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Wann ist ein Thema tatsächlich ausdiskutiert? Schaffen es Diskussionsrunden im Fernsehen noch, mehr zu bieten, als vorgefertigte durchpolitisierte Sprechblasen? Lassen es Talkshow-Teilnehmer tatsächlich zu, dass sie ihre Meinung noch ändern, ganz einfach basierend darauf, wie ihr Gegenüber argumentiert? Vielleicht waren es diese Gedankengänge, die Michel Friedman und WELT bei der Entstehung ihres jüngsten Talk-Formats beflügelten.
Seit dem 17. April ist bei dem Nachrichtensender Talk ohne Zeitlimit
angepriesen wurde. Das Ziel: ein gesellschaftsrelevantes Thema von möglichst vielen Seiten zu beleuchten, jenseits von typischen Sendelängen von 30 bis 70 Minuten. Ausgestrahlt wird sie immer samstags ab 23.00 Uhr, aufgezeichnet wurde sie bereits zuvor.
Wie an einem guten Abend, an dem man sich spät noch Gäste mit nach Hause nimmt
sehen Sender und Moderator das Format und nach den ersten beiden Ausgaben wird deutlich, dass diese Rechnung absolut aufgeht. Gleich Folge 1 brachte es auf die rekordverdächtige Diskussions-Länge von fast vier Stunden: ohne Werbeunterbrechung, ohne Toiletten-Pause für die vier Teilnehmer. Schließlich wirft man seine Gäste zu Hause ja auch nicht früher raus, wenn es gerade besonders spannend und gemütlich ist. Tatsächlich gibt es am Ende der ersten Sendung einen lustigen Moment, wo manche der Teilnehmer noch kurz überlegen, ob man nicht doch noch weitermachen soll, bevor man sich dann zum Aufbruch entschließt.

Zwar sitzen Michel Friedman und seine Gäste nicht an einer großen Esszimmer-Tafel, doch die überaus gelungene Studio-Deko und der dunkle, aber nicht düstere Hintergrund vermitteln ein enormes Maß an Intimität. Man sitzt als Zuschauer mit am Tisch und man tut es äußerst gerne. Auch dank Friedman selbst, der mit "Open End" eine absolute Glanzleistung als Moderator und Diskussionsleiter abliefert. Er bestimmt den Verlauf der Runde mit deutlich weniger Nachdruck und Bissigkeit, wie man sie sonst von dem Moderator gewohnt ist - vielleicht auch nur, weil er schlau genug ist zu erkennen, dass dies hier gar nicht notwendig ist.
Denn einer der besten Aspekte von "Open End" ist in seinen ersten beiden Ausgaben zweifellos die Gästeauswahl. In Folge 1 diskutierte Friedman das brandaktuelle Thema "Wut" mit Autorin und Literaturkritikerin Thea Dorn, Moderator und Journalist Michel Abdollahi und mit Soziologe und Publizist Heinz Bude. Was sofort auffiel war, wie angeregt die Diskussion verlief. Niemand sprach dem Anderen seine oder ihre Sichtweise und vor allem keine entsprechenden Erlebnisse ab. Es gab keine Versuche, sich gegenseitig zu bevormunden. Konsens oder Dissens waren zwischen den vier Teilnehmern nicht selbstverständlich gegeben, alles musste erst erarbeitet, erstritten und erfragt werden. Was so in die Diskussion einfloss, war manchmal nachdenklich, manchmal lebhaft, oft persönlich, aber nie krawallig.

Dieser positive Eindruck vertiefte sich noch bei der zweiten Ausgabe. "Angst" war das Thema und Friedman begab sich mit Intensivmediziner Uwe Janssens, Kriegsreporterin Julia Leeb und Stephan Kramer, dem Verfassungsschutzpräsident Thüringens, auch in Angst-Bereiche, die tief unter der sonst oft im Fernsehen nur angekratzten Oberfläche lagen.
Was bedeutet Angst im Alltag, wie diffus oder konkret ist sie - und was hat sie ganz direkt mit Sterben und Tod zu tun? Wie stellt sich diese Angst in unserer Gesellschaft dar, verglichen mit den Kriegsgebieten, die Julia Leeb immer wieder besucht hat? Die Journalistin blickte bei ihren Reisen auch selbst dem Tod ins Auge, dementsprechend oft rang sie um präzise Worte, um ihre Eindrücke so deutlich wie möglich beschreiben zu können. Auch hier wollte man als Zuschauer keinesfalls früher vom Tisch aufstehen, selbst wenn das bedeutete, dass man vor lauter Müdigkeit den zweiten Teil der dreieinhalbstündigen Folge am nächsten Morgen nachholen musste.
Umso unverständlicher ist es, dass WELT diese Ausgabe, trotz vorheriger Ankündigung, noch nicht in seiner Mediathek zum Abruf bereitgestellt hat. Dort findet sich bislang lediglich Folge 1, die auch auf YouTube abrufbar ist. Positiver ist dagegen die Verwertung von "Open End" als Podcast auf den gängigen Plattformen, wodurch man die vielleicht noch nicht komplett geguckte oder gehörte Diskussion im Lauf der Woche noch mit auf den Arbeitsweg nehmen kann.

Tatsächlich wird die Fernseh-Ausstrahlung der Stärke des Formats an sich bislang nicht gerecht. Bei WELT muss man sich mit dem rasend schnell vorbeirauschenden News-Ticker abfinden, den man für die vier Stunden vielleicht auch einmal hätte abstellen können. Wobei man dem Sender zugutehalten muss, dass die erste Ausgabe immerhin ohne Werbeunterbrechungen ausgestrahlt wurde. Bei Folge 2 war dies dann nicht mehr der Fall und teilweise wurde Michel Friedman mitten im Satz regelrecht abgewürgt - auch zugunsten unpassend erotischer Werbespots. Natürlich ist WELT ein werbefinanzierter Privatsender, aber sicher wäre "Open End" mit einem permanenten Sponsor deutlich besser bedient, um solche Holzhammer-Momente in Zukunft vermeiden zu können.
Zur Bewährungsprobe für die bislang äußerst unaufgeregte und gediegene Atmosphäre könnte auch die heutige dritte Ausgabe werden. Erstmals besteht die Diskussionsrunde, dieses Mal zum Thema "Freiheit", auch aus bekannten Politikern. So sind Katja Kipping von den Linken und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer zu Gast, der zuletzt mit dem Corona-Modellprojekt in seiner Stadt reichlich Lob und Widerspruch auslöste. Schließlich sitzt noch WELT-Chefredakteur Ulf Poschardt mit am Tisch, der sich in der jüngeren Vergangenheit immer wieder kontrovers mit aktueller Debatten-Kultur im Angesicht von Twitter-Shitstorms und "Cancel Culture" auseinandergesetzt hat.
Was auffällt: mit knapp drei Stunden ist diese Ausgabe von "Open End", wie immer vorab aufgezeichnet, die kürzeste. Wollte der Moderator seine Gäste vielleicht früher wieder aus seinem Esszimmer ausladen, erreichte man recht früh einen Konsens oder war dieser letztendlich doch überhaupt nicht zu finden? Heute Nacht wissen wir mehr. Fest steht aber bereits jetzt: Die ersten beiden Ausgaben von "Open End" haben das Niveau von Talk-Formaten und Diskussionsrunden im deutschen Fernsehen bereits jetzt spürbar angehoben. Ein Vorbild, an dem man sich gerne orientieren darf.
"Open End" läuft immer samstags ab 23.00 Uhr bei WELT. Am heutigen Samstagabend wird das Thema "Freiheit" diskutiert. Die Themen der nächsten Wochen und die Längen der Ausgaben werden immer erst wenige Tage vor der nächsten Ausstrahlung bekannt gegeben.
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Leserkommentare
OStD Dr. Gottlieb Taft schrieb via tvforen.de am 07.05.2021, 21.43 Uhr:
Schöne Idee, auch wenn ich 1:1-Diskussionen für sinnvoller halte. Auf den ersten Blick liest sich die Gästeliste aber wie ein Zusammentreffen des üblichen rechtsliberalen Kaders des Springer-Konzerns: Friedman, Dorn, Poschardt, Palmer. Da ist es kein Wunder, wenn alles so gediegen ablief, wenn eh alle im Wesentlichen einer Meinung sind. Immerhin eine Linken-Politikerin. Wie verlief denn die Sendung mit ihr?Krid H. Erne schrieb via tvforen.de am 01.05.2021, 17.27 Uhr:
Gibts keine Deutschen Titel mehr ? meine Fresse
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