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TV-Kritik/Review: Good Behavior
(16.11.2016)

Nein, gut geht's ihr nicht, das sieht man gleich: Letty Dobesh, die vielleicht auch Letty Raines heißt oder mal hieß, muss weißen, alten Männern schmierige Burger servieren und in jeder freien Minute die vollgeschissenen Toiletten putzen, in einer üblen Spelunke irgendwo in North Carolina. Als ihr ein zudringlicher Gast an die Wäsche geht - just grab her by the pussy -, schlägt sie hart zu - und wird zum Dank entlassen. Willkommen im trumpisierten Bible Belt.
Wer bisher dafür bekannt war, als spröde Lady Mary Crawley durch
Nach der anfänglichen Prügelei und einem Schnitt, der offenlässt, wie viel Zeit danach vergangen ist, lernen wir die 33-jährige Letty neu kennen: als Trickdiebin, die mühelos und weltgewandt in andere Rollen schlüpft, auch in solche, die ihren eigenen sozialen Status weit übersteigen. Aus ihrer bescheidenen Behausung, in der sie sich fast tranceartig von einer Selbsthilfe-App beschallen lässt, bricht sie regelmäßig zu Einbruchstouren auf, mal verkleidet als mondäne Rothaarige, mal als blonde Southern Belle. Von einem Komplizen lässt sie sich per Handy durch die Räume eines Luxushotels führen, um die Wertsachen der Gäste zu stehlen.
"Good Behavior" verharrt allerdings nicht als bloße Gaunerserie; die Dinge wenden sich vielmehr sehr bald zurück zum Düsteren. Als Letty sich noch in einem der Hotelzimmer aufhält, kehrt dessen Mieter Javier unerwartet früh dorthin zurück. Letty versteckt sich im Wandschrank und muss dort buchstäblich atemlos miterleben, wie sich der attraktive Argentinier (Juan Diego Botto aus 
Am Ende der ersten Folge werden Lettys Abgründe einmal komplett ausgleuchtet: Schon als Teenie war sie straffällig, dann wurde sie zum Junkie. Es folgten Abtreibungen, Suizidversuche, Knastaufenthalte. Die jüngste Haft ging gerade erst zu Ende: Man entließ sie vorzeitig, wegen good behavior. In irgendeinem Vorort hütet ihre White-Trash-Mutter Estelle (mit Reibeisenstimme: Lusia Strus) Lettys kleinen Sohn Jacob (Nyles Julian Steele), für den sie das Sorgerecht verlor. Letty ist unten, vielleicht zu weit unten, um als zupackende Antiheldin auf Dauer glaubwürdig bleiben zu können, aber das bleibt abzuwarten. Fürs Erste gerät sie in ein Abenteuer, dass Neuanfang und letzte Katastrophe zugleich werden könnte.
Viel hängt dabei von der Anziehungs- bzw. Abstoßungsdynamik zwischen Letty und Javier ab: Es knistert zwischen ihnen (zum Glück stimmt die Chemie zwischen Dockery und Botto), dennoch können beide in keinem Moment wissen, ob sie sich gleich gegenseitig übers Kreuz legen oder an die Gurgel gehen werden. Diese Grundfigur vieler Noir-Krimis wird hier reizvoll moralisch in die zappendustere Richtung gewuchtet: Javier zwingt Letty in die Rolle der Komplizin seiner Auftragsmorde und zwingt ihr damit marternde Gedanken über den Grad ihrer Mitschuld auf. "Ich werde niemanden selbst töten", sagt sie kategorisch. "Musst du auch nicht", antwortet er - doch schon am Ende der zweiten Folge ist diese Beruhigungsrhetorik perdu. Spätestens nach einem vermasselten Coup unter reichen Leuten in den Smoky Mountains, wo Javier beim Golfen einen Geschäftsmann tötet, während Letty Javiers Ehefrau spielt und sich mit der Frau des Opfers anfreundet, gibt es kein Zurück mehr für die Trickdiebin.
Gewiss, Juan Diego Botto ist als Javier so ziemlich das genaue Gegenteil dessen, was man sich sonst unter einem Auftragskiller vorstellen mag, er ist ein verführerischer, charmanter Sympath, dem man - perfiderweise - nichts Böses wünschen will; und Michelle Dockery wirkt, obgleich oft betont ungeschminkt, für eine langjährig Suchtgeschädigte mit Selbstzerstörungstendenzen immer noch beruhigend unversehrt und attraktiv, doch beider Charisma und ihr überzeugendes gemeinsames Spiel beugt jeder "Fifty Shades of Grey"-Glitschigkeit ausreichend vor. Die beiden sind Liebes- und Feindespaar zugleich, und während Javier stets eine größtmögliche Professionalität ausstrahlt (und seine künftigen Opfer gar in ethischen Fragen belehrt), bewegt sich Letty mit der Fuck-You-Attitüde einer Kaputtgelebten durch den Plot, die, wann immer es geht, Songs von Kelis oder Robyn auf die Tonspur zwingt.
Der Ausgang der im Zuge ihrer Dauer immer düsterer werdenden, auf eine Roadmovie-Situation zusteuernde und von Noir-Spezi Carl Franklin ("Out of Time") inszenierte zweite Folge deutet an, dass von "Good Behavior" definitiv mehr zu erwarten sein wird als ein "Gaunerstück der Woche" plus Amour Fou. Das Americana-Setting, die beänstigend ausgeprägte Labilität der famos gespielten Heldin sowie die ethische Zwickmühle, in die auch der zeitweise unwillkürlich mit dem Mörder mitfiebernde Zuschauer gezwungen wird, heben das Projekt über den Krimistandard hinaus.
Man kann sich freuen auf eine nicht ohne Mut gestaltete, abgründige Verstrickungsgeschichte aus dem unterprivilegierten Amerika, deren tatsächliche Komplexität sich freilich noch bestätigen muss. Eine klar erkennbare Richtung besitzt "Good Behavior" bis dato noch nicht - was aber nicht notwendigerweise ein Nachteil sein muss. Den Plausibilitätsbogen haben die Autoren bislang jedenfalls noch nicht überspannt, als Genre-Unterhaltung überzeugt das Ergebnis. Nur ein Happy End, das ist für Letty und Javier schon jetzt ziemlich unwahrscheinlich geworden.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von "Good Behavior".
Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: 2016 Turner Broadcasting System, Inc. A Time Warner Company. All Rights Reserved

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