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TV-Kritik/Review: The Halcyon
(16.01.2017)

Vor gut einem Jahr strahlte ITV die letzte
Kriegs-Setting, glamouröse Kostüme und Dekors sowie ein Figurenportfolio aus Adligen und Arbeitern: Klar, dass "The Halcyon" vom Stand weg als "das neue Downton Abbey" apostrophiert wurde. Es ist dennoch ein etwas unfairer Vergleich. Zwar bedient sich "The Halcyon", erdacht von der Theaterautorin Charlotte Jones und produziert von Left Bank Pictures (
Charlotte Jones hat in der Pilotepisode einige Mühe, den Cast von mehr als zwanzig Hauptfiguren (überwiegend besetzt mit Routiniers aus dem Mittelbau der britischen Film- und Fernsehlandschaft) halbwegs elegant einzuführen und en passant noch die bestimmenden Themen zu setzen. Ein bewährter, aber wirkungsvoller Kniff ist es, das große Verhängnis gleich an den Anfang zu stellen: Da feiert die High Society im Spätherbst 1940 gerade den 50. Geburtstag des "Halcyon"-Hotels, als plötzlich Bomben einschlagen. Das Ausmaß der Zerstörung ist noch nicht klar, da springt die Handlung schon sieben Monate zurück in den Mai, als England noch nicht unter Dauerfeuer stand und Kriegs-Premierminister Winston Churchill gerade erst im Begriff war, dem Appeasement-Befürworter Neville Chamberlain nachzufolgen. So hängt also von Anfang an eine Ahnung von Tod und Zerstörung, von doom & gloom über den Verstrickungen dieser ebenso unterhaltsamen wie eleganten Nobelseifenoper. Darin liegt eine feine Ironie, lässt das Hotel seinem Namen gemäß doch eher die sprichwörtlichen halcyon days anklingen, eine mythische Glücksperiode ohne aufwühlende Stürme.
Wie aus einer anderen Epoche herausgefallen wirkt jedenfalls Lord Hamilton höchstpersönlich (Gaststar der ersten Folge, im wohltemperierten Aristokratenmodus: Alex Jennings, "Die Flügel der Taube"). Er ist ein Mann vom alten Schlag, dem schon der smoothe Schmusejazz nicht mehr zugänglich ist, den Betsey Day (Kara Tointon), die Sängerin der Hausband, jeden Abend singt. Der weltenmüde Hotelbesitzer sehnt sich nur dem nächsten Drink entgegen - und den klandestinen Treffen mit seiner platinblonden Geliebten (Charity Wakefield aus
Hotelmanager Richard Garland (mit ebenso geschmeidigem wie stillem Minimalismus perfekt verkörpert von Steven Mackintosh) muss (wie immer) dafür sorgen, dass die Blondine im Hotel nicht auf Lord Hamiltons Gattin Lady Priscilla (eine in die Jahre gekommene Schönheit als Königin des Killerblicks: Olivia Williams aus Wes Andersons "Rushmore") trifft - was keine einfache Aufgabe ist. Doch der versierte Ausputzer Garland, selbst ein Mann mit Geheimnissen, weiß jeden Aufruhr mit einer beruhigenden Einladung zu tea and sandwiches zu besänftigen. So wie Lady Priscilla, die natürlich weiß, dass sie betrogen wird und auch weiß, das alle anderen dies auch wissen, verkörpert Garland den Primat der unbedingten Selbstbeherrschung in der Öffentlichkeit, der Zusammenbruch folgt stets im stillen Kämmerlein. Inwieweit dieses peinigende keeping up appearances auch dann durchzuhalten ist, wenn links und rechts alles zusammenbricht, privat wie politisch, das wird schnell zu einem zentralen Thema der Serie.
Der Lord hat zwei Söhne, zweieiige Zwillinge und doch grundverschieden: Freddie (Jamie Blackley, "Wenn ich bleibe"), vier Minuten älter als sein Bruder und damit Erbe des Lord-Titels, ist Militärpilot und damit auf direktem Weg in den "Battle of Britain". Toby (Edward Bluemel) dagegen zieht zum Ärger seines Vaters eine akademische Karriere vor. Am Ende der Pilotepisode stirbt Hamilton an einer Herzattacke - er hinterlässt ein Vakuum: Freddie ist nicht sonderlich interessiert daran, als Haupterbe die Verantwortung des Verblichenen zu übernehmen, während die durch lange Jahre der Demütigung verbitterte Lady Priscilla den Manager Garland loswerden möchte, der stets auf der Seite ihres Mannes stand.
In der Pilotepisode checkt des Weiteren ein etwas dubioser Amerikaner im Hotel ein: Joe O'Hara (gespielt von Matt Ryan aus der schnell gecancelten DC-Serie
Während die Hochwohlgeborenen ihre Angelegenheiten sortieren, warten die auf comic relief hin geschriebenen Angestellten bis dato noch auf ihre großen Auftritte - die meisten von ihnen haben in den ersten Episoden kaum etwas zu tun. Sie sind eher skizzenhaft nach den gängigen Rollenprofilen modelliert: der schwerfällige Concierge, sein ältlicher Sidekick, die strenge Chefin des Putzgeschwaders, das vermeintlich naive Zimmermädchen, der junge Kellner, der smarte Barkeeper, der ängstliche Page. Auch einige von ihnen werden von alten Bekannten verkörpert: Nick Brimble ("Du lebst noch 7 Tage") als Portier, Gordon Kennedy (aus dem BBC-
Einige sarkastische Sprüche mehr täten "The Halcyon" durchaus gut. Gewiss, wie bei jedem anderen Ensemblestück braucht es auch hier erst einmal ausreichend Einführungszeit ins ausufernde Figurengeflecht, und so etwas geht fast notgedrungen zu Lasten des Kerngeschäfts. Erst das Skelett, dann das Fleisch. Nach der entsprechend überladenen Pilotepisode drosselt die zweite Folge dann auch schon spürbar das Tempo: Es geht viel näher an die Figuren heran, und besonders Williams und Mackintosh können sich dabei auszeichnen. Sie statten die Antagonisten Lady Hamilton und Richard Garland mit Abgründen und Zwischentönen aus und beginnen einen intriganten Kleinkrieg, der sicher noch für viel Spannung sorgen dürfte. Damit begibt sich "The Halcyon" in die richtige Spur - weg vom bloß eleganten, dabei auch etwas hermetischen Ausstattungsstück mit überwiegend vertrauten Figurenkonstellationen, hin zu einem subtilen Charakterdrama, dessen Verstrickungen man gerne weiter folgt. Und am Ende kommen die Bomben.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von "The Halcyon".
Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: ITV
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