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TV-Kritik/Review: "Kap der Angst": Javier Bardem dreht Anwaltsfamilie durch den Fleischwolf

Dritte Adaption eines Thriller-Romans um Ex-Häftling auf Rachefeldzug reißt darstellerisch mit, ist aber auch etwas überfrachtet
Javier Bardem erklärt als Max Cady seine Sicht der Dinge
Apple TV
TV-Kritik/Review: "Kap der Angst": Javier Bardem dreht Anwaltsfamilie durch den Fleischwolf/Apple TV

Javier Bardem kehrt ins Schurkenfach zurück - und wie! Der Mann, der schon als seltsam frisierter Killer in  "No Country for Old Men" und als skrupelloser Widersacher in  "James Bond 007: Skyfall" für zahlreiche Gänsehautmomente sorgte, schlüpft für die Apple-TV-Miniserie  "Kap der Angst" in eine ikonische Rolle des Thrillers-Genres. Gewohnt raumgreifend und charismatisch verkörpert der Spanier den Ex-Häftling Max Cady, den vorher bereits Robert Mitchum und Robert De Niro zum Leben erweckten. Vorgenannter in  "Ein Köder für die Bestie", der ersten Leinwandadaption von John D. MacDonalds Roman "The Executioners", Letzterer in Martin Scorseses Remake  "Kap der Angst", das dem Stoff einige neue Seiten abgewinnen konnte. Beide Filme erzeugen ein enormes Maß an Spannung und leben in besonderem Maße von der starken Performance des Bösewichtdarstellers. Bardem, so viel lässt sich nach Sichtung der ersten fünf von insgesamt zehn Folgen der Serienversion sagen, steht seinen Kollegen als entlassener Häftling auf Rachefeldzug in nichts nach.

Das Grundgerüst der Geschichte bleibt intakt, wobei die Apple-Produktion nicht nur als weitere Verfilmung des Romans ausgewiesen ist. Auch die Drehbücher zu den Kinointerpretationen von 1962 und 1991 listet der Vorspann explizit als Quellen auf. Sein Hauptaugenmerk legt der von Nick Antosca ( "A Friend of the Family") entwickelte Zehnteiler auf den De-Niro-Streifen, aus dem immer wieder ikonische Momente in abgewandelter Form bzw. in einem neuen Kontext zitiert werden. Wenig verwunderlich, ist Martin Scorsese, der Regisseur der zweiten Leinwandfassung, doch als ausführender Produzent involviert. In derselben Rolle mit dabei: Steven Spielberg, der mit seiner eigenen Firma schon "Kap der Angst" anno 1991 produzierte, damals aber auf die Nennung seines Namens verzichtete. Ursprünglich sollte der "E.T."-Macher den Film sogar inszenieren, trat diesen Job allerdings an Scorsese ab, weil ihm die Geschichte zu brutal erschien - so heißt es.

Anna Bowden (Amy Adams) wird bei ihrer Rede von ihrer Vergangenheit eingeholt
Anna Bowden (Amy Adams) wird bei ihrer Rede von ihrer Vergangenheit eingeholt Apple TV

Was Kennern der Vorgängerfassungen schnell auffallen dürfte: Das dröhnende, in die Eingeweide gehende Leitmotiv von Komponistenlegende Bernard Herrmann, das den beiden Thriller-Werken eine ungemeine Dringlichkeit verleiht, kommt einmal mehr zum Einsatz und hat nichts von seiner aufwühlenden Qualität verloren. Gleich zu Beginn greift die Serie einen visuellen Kniff auf, den Scorsese in seiner Adaption verwendete: Statt "normaler" Bilder sehen wir für einen kurzen Augenblick Aufnahmen von Menschen und ihrer Umwelt, die an Röntgenbilder erinnern. Ein massiv irritierender, sofort Unbehagen auslösender Anblick.

Anschließend wechselt "Kap der Angst" in den gewohnten Darstellungsmodus und präsentiert uns den in satten Farben eingefangenen Alltag im Haus der Familie Bowden, der es offenkundig, zumindest finanziell, an nichts fehlt. Anna (Amy Adams) und Tom (Patrick Wilson) sind erfolgreiche Anwälte, leben mit ihren jugendlichen Kindern Natalie (Lily Collias), Annas Tochter aus einer früheren Beziehung, und Zach (Joe Anders) in einem Prachtbau und fragen sich kurz nach dem Einstieg, ob sie all das wirklich verdient hätten. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass schon bald dunkle Wolken aufziehen werden.

In ihrer Funktion als Mitgründerin einer Organisation, die sich für Justizopfer einsetzt, soll Anna bei einem Event neue potente Spender akquirieren. Während ihrer Rede mit dem Tenor Es ist nie zu spät, einen Fehler zu korrigieren - ein zentraler, später mehrfach referenzierter Satz - steht plötzlich ein Mann aus ihrer Vergangenheit im Raum: Max Cady (Bardem), einst für den bestialischen Mord an seiner schwangeren Ehefrau verurteilt und von Anna anwaltlich vertreten, kommt frisch aus dem Gefängnis und sieht einer Rehabilitierung entgegen. Denn ganze 17 Jahre nach dem Richterspruch hat seine frühere Geliebte Amy Brancato (Kathleen Scott Paul) die Verantwortung für die Tat übernommen, bevor sie sich selbst erschießt. Dass dieses Schuldbekenntnis unter Anleitung eines Anrufers geschieht, weiß Anna jedoch nicht - anders als die Zuschauer.

Zach Bowdenb (Joe Anders) macht eine schwere Phase durch
Zach Bowdenb (Joe Anders) macht eine schwere Phase durch Apple TV

Cady, der das Rechtssystem als Fleischwolf beschreibt, behauptet, keinen Groll zu hegen, bringt sich vielmehr als frisches Gesicht der gegen Fehlurteile kämpfenden Organisation in Stellung. Mit seiner Freilassung häufen sich allerdings im Umfeld der Bowdens in schneller Abfolge die beunruhigenden Ereignisse. Serienschöpfer Nick Antosca lässt sich dabei spürbar von der Drastik der Scorsese-Adaption inspirieren, die deutlich grafischer ausfällt als die Version von 1962. Nur so viel: Bereits am Ende der ersten Episode hat ein Familienmitglied nur noch neun Zehen.

Grund zur Sorge haben die Anwälte durchaus. Immerhin stand Tom während des Cady-Prozesses als Staatsanwalt seiner heutigen Ehefrau gegenüber. Noch dazu war Anna damals von ihrem vorherigen Partner schwanger und verliebte sich im Zuge der Verhandlung in ihren jetzigen Gatten. Eine allemal pikante Gemengelage. Dass damals irgendetwas nicht mit rechten Dingen ablief, darauf lassen einige unheilvolle Andeutungen in den Gesprächen des Paares schließen. Gleichwohl möchte Tom, obschon sich auf einmal eine Seltsamkeit an die nächste reiht, am liebsten so schnell wie möglich zur Normalität übergehen. Anna wiederum wird von Panik erfasst, glaubt an einen großen Vergeltungsplan ihres ehemaligen Mandanten und benimmt sich beim Versuch, ihre Liebsten zu schützen, teilweise selbst wie eine Stalkerin. Liegt der Fokus in den Kinofilmen eindeutig auf den Männerfiguren (die Frauen haben dort nichts mit dem Cady-Fall zu tun), rückt in der Miniserie Anna neben Max ins Zentrum - eine interessante Verschiebung.

Verstärkt wird indes eine Idee, die Scorseses Werk von der früheren Fassung abgrenzt. Griff der von Robert Mitchum wie ein lauerndes Tier gespielte Antagonist in "Ein Köder für die Bestie" noch eine weitgehend intakte Familie der gehobenen Mittelschicht an, ist das Bild in "Kap der Angst" anno 1991 ambivalenter. Nick Noltes Bowden ließ als Cadys Pflichtverteidiger mutmaßlich entlastendes Material verschwinden, was Max' Zorn befeuert. Überdies hängt die Untreue des Juristen wie ein Damoklesschwert über seiner Ehe. Die Apple-Interpretation der Rachestory legt nun noch einmal ein paar Schippen drauf, will heißen: Bei den "Helden" ist schon vor Cadys Auftauchen einiges gewaltig faul. Tom flirtet mit einer Kollegin (Margarita Levieva), muss sich zwischendurch mit einem Mittelchen aufputschen, Natalie fühlt sich nicht gesehen, Zach leidet unter einem Fehler, der ihn zum Außenseiter gemacht hat, und in Gesprächen zwischen Anna und ihrem Mann blitzen immer wieder schwierige Kindheitserlebnisse auf. Traumata, wohin man schaut! Selbstredend hatte es auch Max nicht leicht, den die Serie zum anfangs in Spanien aufgewachsenen Sohn eines US-Amerikaners und einer Baskin macht. Ein Dreh, der das in den vorigen Versionen bereits präsente Gefühl, nicht dazuzugehören, außerhalb der Gesellschaft zu stehen, noch intensiviert. Bruchstückhaft hervorbrechende Erinnerungen an die Zeit bei seinem Vater lassen einen bizarren, religiös verbrämten Drill vermuten.

Tom Bowden (Patrick Wilson, links) und Max Cady (Javier Bardem) treffen sich zum Problemgespräch
Tom Bowden (Patrick Wilson, links) und Max Cady (Javier Bardem) treffen sich zum Problemgespräch Apple TV

Streckenweise kommt man sich vor wie in einer Therapiesitzung, da Cady, mehr noch als in den Filmen, die Schwächen der Familie durchschaut, den einzelnen Bowden-Mitgliedern mit Ratschlägen zur Seite steht. Unter dem Strich kommt im neuen "Kap der Angst" etwas viel an Schmerz und Leid zusammen, wirkt der Strudel an seelischen Verletzungen fast schon karikaturesk überzeichnet. Generell scheuen die kreativ Verantwortlichen nicht den dicken Pinsel. Soapige und melodramatische Elemente sind feste Bestandteile der ein bisschen zu sehr in die Länge und Breite gestreckten Erzählung. Ob es beispielsweise die aufdringliche, aus zwei Personen bestehende Doku-Crew braucht, die das ins Reißerische ausartende True-Crime-Fieber repräsentieren soll, sei dahingestellt.

Die Miniserie hat ihre Schwächen, keine Frage. Mit ihrem merkwürdig faszinierenden Fixpunkt namens Max Cady alias Javier Bardem zieht sie aber beständig in den Bann. Ähnlich wie Robert De Niros Bösewicht ist der Ex-Häftling mit Tattoos übersät. Markant ist aber vor allem der stechende Blick des spanischen Oscar-Preisträgers. Überhaupt verpasst er seinem Cady etwas latent Wildes, Unberechenbares, das manchmal binnen Sekunden in eruptiven Übergriffen zum Vorschein kommt. Den Beteuerungen dieses Mannes, er habe seine Frau nicht getötet, mag man kaum glauben. Zu bedrohlich ist die Präsenz Bardems. Zu furchteinflößend sind einige Reaktionen seiner Figur. Dass Max von der eigenen Unschuld überzeugt scheint, liegt vielleicht einfach an einem einschneidenden Gefängniserlebnis, das sein Seh- und Hörvermögen, seine Wahrnehmung nachhaltig beeinträchtigt. Hat er seine Tat womöglich verdrängt? Nach fünf Folgen unklar! Sicher ist allerdings, dass der immer wieder von einer eigenen Familie sinnierende Cady die Schlinge um den Hals der Bowdens langsam zuzieht. Wer Scorseses Kinothriller kennt, darf sich im Übrigen auf einen Gastauftritt freuen, dessen genaue Funktion man zur Hälfte noch nicht bestimmen kann.

Meine Wertung: 3.5/5

Die Miniserie "Kap der Angst" startet am Freitag, dem 5. Juni, mit den ersten beiden Episoden auf Apple TV. Anschließend erscheint im wöchentlichlichen Rhythmus jeweils eine neue Folge.

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Über den Autor

  • Christopher Diekhaus
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.
Lieblingsserien: Devs, Lass es, Larry!, Severance

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Leserkommentare

  • SerienFan_92 schrieb am 04.06.2026, 22.56 Uhr:
    Klingt doch ganz gut.

    Die Verfilmung von 1991 gefällt mir bisher am besten.

    Mal sehen, wie es als Serie funktioniert.