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Ausgerechnet am schönsten Tag in Nialls (Jamie Bell) Leben, seiner Hochzeit, kehrt die Vergangenheit mit Urgewalt zurück. Ruben (Richard Gadd), der für den Bräutigam einst wie ein Bruder war, taucht unerwartet auf und droht, das Fest zu sprengen. Ein freudiges Wiedersehen, das macht die sechsteilige britische Miniserie
Die in der Gegenwart angesiedelte Hochzeitsfeier dient Serienerfinder, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Richard Gadd in seiner ersten Neuschöpfung seit dem von eigenen Erfahrungen inspirierten Netflix-Superhit

Was folgt, lässt sich bis zu einem gewissen Grad erahnen: Es gibt Reibungen, der impulsive Rowdie setzt dem feinfühligen Niall zu, wird aber auch zu seinem Beschützer und holt ihn ein wenig aus seinem Schneckenhaus heraus. So oder ähnlich geschieht es in unzähligen Highschool-Filmen und -Serien, in denen zwei völlig gegensätzliche Figuren aufeinanderprallen. Die Grundkonstellation - hier der mit strähnigen, nach vorne gekämmten Haaren auf Nerd getrimmte Niall, dort der stets laute, proletenhafte und einschüchternde Ruben - fühlt sich durchaus schablonenhaft, etwas gewollt an. Und doch erwächst aus ihrer toxischen, auch mit homoerotischen Untertönen aufgeladenen Beziehung eine erstaunliche Intensität.
Spannend sind etwa Brüche mit den ersten Eindrücken. Der hypervirile Ruben, der seinem neuen "Bruder" die Entjungferung durch eine Freundin regelrecht aufzwingt, ihm die Bullys in der Schule mit rabiaten Methoden vom Hals hält, fühlt sich offenbar verraten, als Niall in Kapitel 2 zum Studieren nach Glasgow zieht. Dass hinter Rubens ungezügelter Wut, seinen heftigen Gewaltausbrüchen ein familiäres Trauma stecken könnte, legen zudem mehrere Halbsätze nahe.
Niall wiederum trägt seinen eigenen inneren Kampf aus, bemüht sich, sein heimliches Interesse für Männer zu unterdrücken. Im Studentenwohnheim durchschaut ihn Alby (Charlie de Melo) allerdings schnell. Denn die Augen könnten schließlich nichts verbergen. Überhaupt ist "Half Man" eine Geschichte der eindringlichen Blicke. Schon die am Anfang dieses Textes erwähnte Konfrontation zwischen Niall und Ruben in der Scheune während der Hochzeit sticht in diesem Punkt hervor. Während aus Jamie Bell die pure Verzweiflung spricht, blitzt bei Richard Gadd ein fast schon irres Flackern auf. Das Muskelpaket scheint zu allem bereit, gleicht einem wilden Tier, das jederzeit zuschnappen könnte.

Schematische Muster in der Charakterentwicklung und den Drehbüchern werden immer wieder abgefedert durch starke Schauspielleistungen. Dank der Darsteller nehmen einen manche Passagen komplett gefangen, gehen richtig an die Nieren. Wie im Fall einer Aussage vor Gericht, bei der Mitchell Robertson all den Druck in seine Mimik und Körpersprache legt, der in diesem Augenblick auf Niall lastet. Dass einige Nebenfiguren, besonders die weiblichen, zumindest in den ersten drei Episoden, arg skizzenhaft bleiben, kann man Richard Gadd als kreativem Kopf hinter der Miniserie sicherlich vorwerfen. Das Beispiel Joanna (Kate Robson-Stuart) beweist jedoch, dass es in "Half Man" sehr wohl Raum für Entfaltung gibt. In Kapitel 3 wandelt sich die zunächst nur als liebestolle Studentin in Erscheinung tretende junge Frau zu einer moralischen Instanz, die Niall ins Gewissen spricht, eine große Ungerechtigkeit klar benennt.
Auch wenn die langen Flashbacks Aufschluss über die komplexe, von gegenseitiger Abhängigkeit geprägte Beziehung der Protagonisten geben, uns also Stück für Stück näher an die Antwort heranführen, warum Ruben die Hochzeitsfeierlichkeiten crasht, ist es fast ein bisschen schade, dass die Gegenwartsszenen mit Jamie Bell und Richard Gadd bis zur Hälfte verhältnismäßig kurz ausfallen. Den beiden würde man liebend gerne noch etwas mehr beim Belauern zuschauen. Aber wer weiß, vielleicht bekommen wir in den finalen drei Folgen dazu häufiger Gelegenheit...
Die erste Folge der Miniserie "Half Man" wird hierzulande am Freitag, den 24. April auf HBO Max veröffentlicht. Anschließend erscheint im wöchentlichen Rhythmus jeweils eine neue Episode.
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