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TV-Kritik/Review: "Dexter: New Blood": Wiederkehr des Serienmörders in der winterlichen Provinz
von Gian-Philip Andreas(22.11.2021/ursprünglich erschienen am 08.11.2021)

Wenn es einen Preis geben würde für den meistgehassten Abschluss einer innig geliebten Qualitätsserie, dann wäre der im Jahr 2013 an
In Oregon hockt Dexter Morgan jedenfalls nicht mehr herum. Seine Holzhütte steht nun im fiktiven Kaff Iron Lake irgendwo hoch oben im unterkühlten Norden des Staates New York. Der größtmögliche klimatische Kontrast zum sonnigen Miami, in dem die Serie bislang spielte, ist also trotzdem gegeben, das Kleinstadtszenario mit lauter Menschen in dicken Winterjacken erinnert dabei ein wenig an die erste Staffel

In Iron Lake hat Dexter mit der lokalen Polizeichefin Angela Bishop (Julia Jones) angebandelt, ihre erste gemeinsame Szene spiegelt schön den Tarnmodus, in dem sich die Titelfigur in diesem ländlichen Nirgendwo eingerichtet hat: Dexter wird von der Streife fahrenden Angela angehalten, kontrolliert, dann zum Aussteigen aufgefordert. Erst als die beiden gierig übereinander herfallen, wird klar, dass es sich hier um das Rollenspiel eines aufeinander eingeschworenen Liebespaares handelt.
Für Dexter ist die Liaison natürlich, je nach Sichtweise, ebenso praktisch oder gefährlich, genau wie es früher seine Nähe zur Polizei von Miami war. Damals war vor allem seine Quasi-Schwester Debra (Halls Ex-Frau Jennifer Carpenter) das Bindeglied zu den Gesetzeshütern. Weil Debra 2013 im Serienfinale starb, hat sich Phillips einen leicht fragwürdigen Kniff ausgedacht, um die Figur dennoch wieder mit an Bord haben zu können: Sie ersetzt Dexters Ziehvater Harry als Dexters personifiziertes Gewissen. Für "Dexter: New Blood" heißt dies, dass Debra nun ständig um Dexter herumschwirrt und ihn, als er seine Mordlosigkeit ad acta zu legen plant, meist aus der Halbschärfe heraus mit Verwünschungen überzieht. Carpenter kann da bei ihrer ohnehin als schimpfwortaffin bekannten Figur noch ein paar F-Wort-Kaskaden drauflegen. Wirklich viel anzufangen wissen die Autoren mit ihr aber nicht. Klarer Fall von: na ja.
Über längere Zeit wird in der Pilotfolge das Leben in Iron Lake geschildert, wo "Jim" sich eingerichtet hat wie Saul Goodman als Backwarenverkäufer Gene in Nebraska in

Damit Dexter wieder das tun kann, worauf die Fans warten dürften, nämlich: Bösewichter morden und clever die Spuren beseitigen, muss ein besonders mieses Ekel auftauchen: Matt Caldwell (Steve M. Robertson aus
Fast eine Dreiviertelstunde dauert es, bis Dexter rückfällig wird, bis seine Küche erstmals mit Plastik ausgelegt wird und bis erstmals das legendäre Voiceover aus dem Off erklingt, mit dem sich Dexters "dunkler Passagier" zurückmeldet und Dexters Inneres kommentiert, eine Ambivalenz, die Michael C. Hall allerdings auch ganz ohne Worte meisterhaft durchscheinen lassen kann, durch minimales Augenbrauenanheben und kaum merkbare Grinsansätze. Just während der alte Dexter wieder zum Vorschein kommt, um den Ehrenkodex seines Ziehvaters (nur böse, schuldige Menschen umbringen) umzusetzen, bricht die Vergangenheit auch auf andere Weise wieder in sein Leben: Harrison, sein Sohn, der in Staffel vier ein Baby war, am Ende der achten Staffel etwa vier Jahre alt gewesen sein muss und dann von Dexter im Stich (beziehungsweise in der Obhut seiner nach Argentinien geflüchteten letzten Affäre Hannah) gelassen wurde, taucht urplötzlich in Iron Lake auf. Der jetzt etwa 14-Jährige (gespielt von Jack Alcott aus
"Dexter"-Fans können sich fraglos darüber freuen, dass Clyde Phillips und Regisseur Marcos Siega (der früher schon diverse "Dexter-Folgen inszenierte) alles dafür tun, ihnen möglichst viel Bewährtes vorzusetzen - einen entschiedenen Bruch gibt es, abgesehen vom Setting, jedenfalls nicht: Die ersten neuen Episoden liefern blutige Tatsachen, mit jump scares operierende Traumszenen und, wenn auch sparsam dosierten, sardonischen Witz. Ein vernünftiger Antagonist für Dexter lässt noch auf sich warten, es dürfte aber unschwer zu erraten sein, dass Kurt Caldwell und seine reichen Kollegen aus der Ölbranche dunkle Machenschaften zu verbergen haben - und dass der an Dexter geratene Matt, dessen "Verschwinden" eine große Suchaktion in den verschneiten Wäldern zur Folge hat, eher versehentlich Größeres ins Rollen gebracht hat. Diverse zeitgenössische Diskurse werden am Rande mit dem Geschehen verflochten, so nimmt Audrey etwa an Fridays-for-Future-artigen Demos teil, während sich die Native Americans der Umgebung (Auftritt Gregory Cruz aus Bin ein wenig aus der Übung
, sagt er.

Diesem erstaunlich routiniert aus dem Thrillerärmel geschüttelten Business-as-usual stehen diverse dramaturgische Laxheiten gegenüber wie jene, dass der plötzlich auftauchende Teenagersohn Harrison selbst bei Angela und Audrey kaum für größere Skepsis bezüglich "Jims" Vergangenheit sorgt und auch der ermittlungserfahrene Dexter höchstpersönlich in der Wiederkehr seines Sohnes keine essenzielle Gefahr für die eigene Enttarnung zu vermuten scheint. Wird Dexter seine Mord-Familien-Balance nun also besser geregelt bekommen als damals? I may be a monster, but I'm an evolving monster
, sagt Dexter, als er auf das früher so übliche Aufbewahren der Blutproben seiner Opfer als Trophäen verzichtet. Das suggeriert eine Weiterentwicklung, die sich in den ersten Folgen der Miniserie formal und inhaltlich allerdings noch ebenso wenig andeutet wie eine Klarheit darüber, ob Dexters Geschichte in diesen zehn neuen Episoden zu einem tatsächlichen, "korrigierten" Ende gebracht werden soll - oder ob eine Hintertür für mögliche weitere Fortsetzungen offengehalten wird.
"Dexter: New Blood" richtet sich auf alle Fälle zentral an die alten Fans; ob sich Zuschauer, die "Dexter" nie gesehen haben, darauf einlassen können, ist eher fraglich (auch wenn Teile von Dexters Backstory im Voiceover pflichtschuldig zusammengefasst werden). Es macht den Eindruck, als hätten die Macher vor allem darauf geachtet, diesmal irgendwie besser aus der Nummer herauszukommen als vor acht Jahren. Das allerdings, machen wir uns nichts vor, ist ja auch gar nicht so schwer.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von "Dexter: New Blood".
"Dexter: New Blood" wird seit dem 7. November auf dem US-Pay-TV-Sender Showtime ausgestrahlt. In Deutschland wird die Serie ab dem 22. November bei Sky Atlantic ihre Premiere feiern..
Über den Autor
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Leserkommentare
MacBlack schrieb am 08.11.2021, 22.02 Uhr:
Mega! Danke für das Review...ick freu mir schon wie dolle auf die neuen Folgen. Irgendwie hat mich schon die erste Sichtung des Trailers vor ein paar Wochen völlig weggehyped, obwohl ich nie ein Überfan der Originalserie war. Jetzt kann ichs kaum noch erwarten...seufz
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