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TV-Kritik/Review: "Die Falle": High-End-Dramaserie, wie man sie bei Streamern gerne öfter sehen würde
von Marcus Kirzynowski(12.10.2026)

Lisa (Miriam Ohlmeyer) und ihre jüngere Schwester Anna (Josephine Thiessen) tanzen ausgelassen zusammen in der Disko. Anna bittet einen jungen Mann, ein Foto von ihnen zu machen. "Und was bekomme ich dafür?" - "Einen Kuss mit Zunge - von meiner Schwester", antwortet Anna schlagfertig. Nur, um ihn dann selbst zu küssen. Eine kurze Szene, die vielleicht typisch ist für das Verhältnis der beiden Schwestern. Nachdem Anna wenig später brutal ermordet wurde, spricht Lisa jedoch nur noch in höchsten Lobeshymnen von ihr: Schön sei sie gewesen, klug und humorvoll und einfach ein guter Mensch.
Nicht nur der Journalist Robert Lenzen (Hans Löw) fragt, ob Lisa sie nicht idealisiere. Tatsächlich offenbaren sich in weiteren Rückblicken langsam, aber deutlich Risse in der ach so perfekt erinnerten Schwesternschaft. Lenzen, der die Bestsellerautorin Lisa Konrad (jetzt: Friederike Becht) interviewt, ist allerdings alles andere als unvoreingenommen. In Wahrheit kannte er Anna sehr gut. Und Lisa ist sich sicher, dass er sie vor zehn Jahren umgebracht hat.
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Lisa kam damals - etwas zu spät zur Verabredung - in die Wohnung ihrer Schwester und fand Anna von Messerstichen schwer verletzt auf dem Küchenboden. Bevor sie starb, machte sie Lisa noch auf ihren Mörder aufmerksam, der sich auf die Terrasse geflüchtet hatte. Das Erlebte hat Lisa so stark traumatisiert, dass sie seit zehn Jahren ihr luxuriöses Haus nicht mehr verlassen hat. Unter Pseudonym hat sie erfolgreiche Romane geschrieben, kommt aber mit Medikamenten und Therapeutin (Ursula Strauss) nur gerade so durch ihren Alltag. Bis sie eines Tages glaubt, den Mörder im Fernsehen wiedererkannt zu haben: Robert Lenzen, Starreporter eines Nachrichtenmagazins, bekannt als Kriegsreporter. Da sie kein Vertrauen in die Polizei hat, schmiedet sie einen gewagten Plan: Sie will die Geschichte ihrer Schwester zu einem Roman verarbeiten und dann Lenzen ein exklusives Interview dazu anbieten, um ihn direkt zu konfrontieren.
Während sich ihre wenigen engen Vertrauten - ihr Verleger Norbert Rudow (Matthias Brandt) und ihre Agentin Pia (Anna Schudt) - wundern, warum die Literatin plötzlich einen Krimi schreibt und warum die das Licht der Öffentlichkeit scheuende Autorin ausgerechnet einem Kriegsreporter ihr erstes Interview geben will, bereitet sie sich akribisch auf die Begegnung vor. Nicht nur, indem sie über Lenzens Leben recherchiert, sondern auch indem sie ihre Medikamente absetzt und sich durch einen Ex-Militär einem Verhörtraining unterzieht. Der zunächst ob der Anfrage verwunderte Lenzen hat inzwischen seinerseits die Verbindung zwischen Lisa und Anna geschnallt und dem Interview zugestimmt. Wenn es in der vierten Folge zu der lange erwarteten Begegnung kommt, ist man sich als Zusehende*r allerdings längst nicht mehr sicher, ob Lisa sich wirklich auf ihre Erinnerungen verlassen kann.

Zu labil wirkt der psychische Zustand dieser Frau, die sich ihre eigene Wahrheit zurechtgelegt zu haben scheint. Und kann dieser umgängliche erfolgreiche Journalist, der so liebevoll mit seiner heranwachsenden Tochter umgeht, wirklich ein brutaler Mörder sein? Kleefeld streut geschickt Zweifel an Lisas Version des Geschehens, indem sie mit kurzen Zwischenschnitten auf Erinnerungsfetzen deren disparaten Geisteszustand visualisiert. Die bedrängende Musik von Oscarpreisträger Volker Bertelmann (
Darüber hinaus ist die Miniserie bis in kleinste Rollen mit renommierten SchauspielerInnen besetzt. Manchmal wirkt das sogar etwas verschenkt, etwa bei Lisas Eltern, als die Peter Lohmeyer und Anna Stieblich (

Menschliche Erinnerungen sind nie objektiv, auch wenn wir im Alltag davon ausgehen, dass alles, an das wir uns erinnern, auch wirklich passiert ist. Sobald aber psychische Erkrankungen, Traumata und Psychopharmaka ins Spiel kommen, schwindet dieses Vertrauen. Raabe und Kleefeld setzen Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer Antiheldin geschickt ein, um die Spannung auf hohem Niveau zu halten. Und selbst ganz am Schluss lassen sie noch eine entscheidende Frage offen. Als ob sie sagen wollten: Die Wahrheit, die man sich selbst über seine Vergangenheit zurechtgelegt hat, ist okay, solange man gut damit leben kann.
Ganz logisch entwickelt sich die Handlung leider nicht immer. Manches wird zu einfach wegerklärt, auch sind die Motivationen einiger Nebenfiguren nicht jederzeit nachvollziehbar. Das fällt angesichts der konstant hohen Spannung und der dichten und immer wieder auch originellen Inszenierung aber nicht schwer ins Gewicht. Insgesamt ist "Die Falle" ein gelungenes Beispiel für die Art von High-End-Dramaserie, die man bei den großen Streamern gerne öfter sehen würde.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten Miniserie "Die Falle".
Alle sechs Episoden der Miniserie sind ab Dienstag, den 13. Oktober, bei Netflix verfügbar.
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