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TV-Kritik/Review: "Unsere kleine Farm": Es grollt der Wolf und säuselt die Prärie
von Gian-Philip Andreas(09.07.2026)

Familie, Haus, Himmel: Bis heute hat das legendäre NBC-Präriedrama
Zwischen 1974 und 1983 war es für viele Zuschauer ein krasser Fall von appointment television: Die ganze Familie saß vor der Flimmerkiste, um das jeweils neueste Abenteuer der Ingalls zu erleben. Die mussten sich rund um ihre winzige Farm in Minnesota mit den Kalamitäten in Natur und Zivilisation herumplagen, konnten sich am Ende aber immer auf eines verlassen: auf den Zusammenhalt ihrer kleinen Gemeinschaft und darauf, dass kein Zuschauer schlecht gelaunt in den Abspann entlassen wurde.
Auch heute noch erfreut sich die mit vier Emmys prämierte Serie großer Beliebtheit, nicht zuletzt als Feelgood-Gegengift für unsichere Zeiten. Michael Landon, damals am Zenit seiner Karriere, vonAls nun angekündigt wurde, dass Netflix eine Neufassung von "Little House on the Prairie" (der Originaltitel bezieht sich auf den dritten Band der Buchreihe) produziert, folgte das, was in solchen Fällen heutzutage fast immer geschieht: Die herzigen Bauernhofgeschichten wurden in den Kulturkampf hineingezogen. So tat etwa die MAGA-Influencerin Megyn Kelly aufgeregt ihre Sorge kund, "Unsere kleine Farm" könne nun "wokifiziert" werden. Wenn das passiere, twitterte sie, werde sie es zu ihrer "einzigen Mission machen, das Projekt zu ruinieren". Man kennt das: Kriege, Klimakatastrophen, krasse soziale Ungleichheiten sind Kinkerlitzchen gegen den gigantischen Affront, den positiv gezeichnete queere oder migrantische Figuren in fiktionalen Serien bedeuten...

Doch Scherz beiseite: Tatsächlich wird "Unsere kleine Farm" in rechtskonservativen Kreisen und in der Tradwife-Subkultur als Idealbeispiel für das wahre, "echte", weil entschieden libertäre Amerika herangezogen: eine liebende Familie, die sich mehr oder weniger selbst versorgt, zu Beginn sogar die Kinder homeschooled und sich weitgehend fernhält von den Einmischungsbegehrlichkeiten der Regierung. Ingalls Wilder war entsprechenden Ideen zugeneigt, ihre Tochter Rose Wilder Lane, die die posthume Veröffentlichungsgeschichte der Romane begleitete, eine führende Aktivistin der libertären Ideologie. Dennoch gehen all jene in die Irre, die "Unsere kleine Farm" als "rechte" Serie für sich vereinnahmen wollen. In ihrer prompten Replik auf Kelly riefen die noch lebenden Darsteller von damals in Erinnerung, dass es in den Episoden oft um Themen wie Rassismus und die Rechte von Minderheiten ging, um Frauenhass und Gewalt in der Ehe sowie jede Menge anderer Diskurse, die heutzutage reflexhaft mit dem Kampfbegriff "woke" belegt werden. In der Tat drehte sich die Moral der Geschichten in "Unsere kleine Farm" fast immer darum, tolerant gegenüber jenen zu sein, die anders sind als wir selbst, Empathie mit jenen zu zeigen, denen es nicht gut geht. Diese fast bergpredigthafte Grundhaltung, die in der Serie immer präsent blieb, steht dem Neuen Testament des Christentums deutlich näher, als man es heute aus dem Dunstkreis manches vorgeblich bibeltreuen Staatenlenkers zu hören gewohnt ist.
Zur Beruhigung aller Vorab-Empörten kann nun aber ohnehin vermeldet werden, dass die Neufassung keine neuen Pronomen verteilt. Die Ingalls-Eltern sind nicht lesbisch geworden und Laura ist nicht of colour. Showrunnerin Rebecca Sonnenshine, deren Netflix-Horrorserie
Dennoch wollte Sonnenshine die alte Serie nicht einfach rebooten. Die Produktion damals hatte sich in Teilen stark von der Vorlage entfernt - was auch an Michael Landon lag, der Ed Friendly, dem Produzenten, der ihn engagiert hatte, die kreative Leitung entrissen hatte, um aus seiner Figur des Charles "Pa" Ingalls eine ganz andere Heldengestalt zu machen als den rauschebärtigen Pionier der Romane. Die neue Serie holt "Pa" nun wieder etwas vom Sockel runter, behält aber das Smarte und Kernige der Figur bei: Der australische Filmschauspieler Luke Bracey (

Überhaupt wirkt in dieser Neuversion alles ein bisschen zu glatt und dekorativ, vom Look der Hauptfiguren bis hin zum Interieur des Holzhäuschens, das mit seinem Steingutgeschirr und dem formschönen Holzmobiliar eher nach sündhaft teurem Landlust-Einrichtungsgeschäft aussieht als nach dem spärlichen Minimalismus harter Zeiten. Nicht erst in der Weihnachtsepisode (Folge 6) mit ihrem auf die Hausdächer gerenderten CGI-Schnee sieht die Serie so cozy und hygge aus wie ein Toffifee-Werbespot in Manufactum-Kulissen. Das steht ein bisschen quer zur sonst sehr überzeugenden Ästhetik mit ihren prächtigen Prärieaufnahmen vor beeindruckenden Himmelpanoramen (gedreht wurde in Manitoba, Kanada) und einer oft nah an den Protagonisten geführten Handkamera, die eher an Indie-Kinofilme denken lässt.
Der Plot deckt über achtmal 45 Minuten übrigens genau das ab, was in der alten Serie bereits im 90-minütigen Pilotfilm abgefrühstückt wurde. Das heißt, dass jenes Setting, für das die Serie vor allem berühmt ist, Stand jetzt noch gar nicht vorkommt. Die "kleine Farm" in Walnut Grove, Minnesota, wo es die Ingalls mit den Olesons, Miss Beadle und den anderen bekannten Charakteren zu tun bekommen, wird erst in der allerletzten Szene ins Spiel gebracht. Bis dahin spielen die Episoden in Kansas.
Dort nämlich, mitten in der Prärie, in der Nähe des Städtchens Independence, landet die nach ihrem Wegzug aus Wisconsin im Planwagen umherreisende Familie zuerst. Anfangs müssen Charles, seine erneut schwangere Frau Caroline (Crosby Fitzgerald), die 14-jährige Mary (Skywalker Hughes, westernerpobt aus
Einige Bewohner der nahegelegenen Stadt werden näher beleuchtet, darunter vor allem der schwarze Arzt Dr. George Tann (Jocko Sims aus

Im Besonderen wird das Dilemma der Vertreibung der Natives und ihrer erhobenen Ansprüche an William Mitchell (Meegwun Fairbrother,
Dass es in Walnut Grove im nächsten Jahr weitergeht, ist schon ausgemachte Sache und absolut folgerichtig, denn gerade an den emotionalen Stellschrauben dreht Sonnenshine mit ihrem Team (
Wenn auch manchmal ein bisschen viel psychologisiert wird und lebende oder tote Familienmitglieder in Traum(a)visionen durch die Szenen geistern, bleiben die Episoden weitgehend der kindlichen (und weiblichen) Perspektive treu, die in den Büchern etabliert wurde. Die kleine Laura, Alter ego der Romanautorin, ist auch diesmal wieder most valuable person. Das Schönste: Alice Halsey gelingt es erstaunlich mühelos, von Anfang an mindestens genauso viel Charme, Wildheit, Wissbegier und Lebenslust in die kleine Laura zu legen, wie es damals Melissa Gilbert in ihrer ikonischen Rolle vermochte. Kein leichtes Unterfangen! Wenn auch der ganz große neue Wurf ausbleibt, den die Macher dieses Updates möglicherweise im Sinn hatten, so überträgt sich der staunende, positive, allem Fremden und Unbekannten gegenüber entschieden aufgeschlossene Blick, den Laura auf die wilde Welt um sie herum wirft, sofort aufs Publikum. Und das ist weit mehr als die halbe Miete.
Die achtteilige erste Staffel von "Unsere kleine Farm" liegt seit dem 9. Juli auf Netflix zum Streamen bereit.
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