung Soldaten nach dem Köpenicker Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften, beraubte die Gemeindekasse und fuhr in einer Droschke davon" (17. 10. 1906, Tägliche Rundschau). Mit der in dieser Zeitungsmeldung knapp zusammengefassten "Köpenickiade" wurde der 57jährige Wilhelm Voigt schlagartig (und dauerhaft) berühmt. Die Geschichte des Schusters Wilhelm Voigt, der wegen eines kleinen Betrugsdeliktes (15 Jahre Zuchthaus waren die Strafe dafür, dass er die Reichspost um 300 Mark geschädigt hatte) in die Mühlen von Justiz und Bürokratie gerät und, um endlich in Besitz eines Passes und einer Aufenthaltsgenehmigung zu gelangen (denn ohne ordentliche Abmeldung findet er nirgends Arbeit, ohne Arbeitsnachweis erhält er keine Anmeldung), mit einer ertrödelten Uniform das Köpenicker Rathaus in einem Handstreich einnimmt, wurde in der Blütezeit wilhelminischer Regentschaft zum Tagesgespräch. Zuckmayer entdeckte hinter der Anekdote einen großen Komödienstoff, dessen politische Dimension spätestens beim Verbot seines "deutschen Märchens" durch die Nazis offenbar wurde. Der "Uniform-Taumel" ging diesen Herren entschieden zu weit, ebenso wie die scharfe, satirische Zeichnung vieler der insgesamt 73 auftretenden Figuren. Über Carl Zuckmayers groß angelegten Bilderbogen einer Epoche schrieb Alfred Kerr nach der Uraufführung die wohl prägnanteste Zusammenfassung: "Im ersten Teil stirbt man vor Lachen, im zweiten merkt mancher, dass er noch lebt". Die Inszenierung aus der Spätzeit der DDR legt besonderen Wert darauf, den preußischen Staat in all seiner reaktionären Haltung zu entlarven.
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