Der 11. September 2001 veränderte die Welt. Doch wie wurden aus einem einzigen Tag die Erschütterungen, die bis heute nachwirken? Die 90-minütige Dokumentation "September" von Johan von Mirbach erzählt die Geschichte der Terroranschläge neu - verdichtet auf die 30 Tage eines Monats, der das 21. Jahrhundert prägte. "September" zeigt, wie aus Trauer Krieg wurde, wie Freiheit gegen Sicherheit eingetauscht wurde - und warum die Welt, die wir heute kennen, in jenem Herbst begann. New York, Sommer 2001: eine Stadt im Aufbruch. Die Kriminalität sinkt, junge Menschen aus ganz Amerika strömen in die Metropole, Fashion Week und das Tennisturnier US Open bestimmen den Rhythmus der Stadt. Für Susanne Hegenscheidt, eine junge Deutsche, die zu ihrem Verlobten Brad an den Broadway gezogen ist, ist es die glücklichste Zeit ihres Lebens: Verlobung, Hochzeitspläne, der Blick aus dem Fenster direkt auf die Türme des World Trade Center. Ihr Freund und sie nennen sie liebevoll: "Our Towers". Auch der heutige Finanzminister Lars Klingbeil erlebt mit 23 Jahren als Praktikant seine ersten Wochen in der großen weiten Welt, überwältigt vom Tempo und der Größe der Stadt. Die Dokumentation "September" lässt diese unbeschwerte Atmosphäre eines letzten Sommers vor der Zäsur noch einmal lebendig werden. Sie stellt in parallel montierten Rückblenden die Vorbereitungen der 19 Attentäter gegenüber, die zur gleichen Zeit unbemerkt mitten unter den New Yorkern leben. Am Morgen des 11. September 2001 beginnt für die Protagonistinnen und Protagonisten ein ganz gewöhnlicher Tag: Radiomoderator Lee Harris kündigt einen "langweiligen" Nachrichtentag an, Désirée Bouchat fährt hinauf in ihr Büro im 101. Stock des Südturms, der deutsche Außenminister Joschka Fischer erwartet einen ruhigen Arbeitstag in Berlin, der damalige ARD-Korrespondent Claus Kleber verfolgt in Washington einen Bericht über einen Präsidentenbesuch in einer Grundschule. Dann, um 8:46 Uhr, fliegt das erste Flugzeug in den Nordturm. In den 16 Minuten zwischen dem ersten und dem zweiten Einschlag wird für die Protagonisten aus einem vermeintlichen Unfall die Gewissheit eines Terrorangriffs. Susanne Hegenscheidt fotografiert aus nächster Nähe von ihrer Dachterrasse das Geschehen, wie Menschen aus den brennenden Stockwerken springen. Désirée Bouchat arbeitete im 101. Stock des Südturms. Sie ist eine der letzten, die sich mit dem Aufzug aus dem World Trade Center retten können. Sie läuft über die verrauchte Lobby nach draußen, während über ihr das zweite Flugzeug auf ihren ehemaligen Arbeitsplatz im Südturm zusteuert. Der zweite Einschlag passiert live vor laufenden Kameras, danach folgt der Angriff auf das Pentagon, und der Absturz von Flug United 93, nachdem Passagiere versucht haben, die Entführer zu überwältigen. New Yorks damaliger Gouverneur George Pataki schildert die chaotischen Stunden im Krisenstab und seinen Besuch am Ground Zero am Tag des Anschlags, es war "die Hölle auf Erden" erklärt er. Der Film zeigt auch die Ersthelfer: den deutschen Rettungssanitäter Markus Albrecht, der sich mit einem deutschen Rotkreuz-Ausweis Zugang zum Trümmerfeld verschafft, und die Baggerfahrerin Pia Hoffmann, die tagelang nach Überlebenden und schließlich nach Toten sucht. In den Tagen und Wochen danach verändert sich New York und mit ihm Amerika: Die Stadt trauert gemeinsam, Vermisstenplakate bedecken die Straßen, Blutspender stehen Schlange, Präsident Bush wird bei seinem Besuch am Ground Zero frenetisch gefeiert. Gleichzeitig kippt die Stimmung: Hasskriminalität gegen Muslime und arabischstämmige New Yorker nimmt zu, ein Taxifahrer berichtet von Ablehnung und Angst. Der Film zeichnet nach, wie aus der Schockstarre eine politische Zeitenwende wird: der von Präsident Bush ausgerufene "Krieg gegen den Terror", die Vergeltungsschläge gegen Al-Qaida in Afghanistan, neue Sicherheitsgesetze, und in der Folge mehr Überwachung. Die ehemalige Staatssekretärin im US-Heimatschutzministerium Juliette Kayyem ordnet aus amerikanischer Perspektive ein, wie sich binnen weniger Stunden die sicherheitspolitische Agenda der USA veränderte. Der damalige deutsche Außenminister Joschka Fischer und der ARD-Korrespondent Claus Kleber schildern, wie Deutschland und Europa auf den Anschlag und die amerikanische Reaktion blickten. "September" endet im Heute, 25 Jahre später. Susanne Hegenscheidt lebt inzwischen zurückgezogen in einem norwegischen Dorf. Sie kämpft noch immer mit den psychischen Folgen jenes Tages und erzählt ihren Kindern behutsam von 9/11. Bridget Gormley, die als Elfjährige aus dem Klassenzimmer geholt wurde, berichtet vom Krebstod ihres Vaters, eines Feuerwehrmanns, der monatelang im giftigen Staub von Ground Zero gearbeitet hatte. "September" rekonstruiert einen einzigen, alles verändernden Tag und mit ihm den langen Schatten, den die Anschläge in die Gegenwart werfen.
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