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TV-Kritik/Review: "Escaping Bolivia - Best Friends Forever": Urlaubsreise in den Frauenknast

Thriller-Drama fiktionalisiert einen der spektakulärsten norwegischen Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte in groben Zügen
Ida (Ella Øverbye) bekommt es mit der Angst zu tun.
NDR/Ronald Vargas

Der Satz "Die verrücktesten Geschichten schreibt das Leben!" mag ein viel zu oft bemühtes Klischee sein. Und doch steckt in der Plattitüde natürlich mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Als Beweis taugt auch ein skandinavischer Kriminalfall, der im Jahr 2008 erstmals für Schlagzeilen sorgte. Drei junge Frauen aus Norwegen wurden am Flughafen der bolivianischen Stadt Cochabamba mit über 20 Kilogramm Kokain erwischt und verhaftet. Während eine von ihnen sich noch vor Prozessbeginn durch die finanzielle Hilfe ihrer Eltern und die Unterstützung der Behörden in ihre Heimat absetzen konnte, erhielten die anderen beiden lange Haftstrafen, obwohl sie, wie ihre Freundin, stets behaupteten, dass man ihnen die Drogen untergejubelt habe. Die mit dieser Wendung längst noch nicht auserzählte Story, deren Hintergründe bis heute ungeklärt sind, nutzte die Regisseurin und Drehbuchautorin Emilie Beck als Inspiration für eine sechsteilige Serie, die - darauf legen sie und ihre kreativen Mitstreiter wert - keine Rekonstruktion im engeren Sinne darstellt.

 "Escaping Bolivia - Best Friends Forever" fiktionalisiert die wahren Ereignisse, tauscht die Namen der Beteiligten aus und, was am wichtigsten ist, fokussiert sich auf die Perspektive der zu Beginn 17-jährigen Ida (Ella Øverbye), deren Figur auf der real existierenden Stina Brendemo Hagen basiert. Die subjektive Sicht betont das von deutscher Seite (NDR, SWR und WDR) koproduzierte Thriller-Drama schon in den ersten Minuten, wenn Ida in ihren Voice-over-Ausführungen gesteht, dass ihre Version des Geschehens stark von den Schilderungen ihrer zwei Begleiterinnen abweiche. Dass die Protagonistin nicht vollends aufrichtig sein, sich selbst in ein günstigeres Licht stellen könnte, ist ein spannender Gedanke, mit dem Schöpferin und Chefautorin Emilie Beck im Folgenden jedoch zu wenig anzufangen weiß. Aber der Reihe nach...

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Zusammen mit ihrer nur ein Jahr älteren Partnerin Cecile (Lisa Hovden) und ihrer guten Freundin Michelle (Josephine Tetlie) verbringt die im Mittelpunkt stehende Teenagerin einen unbeschwerten Urlaub in Bolivien. Mit dabei ist auch Michelles kleiner Sohn Max (Marc Antoine Garrivier Arias), der aus einer inzwischen zerbrochenen Beziehung mit Idas Bruder stammt. Wie sich ein ausgelassener Partyaufenthalt mit der Anwesenheit eines Kindes verträgt - diese Frage drängt sich sofort auf. Immer dann wenn Michelle länger weg ist, scheint sich allerdings vor allem Ida liebevoll um ihren Neffen zu kümmern.

Wie stark ist die Freundschaft zwischen Michelle (Josephine Tetlie, rechts) und Ida (Ella Øverbye)?
Wie stark ist die Freundschaft zwischen Michelle (Josephine Tetlie, rechts) und Ida (Ella Øverbye)? NDR/Ronald Vargas

Bei der Abreise am Flughafen von Cochabamba verwandelt sich der Trip schließlich in einen Albtraum, als im Gepäck der drei jungen Frauen 22,4 Kilogramm Kokain gefunden werden. Sie selbst wollen davon nichts gewusst haben, schieben die Verantwortung auf ihren Reiseleiter Carlos (Hishaam Loofer) - und landen dennoch im Frauengefängnis. Die Polizeivertreter zeichnet "Escaping Bolivia - Best Friends Forever" als abweisend bis feindlich. Michelle wird zunächst grob von ihrem Sohn getrennt, ist aber immerhin des Spanischen mächtig. Ida und Cecilie, die die Sprache zu diesem Zeitpunkt nicht beherrschen, sind dagegen erst einmal völlig hilflos. Die Bitte, sie auf Englisch über die Anschuldigungen aufzuklären, wird einfach ignoriert.

Was nach der Verhaftung ebenfalls ins Auge sticht: Kaum eine Gelegenheit lassen Emilie Beck und Co ungenutzt verstreichen, um auf die in Bolivien grassierende Korruption hinzuweisen. Alles kostet Geld, selbst einfachste Dinge wie Klopapier sind im Knast nicht umsonst. Bestechlichkeit ist in Südamerika sicherlich ein Problem. Und doch wirkt es etwas befremdlich, wie deutlich und wie oft die Serie betont, dass hier die Uhren anders laufen, anders als in Europa. Einen reizvollen Kontrast zum harten Umgangston in der Frauenanstalt bilden ihr Aufbau und ihre Einrichtung. An einer Stelle wird das Gefängnis treffend mit einem Markt verglichen: Im Innenhof stehen rote Plastikstühle herum. Überall hängen Wäsche und bunte Tücher. Und auch die Zellen sehen nicht ganz so karg aus, wie man es sich gemeinhin vorstellt. Ein eigenwilliger Mikrokosmos, keine Frage!

Idas Mutter Wenche (Ingvild Lien) macht sich große Sorgen.
Idas Mutter Wenche (Ingvild Lien) macht sich große Sorgen. NDR/Lillian Julsvik

In diesem müssen sich die drei Norwegerinnen zurechtfinden und stehen schnell vor der Frage, wie wichtig ihnen ihre Freundschaft ist. Den Behörden ihrer Heimat sind, so heißt es, weitgehend die Hände gebunden, da es zwischen dem skandinavischen Land und Bolivien kein Auslieferungsabkommen gibt. Mehr noch: Bis zum Prozessbeginn vor Ort könnte es ein Jahr oder länger dauern. Reichlich Druck, dem Ida und ihre Leidensgenossinnen ausgesetzt sind.

"Escaping Bolivia - Best Friends Forever" möchte in den ersten Folgen von schwindender Loyalität, Misstrauen und Existenzängsten erzählen, durchbricht dabei die Oberfläche aber viel zu selten. Cecilia, deren Eltern, im Gegensatz zu Idas Mutter Wenche (Ingvild Lien), die geforderte Kaution aufbringen können, verschwindet recht früh von der Bildfläche. Und nur sporadisch lässt uns die Serie wirklich in Idas Seele blicken. Auch die Abreise von Max, der irgendwann zu seinen Großeltern nach Norwegen zurückkehrt, wird seltsam flüchtig abgehandelt.

Hinzu kommt, dass der Nebenstrang um Joakim (Jakob Oftebro), einen Reporter des noch jungen norwegischen Männer-Lifestyle-Magazins Alfa, eingangs fast wie ein Fremdkörper erscheint. Ungelenk schiebt sich der für die zweite Hälfte wichtige Faden in den ersten beiden Episoden gelegentlich in Idas Geschichte hinein, ohne dass der Berichterstatter ein interessantes Profil erhalten würde. Gar auf die Nerven geht einem sein schmieriger Vorgesetzter Marcus (Emil Gukild), der allzu plakativ die ausbeuterische, reißerische Seite des Journalismus repräsentiert. Ein Aspekt, den Emilie Beck im Vorbeigehen aufs Korn nimmt.

Reporter Joakim (Jakob Oftebro) bleibt an Idas Kriminalfall dran.
Reporter Joakim (Jakob Oftebro) bleibt an Idas Kriminalfall dran. NDR/Charlie Sperring

Das "intensive Psychogramm", das der koproduzierende NDR in seinem Pressevorwort verspricht, bleibt der Sechsteiler häufig schuldig. Erst im vierten der sechs Kapitel, wenn auch das Thema Mutterschaft in den Blick rückt, bekommen die Zuschauer konkreter ein Gefühl dafür, was die schier hoffnungslose Situation innerlich mit der nun merklich auf entkräftet geschminkten Ida macht.

Wer sich angesichts des Titels auf ein dynamisch-aufregendes Fluchtszenario freut, muss sich eine ganze Weile in Geduld üben. Bevor es zu der wohl spektakulärsten Wendung im skizzierten Kriminalfall kommt, macht es sich "Escaping Bolivia - Best Friends Forever" erst einmal in den Genres des Gefängnis- und Justizdramas gemütlich. Von echter Thriller-Spannung ist dagegen lange wenig zu spüren. Was eigentlich auch in Ordnung wäre, wenn die Serie dafür die Charaktere, deren Motive und Konflikte eindringlicher herausarbeiten würde. So entwickelt die fiktionalisierte Version wahrlich irrer Geschehnisse kaum den beabsichtigten emotionalen Punch.

Meine Wertung: 2.5/5

Die Serie "Escaping Bolivia - Best Friends Forever" ist seit dem 4. September in der ARD Mediathek verfügbar. Die lineare Ausstrahlung erfolgt am 11. September ab 21.30 Uhr in One.



 

Über den Autor

  • Christopher Diekhaus
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.
Lieblingsserien: Devs, Lass es, Larry!, Severance

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