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Jared Harris und Emily Watson brillieren in Sky-Miniserie
"Chernobyl"
Bild: Sky
TV-Kritik/Review: "Chernobyl": Ein Blick auf menschliche Hybris, der die Kehle zuschnürt/Bild: Sky

Der Name Tschernobyl - oder Chernobyl, wie er im Englischen transkribiert wird - ist bis heute eine Chiffre für katastrophales Unglück. Aber auch für das unfassbare Leid, das menschliches Versagen und Fehlverhalten verursachen können. Der US-Premiumsender HBO hat die Tage unmittelbar nach dem Super-GAU im ukrainischen Atomreaktor jetzt gemeinsam mit dem britischen Sky in der fünfteiligen Miniserie "Chernobyl" aufgearbeitet. Dabei hat sich Drehbuchautor Craig Mazin eng an die Fakten gehalten. Trotzdem kann man mit dem heutigen Wissen oft kaum glauben, wie die verantwortlichen Personen reagieren.

Anders als die allermeisten Katastrophenfilme und -serien - aber ähnlich wie in Skys deutscher Eigenproduktion "8 Tage" - beginnt die Auftaktfolge direkt mit dem Unglück selbst. Es gibt keine längere Exposition, in der den Zuschauern erst einmal die wichtigsten Figuren in ihrem Alltagsleben vor der Katastrophe vorgestellt würden. Um 1 Uhr 23 in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 explodiert einer der Reaktoren des Kernkraftwerks in der damaligen Sowjetrepublik.

Zunächst ist es nur ein lauter Knall, der den Feuerwehrmann Vasily (Adam Nagaitis) aus dem Schlaf reißt, der mit seiner Ehefrau in der nahe gelegenen Stadt Pripyat lebt. Kurz darauf klingelt sein Telefon und er wird zum Einsatz gerufen: Das Dach des Kraftwerks würde brennen. Ohne Strahlenschutzkleidung machen er und seine Kameraden sich an die aussichtslose Aufgabe, die aus dem Gebäude aufsteigenden Rauchwolken mit Wasser zu löschen. Dass es in Wahrheit der Reaktor selbst ist, der da in Flammen steht, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand - oder es will jedenfalls niemand wahr haben.
Feuerwehrmann Vasily (Adam Nagaitis).

Vor allem nicht der stellvertretende Chefingenieur des Kraftwerks Anatoly Dyatlov (Paul Ritter), ein Mann von bemerkenswerter Ignoranz. Der diensthabende Schichtleiter schickt selbst dann noch Mitarbeiter schutzlos in die Nähe des havarierten Reaktors, als andere seiner Männer bereits mit verbranntem Gesicht sich übergebend vor seinen Augen zusammengebrochen sind. Mantraartig wiederholt er, dass nur ein Kühlwassertank explodiert sein könne. Die Explosion des Reaktors selbst sei technisch unmöglich. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Und schließlich zeige der Geigerzähler doch nur 3,6 Becquerel - höher reicht dessen Skala allerdings auch gar nicht. Auch der einberufene Rat der führenden lokalen Politiker möchte nur abwiegeln, verschweigen, beruhigen, auf keinen Fall aber die Bevölkerung durch eine Warnung vor austretender radioaktiver Strahlung oder gar Evakuierung in Panik versetzen. So ziehen ganze Familien zu einer Brücke in der Nähe des Kraftwerks, um das Spektakel des Feuers zu beobachten, ihre Kinder spielen unbeschwert in der niedergehenden Asche. Es sind Bilder wie diese, die einem die Kehle zusammenschnüren.
Ein Komitee-Meeting

Regisseur Johan Renck und Kameramann Jakob Ihre haben insbesondere die erste Folge in Szene gesetzt wie eine osteuropäische Serie aus den 1980er Jahren, etwa Krzysztof Kieślowskis Klassiker "Dekalog". Die Atmosphäre in der ukrainischen Kleinstadt wirkt grau und trostlos, Plattenbau reiht sich an Plattenbau. Das wirkt manchmal etwas übertrieben, so als habe es in der Sowjetunion im Alltag keine Freude gegeben. Auch werden die Funktionäre auf allen Ebenen als bürokratische Betonkopfe gezeichnet, die vereinzelt auftretende kritischere Stimmen sofort zurechtweisen und zum Schweigen bringen. Erst dem in die Untersuchungskommission berufenen Wissenschaftler Valery Legasov (herausragend: Jared Harris, "Mad Men") gelingt es, die Regierung davon zu überzeugen, wie ernst die Lage wirklich ist. Dabei wird Generalsekretär Gorbatschow als erstaunlich einsichtiger Politiker dargestellt.
Wissenschaftler Valery Legasov (Jared Harris) erkennt den Ernst der Lage

Die bleierne Trostlosigkeit der Auftaktepisode weicht in der zweiten Folge einer dramatischeren Atmosphäre, geht es nun doch darum, im Wettlauf gegen die Zeit eine noch schlimmere Katastrophe zu verhindern. Der Einsatz von großen Mengen Sand hat nämlich zwar das Feuer eingedämmt, die darunter steigende Hitze droht jedoch, die gesamte Anlage samt der übrigen Reaktoren zur Explosion zu bringen. Weite Teile der Sowjetunion drohen, unbewohnbar zu werden.

Die Rollen der authentischen Personen werden durchgehend von europäischen, überwiegend britischen Schauspielern verkörpert (darunter bekannte Namen wie Stellan Skarsgård und Emily Watson, die bereits in Lars von Triers "Breaking the Waves" gemeinsam vor der Kamera standen). Das wirkt in der Originalfassung manchmal etwas befremdlich, vor allem, wenn sie reinstes Oxford Englisch sprechen, nachdem im Radio gerade Russisch gesprochen wurde. Bedenklicher an dem Ansatz, das (Miss-)Management des Unfalls durch die sowjetischen Autoritäten in einer amerikanisch-britischen TV-Serie nachzuzeichnen, ist, dass das Ganze manchmal etwas nach Siegerjustiz aussieht. Der Kommunismus war ein ebenso ineffizientes wie menschenverachtendes System, scheinen uns die Macher sagen zu wollen, in einem westlichen Land wäre das so alles nicht passiert. Rückblickend ist es aber natürlich immer einfach zu sagen, wie man anders hätte reagieren müssen. Auch im Westen hielten die meisten Wissenschaftler und Politiker einen Unfall, wie er sich dann in Tschernobyl ereignete, bis dahin schlicht für unmöglich.

Dieser leichte politische Beigeschmack schmälert aber nicht die starke emotionale Wirkung der Serie. "Chernobyl" ist sicher alles Andere als Wohlfühlfernsehen, eher das genaue Gegenteil, nichts, was man sich mal eben so beim Abendessen ansehen sollte. Aber ideal, um zu zeigen, wohin menschliche Hybris führen kann.


Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie "Chernobyl".

Meine Wertung: 4.0/5


Marcus Kirzynowski
© Alle Bilder: Sky


Sky Atlantic zeigt die Serie "Chernobyl" in Deutschland ab dem 14. Mai immer dienstags um 20.15 Uhr und stellt sie on-Demand zum Abruf bereit.


Deutscher Teaser-Trailer zu "Chernobyl"


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Über den Autor

  • Marcus Kirzynowski
Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für TV Wunschliste und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.