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TV-Kritik/Review: Wet Hot American Summer
(10.08.2015)

Die Idee klang schon höchst verschroben: Man nehme eine 15 Jahre alte Filmkomödie, die seinerzeit gefloppt ist und die außerhalb der USA wohl auch heute noch kaum jemand kennt, und kündige an, die Vorgeschichte in Serienform erzählen zu wollen. Dann frage man die gleichen Schauspieler wie damals (von denen viele in der Zwischenzeit zu Superstars geworden sind), ob sie wieder in ihre alten Rollen schlüpfen wollen, für die sie eigentlich damals schon viel zu alt waren. Jetzt spielen also lauter Darsteller, die die 40 meist schon überschritten haben, Figuren, die 16 oder 17 Jahre alt sein sollen, in einer Handlung, die noch vor dem Film liegt, in dem die gleichen Schauspieler aber 15 Jahre jünger waren.
Erstaunlicherweise geht dieses Konzept voll und ganz auf und verleiht
Dabei funktioniert die Serie einerseits als Parodie auf das Genre der High-School-Ferien- und Coming-of-Age-Filme ? la "Eis am Stiel" oder "Dazed & Confused" und lässt keine Gelegenheit aus, dessen Klischees und stereotype Figuren auf die Schippe zu nehmen. Da haben wir den großmäuligen Aufreißertypen Victor (Ken Marino mit Atze Schröder-Klamotten- und Frisurenstil), der aber in Wahrheit noch nie Sex hatte, die esoterische Hippiebraut Donna (Lake Bell), die sich von einem israelischen Freak umgarnen lässt (obwohl der liebe Coop, von Ko-Autor Michael Showalter selbst gespielt, sie als seine feste Freundin betrachtet), den tanzbegeisterten Ben (Bradley Cooper), dem als einziger nicht klar ist, dass er schwul ist, und immer so weiter.
Dass diese Figuren in ihrem Verhalten nicht nur auf die Spitze getrieben werden, sondern auch noch von rund 25 Jahre zu alten Schauspielern verkörpert werden, macht die Situationen zusätzlich lustig. Man betrachte nur etwa Paul Rudds Coolness suggerierende Mimik, die bei einem tatsächlich 17-Jährigen vielleicht noch authentisch gewirkt hätte, bei einem Über-40-Jährigen aber peinlich bis bizarr. Besonders albern sind natürlich auch die typischen Frisuren und Kleidungsstücke der 1980er Jahre, spielen Film wie Serie doch im Sommer 1981. 
Überhaupt springt die Handlung öfter mal weg vom Alltag im Sommerlager, etwa gleich zu Beginn der zweiten Folge in die Redaktion einer mäßig bekannten Rockzeitschrift, deren Reporterin Lindsay (Elizabeth Banks) sich für eine große Titelstory undercover als Campteilnehmerin einschleicht - wobei sie natürlich bis zum Schluss nicht auffliegt, obwohl sie ständig eine Reiseschreibmaschine zückt, sobald ihr jemand etwas Interessantes erzählt. Und dann ist da auch noch das benachbarte Camp Tigerclaw (Tigerkralle), dessen Teilnehmer eher republikanisch-elitären Elternhäuser entstammen - und die natürlich eine tiefe Feindschaft mit den liberalen Chaoten im Camp Firewood pflegen (man stelle sich das ungefähr so vor, als habe die Junge Union ihr Sommerlager direkt neben der Grünen Jugend).
Stilistisch lässt sich die Serie am ehesten mit den legendären Komödien aus der Feder des Trios Zucker/Abrahams/Zucker wie "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug" und "Die nackte Kanone" vergleichen. Wie diese haben auch Wain und Showalter eine zügellose Lust am Übertreiben, Ausschlachten absurder und peinlicher Situationen und Kombinieren scheinbar völlig konträrer Ideen. Dabei ist die Gagdichte extrem und auch die Trefferquote erstaunlich hoch. Sicher, es gibt relativ viel Fäkalhumor und Pointen über hemmungslos ausgetauschte Diaphragmen sind bestimmt nicht jedermanns Sache. Aber daneben scheuen sich die Autoren eben auch nicht, eine skurrile Situation endlos auszudehnen und dadurch ins Dadaistische zu überhöhen oder einfach den gleichen Gag innerhalb von zehn Minuten (oder fünf Folgen) zwei Mal zu bringen. Es ist diese Liebe zum grenzenlosen Abdrehen, die ihre Serie so unterhaltsam macht.
Der zweite ganz große Aktivposten sind die Schauspieler. Selten hat man ein so großes Starensemble in einer Serienstaffel am Werke gesehen: Neben den bereits Genannten finden sich unter anderen noch Amy Poehler, Josh Charles, Chris Pine, Kristen Wiig, Michael Cera und die halbe männliche "Mad Men"-Besetzung in größeren und kleineren Rollen. Eine der besten Performances liefert dabei der als Roger Sterling bekannt gewordene John Slattery als exaltierter älterer Musical-Starregisseur ab, der die Bewerber für das Camp-Stück gnadenlos aburteilt und zusammenstaucht, als handele es sich um eine Broadway-Aufführung. Sein Claude beginnt während der Proben - die ohnehin innerhalb weniger Stunden abgeschlossen werden müssen, da die Premiere schon für den gleichen Abend angesetzt ist - auch noch eine Affäre mit der Theater-Kursleiterin des Camps (Poehler, 44), die später zu der Einsicht kommt: "Das ist total unangemessen, ich bin doch erst 16!".
Fans des alten Kinofilms werden sicher noch zusätzlichen Genuss aus den zahlreichen Anspielungen auf dessen Handlung ziehen. So können sie sich bis zur letzten Folge fragen, warum einige der Campbewohner später am im Film geschilderten letzten Tag gar nicht mehr auftauchen werden. Die Autoren verstehen es geschickt, zum Schluss alle scheinbaren Anschlussfehler zu tilgen und quasi nahtlos zur Handlung des Films überzuleiten (dazwischen bleiben aber ja glücklicherweise noch mehrere Wochen, die sie im Erfolgsfall für weitere Staffeln nutzen könnten). Aber auch alle anderen, die das Original nicht kennen, aber hemmungs- und respektlosen Humor lieben, werden mit dieser Serie sehr viel Spaß haben.
Dieser Text basiert auf Sichtung der kompletten ersten Staffel der Serie.
Marcus Kirzynowski
© Alle Bilder: Saeed Adyani / Netflix
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