Drama
Angst geht um in Europa: Der Neonazismus scheint in Deutschland wieder auferstanden zu sein. Prügelnde Skinheads, Mordanschläge auf Ausländer, Wahlerfolge rechter Parteien - Schlaglichter, die dieser zweiteilige Fernsehfilm im Jahr 3 nach der Wiedervereinigung grell beleuchten. Im Schatten bleiben die Hintermänner - jene Drahtzieher, die längst internationale Verbindungen geknüpft haben, die Organisationen, die über Kontinente hinweg agieren und auch die Mitläufer, die Bauern auf dem Schachbrett rechter Politstrategen. Von all dem handelt "Die Bombe tickt". Der Film sucht dabei bewusst Parallelen zur aktuellen politischen Situation, deckt Hintergründe auf, hat aber keine vordergründigen Schuldzuweisungen parat.
Erzählt wird die Geschichte der Geschwister Jessica und Ralph. Herbst 1992: In Bliesburg, einem Ort in Mecklenburg-Vorpommern, versperren die Bürger einem Bus mit Asylbewerbern die Zufahrt zu ihrer Stadt.
Jessica, die zum Geburtstag ihres Vaters nach Bliesburg gekommen ist, ist entsetzt, ihren Bruder Ralph unter den Demonstranten zu finden. Als die Bürger merken, dass sie die Blockade nicht aufrechterhalten können und daraufhin abziehen, überfallen Jugendliche des Ortes, enttäuscht von dem inkonsequenten Verhalten ihrer Eltern, den Bus, verprügeln die Asylbewerber und zünden den Bus an. Ralph und sein Freund, der Skinhead Gerd, sind mit unter den jugendlichen Schlägern. Gerd, der Kontakte zur rechtsextremistischen Szene hat, überredet Ralph, bei einem "Kameraden" in Berlin unterzutauchen. Ralph gleitet nach und nach ab in eine Szene, die ihm Halt, ein Ziel und eine Zukunft zu geben scheint. Während Jessica versucht, ihren Bruder aus dem Würgegriff der Neonazi-Szene zu befreien, taucht Ralph immer tiefer ein in das Gespinst rechter Organisationen, Ideologien und Verbrechen.
(einsfestival)
Dreharbeiten unter Polizeischutz
Ralph (Frank Stieren), ein arbeitsloser Jugendlicher aus Mecklenburg-Vorpommern, fühlt sich wie ein Verlierer. Halt findet er nur in der Gruppe seines Skin-Freundes und rutscht dadurch immer tiefer in die rechtsextreme Szene ab: Der ARD-Zweiteiler "Die Bombe tickt" ist wie ein Spiegelbild Deutschlands in unseren Tagen.
Eineinhalb Jahre hat Regisseur und Autor Thorsten Näter, 40, im Neonazi-Milieu recherchiert, mit rechts-organisierten Skins gesprochen: "Ich will mit meinem Film zeigen, was alles in diesen Köpfen vorgeht und was Politiker alles nicht tun, um die fatale Entwicklung zu bremsen." Denn seine schlimme Erfahrung: "Die Brutalität in der Szene ist unglaublich hoch."
Allein 1992 wurden 4000 fremdenfeindliche Anschläge registriert, an denen zu 60 Prozent Jugendliche beteiligt waren. Auch bei den Dreharbeiten gab es immer wieder aktuelle Bedrohungen aus Neonazi-Kreisen - Anlaß für umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen, zum Beispiel Polizeischutz. "Wir hatten manchmal richtig Angst", sagt Thorsten Näter. Auch deshalb, weil einige Szenen mit "echten" Statisten gedreht wurden - Asylbewerber und Skins spielten zusammen.
"Ich wünsche mir", sagt Regisseur Näter, "daß vor allem solche Menschen zusehen, die bereits wieder vergessen haben, wohin dieser ganze Wahnsinn führen kann."
(Hörzu Heft 1/30.12.93, S. 10)