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TV-Kritik/Review: Gilmore Girls: Ein neues Jahr
(25.11.2016)

Die Erwartungen der zahlreichen Fans waren groß, seit der Streamingdienst die Produktion der neuen Folgen angekündigt hatte. Ist "Gilmore Girls" doch eine jener Serien, die sich durch ihre lange Laufzeit und die vielen Wiederholungen (auch im deutschsprachigen Raum) Kultstatus erworben haben, deren spritzige Dialoge und skurrile Einfälle noch heute oft zitiert werden. Man muss allerdings auch nüchtern feststellen, dass weder den allermeisten Hauptdarstellern - mit Ausnahme von Rorys Exfreunden Milo Ventimiglia und Jared Padalecki - noch Serienschöpferin Amy Sherman-Palladino danach ähnlich große Erfolge vergönnt waren. Hoffnungsfroh stimmte der Umstand, dass Sherman-Palladino selbst, die wegen Streitigkeiten mit dem Studio bei der siebten Staffel nicht mehr dabei war, die Leitung der Fortsetzung übernahm. Ebenso wie ihr Ehemann Daniel Palladino hat sie jeweils zwei Folgen geschrieben und auch inszeniert. Und man muss sagen: Die beiden langjährigen Autoren-Produzenten kennen ihre Figuren aus dem Effeff und natürlich auch all die Wendungen und Verwicklungen, die diese in 153 Folgen durchmachen mussten. Das alte "Gilmore Girls"-Feeling ist von der ersten Minute an wieder da.
Dafür sorgt schon das winterlich-vorweihnachtliche Setting mit Tonnen von Kunstschnee, Dutzenden Lichterketten rund um den Dorfplatz-Pavillion und überdimensionierten Nussknackern. Auch das liebte man ja irgendwie an der alten Serie: dieses herrlich Übertriebene, die künstlich wirkenden Kulissen wie aus einer 50er-Jahre-Hollywood-Komödie. Gleich die erste Szene liefert dann in einer langen Plansequenz eines der berühmt-berüchtigten Rededuelle zwischen Mutter Lorelai (Lauren Graham) und Tochter Rory (Alexis Bledel), die nach längerer Zeit mal wieder für einen Kurzbesuch vorbeischaut. Die inzwischen 32-Jährige wirkt viel beschäftigt, jettet zwischen London und New York hin und her, schreibt als freie Journalistin für renommierte Blätter. Mit der Zeit wird jedoch klar, dass ihr Leben und ihre Karriere doch nicht so rosig aussehen, wie es nach außen hin den Anschein hat. Richtig angkommen ist sie noch lange nicht, ein veröffentlichtes Stück im New Yorker allein zahlt mittelfristig nicht die Miete. Auch privat geht es eher drunter und drüber, auch wenn sie zum Heimatbesuch einen Freund mitbringt, der so langweilig ist, dass jeder, der sich mit ihm unterhält, das komplette Gespräch schon nach Sekunden wieder vergessen hat. Aber es gibt auch noch einen anderen Mann in Rorys Leben, einen, den die Fans schon mehr als zur Genüge kennen...

Tatsächlich gesettelt ist hingegen Lorelai, die seit dem Ende der Serie mit Luke (Scott Patterson) zusammenlebt. Obwohl beide nach wie vor glücklich miteinander sind, ziehen auch in dieser Beziehung natürlich neue Konflikte auf. Und dann ist da ja auch noch Lorelais Mutter Emily (Kelly Bishop), die große Antagonistin der Serie. Diese Mutter-Tochter-Beziehung hat einen neuen Tiefpunkt erreicht, nachdem Lorelai auf der Trauerfeier für ihren Vater Richard für Emilys Geschmack mal wieder zu offen gewesen ist. Wie die Autoren den Tod des Richard-Gilmore-Darstellers Edward Herrmann in ihrer Geschichte aufgreifen würden, war die vielleicht größte Herausforderung. Dies ist ihnen in Form einer langen Rückblende, die etwa nach einer halben Stunde voller Witz und Wiedersehensfreude einsetzt und die Stimmung komplett umkehrt, sehr gut gelungen.
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Inszenatorisch sind auch die neuen Folgen ganz dem Network-Stil der Nullerjahre verhaftet, und obwohl sich die Autoren nun eigentlich nicht mehr an die strengen Sprachregeln des frei empfangbaren US-Fernsehens halten müssten, werden Flüche (in der Originalversion) nach wie vor nicht gewagter als ein gelegentliches "Shoot". Das wirkt aber völlig angemessen und trägt zum etwas altmodischen Charme der Neuauflage bei.
Inhaltlich ist vor allem zu loben, dass Rory auch mit Anfang 30 nicht das "perfekte" Leben führt, dass sie sich schon mit 16, zu Beginn der Serie, erträumt hatte - sondern orientierungsloser ist als je zuvor. Das passt sicher besser zur Lebenssituation der heute 30- bis 40-Jährigen, die damals mit den Gilmore Girls aufgewachsen sind. Zudem ist es natürlich aus dramatischer Sicht wesentlich interessanter. Die größten Pluspunkte der Serie sind aber wie schon früher der Sprachwitz, die pointierten Dialoge mit ihren vielen popkulturellen Anspielungen. Zudem haben die Figuren nichts von ihrer Liebenswürdigkeit verloren. So bekommen die Fans weitgehend genau das, was sie erwartet haben, während Menschen, die mit der alten Serie nie etwas anfangen konnten, durch die neuen Folgen sicher auch keine Fans mehr werden. Insgesamt ist die Fortsetzung ein wenig wie ein Klassentreffen nach zehn Jahren: Wirklich vermisst hat man die meisten ehemaligen Mitschüler in der Zwischenzeit nicht, ein Wiedersehen hätte es nicht unbedingt gebraucht, aber irgendwie war es mit den meisten dann doch ganz schön, in gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen.
Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten ersten beiden Episoden von "Gilmore Girls: Ein neues Jahr"
Marcus Kirzynowski
© Alle Bilder: Saeed Adyani/Netflix
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