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TV-Kritik/Review: Stranger Things

Netflix präsentiert sehr unterhaltsame, spannende Variation von Eighties-Kino-Hit - von Gian-Philip Andreas
(18.07.2016)

Stranger Things
Die jungen Protagonisten stehen im Zentrum der 80er-Jahre Hommage "Stranger Things"


J.J. Abrams hat es vor fünf Jahren schon einmal versucht: eine Hommage zu drehen an das gute alte nicht-digitale Blockbuster-Kino der späten 1970er bis mittleren 1980er-Jahre, als Steven Spielberg in "E. T." clevere Kids in den Kampf gegen bornierte Erwachsene schickte, als Richard Donner die "Goonies" in Piratenhöhlen kraxeln ließ oder Wil Wheaton und River Phoenix in der Stephen-King-Verfilmung "Stand By Me" erwachsen wurden - und die Kinospielpläne noch nicht von immer neuen Episoden der immergleichen Comic-Superhelden verstopft waren. Abrams' Kinofilm "Super 8" war ein Fanboy-Projekt und kam auch bei Nachgeborenen gut an, wobei sich viele nicht entscheiden konnten, ob das nun eine charmante Hommage war oder ein etwas zu wohlfeiles Imitat der von ihnen bewunderten Filme.

Eine ähnliche Debatte wird nun "Stranger Things" anstoßen. Denn die diesjährige Netflix-Sommerserie, die von einem verschwundenen Kind erzählt, bedient die gleiche nostalgische Sehnsucht nach dem klassischen Spielberg-Kino und dürfte den kindlichen Zuschauern von damals, die heute über vierzig sind, ein Leuchten in die Augen zaubern - nicht nur, weil, wie damals, ein paar heranwachsende Jungs als Protagonisten einer mit Horror-, Abenteuer- und Sci-Fi-Elementen gespickten Mystery-Geschichte dienen.

Zum Glück aber scheinen es die Brüder Matt und Ross Duffer in ihrem ersten eigenen, zunächst auf acht Episoden angelegten Serienprojekt nicht beim bloßen Fanservice zu belassen; vielmehr verfolgen die Zwillinge, die bislang als Autoren einiger "Wayward Pines"-Folgen reüssierten, eine Doppelstrategie: Neben dem Re-Enactment alter Spielberg-Plotelemente und -Figuren werfen sie einen wissenden und dezidiert heutigen Kennerblick auf eben diese Plots, die zugleich funktionabel genug abschnurren, um auch junge Zuschauer zu fesseln, die die "Originale" gar nicht kennen. Hommage und Reboot finden gleichzeitig statt. Man kann auch sagen: Neu ist hier nichts, aber die Art, wie die Duffers das Alte neu servieren und clever kontextuieren, die ist erfreulich souverän.

Stranger Things
Das Poster zu "Stranger Things" verspricht eine komplexe Handlung
Liebevoll wird das Setting eines amerikanischen Provinzstädtchens im Jahr 1983 entworfen, angefangen mit den Käppis, Hoodies und Polohemden der handelnden Kids und Teenies, die hier auf BMX-Rädern durch die Wälder kurven, mit Yoda-Spielfiguren hantieren und vom "Poltergeist"-Kinobesuch träumen, bis hin zur filmischen Gestaltung, die trotz guter CGI-Effekte und der sehenswerten State-of-the-Art-Kameraarbeit vorzugeben trachtet, dass wir es hier mit einem filmischen Produkt der frühen Achtziger zu tun haben: Die Vorspannschrift und die drohend wabernde Synthie-Musik, irgendwo zwischen Vangelis und John Carpenter, sorgen für eine überzeugende Retro-Atmo.

Mit einer oft gesehenen, aber effektiven Grusel-Routine geht es los: Da flieht ein Wissenschaftler panisch durch die labyrinthischen Gänge eines Laborkomplexes und wird dann von etwas nicht Sichtbarem aus dem Bild gerissen. Im Anschluss an dieses Cold Opening lernen wir die kindlichen Protagonisten der Serie kennen: Mike (Finn Wolfhard), Dustin (Gaten Matarazzo), Lucas (Caleb McLaughlin) und der schmächtige Will, alle so um die zwölf Jahre alt, spielen im Keller von Mikes Elternhaus im (fiktiven) Hawkins, Indiana, schon seit zehn Stunden Dungeons & Dragons, als Mikes Mutter Karen (Cara Buono) die Runde jäh auflöst. Will radelt an diesem dunklen Herbstabend allein nach Hause - und begegnet im Wald einem guttural grollenden Monster, das zwar nur kurz durchs Bild huscht, aber Konturen besitzt, die gruselig genug sind, um in den nächsten Episoden schon als bloße Andeutung das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Will flieht durch den Wald nach Hause, in den Schuppen. Doch das Ungeheuer holt ihn trotzdem; wohin, bleibt ungeklärt.

Als Wills alleinerziehende Mutter Joyce haben die Duffers Winona Ryder für die große Bühne reaktiviert, eine Schauspielerin also, die für das Blockbuster-Kino der Achtziger knapp zu spät kam, in den Neunzigern in Filmen wie "Edward mit den Scherenhänden" lange ein Top-Star war und dann lange genug von der Bildfläche verschwunden oder zumindest in Nebenrollen abgedrängt war, um heutigen Teens praktisch unbekannt zu sein. Die Älteren dagegen werden sich freuen, die Mittvierzigerin (nach dem Gastpiel in HBOs "Show Me a Hero") endlich mal wieder in einer Hauptrolle sehen zu dürfen. Als Joyce spielt sie angemessen überspannt, noch immer kann sie die Augen so schön aufreißen wie früher. Die tragische Dimension, die mit der Gewissheit wächst, dass Joyce ihren sensiblen Sohn womöglich für immer an etwas Grauenhaftes verloren hat, spielt sie ebenso überzeugend wie den Scream-Queen-Aspekt, als sich Will später, mit geisterhaft verstellter Stimme, durchs elektrifizierte Telefon bei ihr meldet (in "Poltergeist" war's damals ein Fernseher, durch den kommuniziert wurde) und sich später Horrorgestalten durch die Tapete zu drücken scheinen.

Der zweite ­- erwachsene ­- Protagonist von "Stranger Things" ist Sheriff Hopper, gespielt vom verlässlichen David Harbour (zuletzt eher verschenkt in der kurzlebigen NBC-Spionageserie "State of Affairs"). Als Hallodri mit Vorliebe für wechselnde Affären und reichlich Alkohol behelligt Hopper seine Sekretärin mit dem schönen Bonmot, dass die Vormittage nicht für Arbeit reserviert seien, sondern "für Kaffee und Kontemplation". An der Wand seines verrumpelten Hauses hängt ein Foto, in dem Hopper als Familienvater zu sehen ist. Frau und Kind gibt es nicht mehr, Hopper ist irgendwie aus der Bahn geraten, doch sobald er sich aber um den Fall des verschwundenen Will kümmern muss, gewinnt dieser fast schon klassisch gebrochene Ermittler sofort an Ernst und Sympathie: Wer weiß, ob es nicht was werden könnte mit ihm und Joyce?

Schon in der zweiten Episode wird Hopper von Hinweisen an den Zaun jenes Laborkomplexes geführt, in dem schon die Eröffnungsszene spielte. Wir Zuschauer sind ihm einen Schritt voraus: Dr. Martin Brenner (Matthew Modine, fast 30 Jahre nach "Full Metal Jacket" ehrenvoll ergraut), dubioser Mitarbeiter der Energiebehörde, hat dort samt Team in Schutzanzügen einen glibberigen Organismus vorgefunden, aus dem offenbar das gesuchte Monster entsprungen ist. Was mag es sein? Ergebnis eines missglückten Experiments? Außerirdisches Wesen? Warum flackern die Lichter, wenn es in der Nähe ist?

Nicht weniger rätselhaft ist ein kleines Mädchen, das sich, nach der auf ihren Arm tätowierten Zahl, "Eleven" nennt, nur "Ja" und "Nein" sagen kann, kahlgeschoren durch den Wald stapft und Telekinese beherrscht. Eleven (toll: Millie Bobby Brown aus "Intruders") scheint ebenfalls diesem Labor entflohen zu sein - gegen den Willen der Wissenschaftler. Der Imbissbudenbesitzer, bei dem sie zunächst unterkommt (Gastauftritt von Chris Sullivan aus "The Knick"), wird von Brenners Schergen getötet.

Generell leben und atmen die "Stranger Things" vor allem, wenn die Kinder im Vordergrund der Handlung stehen: Mike, der schüchterne Träumer, Lucas, der Schlagfertige und Dustin, der Scherzkeks mit dem Sprachfehler, wirken als Figuren sofort vertraut. Das liegt auch an den Jungdarstellern, die allesamt ganz hervorragend sind. Als die Jungs die im Wald gefundene Eleven im Kinderzimmer verstecken und mit Überbleibseln vom Abendessen füttern, werden die E.T.-Parallelen überdeutlich: Ersetzen Sie Mike durch Elliott und Eleven durch den außerirdischen Gnom. Auch die Szenen mit Mikes Eltern am Esstisch wirken wie direkt aus einem apokryphen Spielberg-Film importiert. Doch weil die Duffers sehr viel Sorgfalt an den Tag legen und das Zeitkolorit stets liebevoll nachzeichnen (inklusive Songs von Toto, The Clash oder den Bangles), statt nur checkermäßig anzuzitieren, kommt all das nie abgegriffen oder kopistisch rüber. Die Hommage siegt über das billige Imitat.

Nein, natürlich überzeugt nicht alles sofort: Wohin etwa der sehr stereotype, an Collegefilme erinnernde Subplot um Mikes Teenieschwester Nancy (Natalia Dyer) führen soll, bleibt vorerst ebenso unklar wie die Rolle von Wills älterem Bruder Jonathan (Charlie Heaton), der auf eigene Faust ermittelt. Und es steht auch in den Sternen, ob der Plot mehr Luft hat als für die acht Episoden dieser Staffel. Doch fürs Erste aber haben wir es hier mit einer sehr unterhaltsamen, teils sehr spannenden Variation der bewährten Eighties-Hits zu tun, die alten Fans erfreulicherweise ebenso viel Vergnügen bereiten dürfte wie jüngeren Zuschauern. "Stranger Things" macht nichts atemberaubend anders, doch die ersten Episoden haben das Herz am rechten Fleck, was in diesen Jahren nicht viele Produkte der Unterhaltungsindustrie für sich reklamieren können. Und sie schaffen Erstaunliches: Sie wirken wie von damals, aber nie wie von gestern.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von "Stranger Things".

Meine Wertung: 4/5

Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: NEtflix




 

Über den Autor

  • Gian-Philip Andreas
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

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