Last Resort

von Roger Förster

Last Resort
"Last Resort": Die Crew der U.S.S. Colorado sagt sich von den Vereinigten Staaten los.

Was immer man vom Ende von "Lost" halten konnte, für das US-amerikanische Network ABC war der Mix aus Mystery, Science Fiction, Drama und Action Gold wert. Die Serie schaffte es in den sechs Jahren ihres Bestehens einen Hype aufzubauen, der mit dem Internet als riesige, virale Diskussionsplattform mit unzähligen Blogs, Videocasts und verwandten Onlinespielen ständig gefüttert wurde. Kein Wunder also, dass ABC nach dem Ende der Serie händeringend nach einem Nachfolger Ausschau gehalten hat. "Last Resort" schickte sich mit einer spannenden Ausgangshandlung und einem ähnlich umfangreichen Ensemble an, in die Fußstapfen der Kollegen von der Dharma Initiative zu treten. Doch bald mussten die Programmverantwortlichen einsehen, dass der Schritt von einer gut produzierten Actiondramaserie zu einem Fernsehphänomen unendlich groß sein kann.

"You’'ve been warned", sagt Captain Marcus Chaplin (Andre Braugher) in der Pilotfolge - eine grandiose Untertreibung. Kurze Zeit zuvor flog eine Atomrakete schnurstracks Richtung Washington, D.C., der Hauptstadt seines eigenen Landes. Ist der Mann verrückt geworden? Vielleicht - die Antwort auf diese Frage zieht sich durch den gesamten Verlauf der ersten und einzigen Staffel. Doch Chaplin hat auch gute Gründe, diesen wahnwitzigen Akt der Verzweiflung zu vollziehen. Alles beginnt mit einem Befehl, den der Kapitän des mit Atomwaffen bestückten U-Bootes erhält. Im Indischen Ozean kreuzend soll die U.S.S. Colorado einen unprovozierten Angriff auf Pakistan initiieren, der Befehl hierzu kommt über einen nicht-offiziellen Kanal, weshalb sich Chaplin und kurze Zeit später auch sein Erster Offizier Sam Kendal (Scott Speedman) weigern, die Raketen loszuschicken. Ein Angriff durch die eigene Flotte folgt, woraufhin die Colorado das idyllische Eiland Sainte Marina besetzt und eine 200-Meilen-Sperrzone um die Insel errichtet. Es folgen Bedrohungen von allen Seiten, ständig wechselnde Allianzen und ein stetig hohes Tempo.

Add a Friend
Hat Captain Chaplin (Andre Braugher) den Verstand verloren?
Dass bei "Last Resort" kaum Zeit zum Verschnaufen bleibt, liegt auch daran, dass ABC die Einstellung der Serie nach insgesamt 13 Episoden bekannt gab. Da zuvor von einer wesentlich längeren Laufzeit ausgegangen war, wurden diverse Nebenhandlungsstränge mit einem Dutzend regulärer Darsteller präsentiert, die nun im Schnelldurchgang abgehandelt werden mussten. So entstehen beispielsweise im Liebesdreieck zwischen XO Sam Kendel, seiner daheim gebliebenen Ehefrau Christine (Jessy Schram) und der Französin Sophie Girard (Camille De Pazzis) überhastete Gefühlssprünge, die für den Zuschauer schwer nachvollziehbar sind. Auch das Hin-und-Her von Master Chief Prosser (Robert Patrick), der sich im Laufe der Staffel immer wieder auf die ein oder andere Seite stellt, wirkt arg konstruiert. Wenn der Zuschauer ob der Entscheidungen und Handlungen der Protagonisten mitunter nur den Kopf schütteln kann, unterhaltsam bleibt es allemal - Jack Bauers grandios-unrealistische Abenteuer lassen grüßen.

Der charismatische Kapitän des desertierten U-Bootes wird von Andre Braugher gespielt, der in den 1990er Jahren in der hochgelobten Polizeiserie "Homicide" mitspielte. Er verkörpert Chaplin mit einer Mischung aus Wahnsinn und volksnahem Vorgesetzten, die zwar manchmal am steilen Abhang des Overactings balanciert, jedoch nie aufgesetzt wirkt. Seine rechte Hand Sam Kendal mimt der adrette Scott Speedman, der die Rolle des idealistischen, im Spannungsverhältnis zwischen Ehe und Beruf hin und her gerissenen Ersten Offiziers routiniert absolviert. Überhaupt scheinen vom Captain abgesehen alle wichtigen Figuren aus einem Modelkatalog herausgerissen worden zu sein, sie wirken hier zuweilen austauschbar. Den Vorwurf, dass mitunter kantenlos dahingeschriebene Massenkompatibilität produziert wurde, müssen sich auch die Drehbuchautoren gefallen lassen. Fast nie ist auch nur ein Fünkchen Ironie zu spüren, die Handlung driftet zuweilen in gefährliche Soap-Gewässer ab. Dass die gesicherte Einstellung von "Last Resort" dennoch für Enttäuschung sorgt, hat zwei Gründe: Das hohe Tempo der Serie sorgt für andauernde Spannung und die bombastisch auf Großkonflikte inklusive geheimer Verschwörung (USA versus Pakistan versus Indien) ausgelegte Handlung für ordentlich Pfeffer.

So bleibt eine 13-episodige Saga in Erinnerung, die zwar das Zeug hatte, zu einem echten Serienkracher zu werden, auf dem Weg dorthin jedoch zu viele Fehler im Detail begangen hat. Spannung ist garantiert, gelegentliches Kopfschütteln wegen seltsamer Entscheidungen der Protagonisten allerdings ebenso.

Dieser Text basiert auf Sichtung aller 13 Folgen von "Last Resort".

Meine Wertung
   
3,5/5


Roger Förster
© Alle Bilder: ABC