Das Film- und Fernsehserien-Infoportal

Log-In für "Meine Wunschliste"

Passwort vergessen

  • Bitte trage Deine E-Mail-Adresse ein, damit wir Dir ein neues Passwort zuschicken können:
  • Log-In | Neu registrieren

Registrierung zur E-Mail-Benachrichtigung

  • Anmeldung zur kostenlosen Serienstart-Benachrichtigung für

  • E-Mail-Adresse
  • Für eine vollständige und rechtzeitige Benachrichtigung übernehmen wir keine Garantie.
  • Fragen & Antworten
Die viel gefeierte schwule Lovestory zwischen zwei Eishockeyspielern jetzt auch in Deutschland
Zuneigung, wenn keiner guckt: Ilya (Connor Storrie, l.) und Shane (Hudson Williams) bei einem ihrer Rendezvous
HBO Max
TV-Kritik/Review: "Heated Rivalry": Wenn das die ganze Liga wüsste/HBO Max

Von YouTube über TikTok bis Instagram konnte man den Bildern kaum entrinnen: wohlproportionierte Sportler, die sich aufreizende Blicke zuwerfen und brünftig übereinander herfallen. Ohne bekannte Stars in den Hauptrollen ist die kanadische Romance-Serie  "Heated Rivalry" über die heimliche Liebe zweier Eishockey-Profis zu einem der größten Publikumshits der Saison geworden - besonders beim weiblichen Publikum. Jetzt startet der Sechsteiler auch beim deutschen Ableger von HBO Max. Die Repräsentation queerer Liebe hat die Serie zweifellos auf eine neue Stufe gehoben - aber wie gut ist sie eigentlich?

Hockey (womit in Nordamerika grundsätzlich Eishockey gemeint ist) ist in Kanada ungefähr so populär wie Baseball in den USA oder Fußball bei uns: ein Massensport, dessen Stars selbst jene kennen, die sich eigentlich überhaupt nicht dafür interessieren. Mit dem Fußball gemein hat der Profi-Hockeysport, dass es keine bekannten schwulen Aushängeschilder gibt, keine geouteten aktiven Stars. Zu groß ist offenbar immer noch die Furcht davor, als queerer Profi den homophoben Routinen der Fanszenen und innerhalb der Branche unterworfen zu sein. Um sich also die Dimensionen dessen vorstellen zu können, was die Autorin Rachel Reid in ihrer Romanserie "Game Changers" seit 2018 anstellt, könnte man sich beispielsweise vorstellen, es gehe um eine erotische Liaison zwischen Harry Kane und Florian Wirtz. Oder zwischen Manuel Neuer und Robert Lewandowski. Undenkbar? Nicht in der Fantasie!

In Reids sieben "Game Changers"-Romanzen werden derartige schwule Märchen an Eishockeyspielern durchgespielt, also innerhalb des kanadischen Nationalsports, in dem heteronormatives Denken den Ton vorgibt. Die wilde Hatz auf den Puck wird immer noch eher mit ausgeschlagenen Zähnen und Gehirnerschütterungen assoziiert als mit gegenseitiger Fürsorge - geschweige denn mit erotischer Leidenschaft für den Gegner.

Die vom ehemaligen  "Letterkenny"-Comedian Jacob Tierney geschriebene und inszenierte Serie "Heated Rivalry" basiert größtenteils auf dem gleichnamigen zweiten Band von "Game Changers". Darin geht es nicht nur um zwei fiktive Eishockey-Stars, sondern auch um zwei Erzrivalen. Als solche werden sie zumindest von den Medien inszeniert. Die ersten beiden der sechs Episoden rasen im Eiltempo durch die Anfangsjahre ihrer Karrieren: Shane Hollander (Hudson Williams), Kanadier mit japanischer Mutter, und Ilya Rozanov (Connor Storrie), Russe mit demenzkrankem Vater und dubiosem Bruder, spielen nicht nur für die jeweiligen Nationalmannschaften ihrer Herkunftsländer, sie werden auch von zwei rivalisierenden Teams der Liga "gedraftet" - so heißt der Prozess, bei dem zu Beginn einer Saison vielversprechende Jungprofis unter Vertrag genommen werden.

Machen sich gegenseitig eifersüchtig: Shane mit Schauspielerin Rose (Sophie Nélisse, 2. v. l.), Ilya mit Freundin Svetlana (Ksenia Daniela Kharlamova)
Machen sich gegenseitig eifersüchtig: Shane mit Schauspielerin Rose (Sophie Nélisse, 2. v. l.), Ilya mit Freundin Svetlana (Ksenia Daniela Kharlamova)HBO Max

Shane landet bei den Montreal Metros in Kanada, Ilya bei den Boston Raiders in den USA - zwei fiktive Teams, die genauso dezent "verfremdet" wurden wie die nordamerikanisch-länderübergreifende Hockeyliga MLH. Die steht stellvertretend für die real-existierende NHL (National Hockey League), in der Montreal und Boston tatsächlich als medial perfekt verwertbare Rivalen um die Wette kämpfen.

Shane und Ilya lernen sich schon 2008 kennen, nach den ersten Spielen ihrer Jugendnationalmannschaften. Die gegenseitige Anerkennung ist auf den ersten Blick spür- und nach dem ersten gemeinsamen Workout im Hotel-Fitnesskeller greifbar. Bald darauf steigen sie in eine Frenemy-with-Benefits-Beziehung ein: Offiziell gelten sie als Rivalen, doch bei Hockeymatches in derselben Stadt, also in Montreal oder Boston bzw. bei Aufeinandertreffen ihrer Nationalteams, treffen sie sich zum Sex. Von einer "Beziehung" ist dabei lange Zeit keine Rede - es sind heimliche Sextreffen, bei denen sich die beiden Sportler, als Distanzierungsmaßnahme, konsequent mit ihren Nachnamen ansprechen. Nur das Smartphone-Sexting, bei dem sie sich zur Sicherheit weibliche Tarnnamen geben, könnte man als beziehungsnah einstufen: Shane heißt "Jane", Ilya "Lily".

Die ersten zwei Episoden stürmen durch die ersten sechs Jahre dieses Arrangements, bei dem die Rollen klar verteilt sind. Ilya, der sich als bisexuell identifiziert, übernimmt den dominanten "Top"-Part, Shane, der zuvor noch nie etwas mit Männern hatte, ist der "Bottom". Ein Großteil des Hypes, der "Heated Rivalry" in den vergangenen Wochen umwehte, kreist um eben diese Sexszenen, die in ihrer Explizitheit zwar nie an das heranreichen, was wagemutigere HBO-Serien wie  "Euphoria" oder  "Industry" quer durch alle sexuellen Gemengelagen liefern, aber auch ohne full frontal nudity sinnlich und freizügig genug sind, um sich von züchtigeren queeren Erfolgsproduktionen wie etwa  "Heartstopper" abzusetzen. Gerade angesichts der Tatsache, dass hier gezielt ein Mainstream-Publikum erreicht werden soll, ist das schon ganz für sich bemerkenswert.

Noch bemerkenswerter indes ist, dass "Heated Rivalry" eine queere Liebesgeschichte erzählen will, die nicht im tragischen Abgrund endet - wie es jahrzehntelang in Kino und TV Usus war. Niemand bringt sich um, niemand stirbt an Aids: Die sogenannte "Bury your Gays"-Devise, die noch bis zu  "Game of Thrones" fast jede Erfolgsproduktion heimsuchte, die einem Mainstream-Publikum queere Figuren vorzusetzen wagte, ist hier obsolet. Stattdessen gibt es zwei Hauptfiguren, die nichts mit schwulen Klischees zu tun haben und Sexszenen, die zuallererst die Charaktere weiterentwickeln: Es geht darin um Consent und Care auf beiden Seiten. "Wie fühlst Du Dich?" "Ist das okay für Dich?"

Das zweite Paar im Liebesgame: Hockey-Veteran Scott Hunter (François Arnaud, l.) und Smoothiemixer Kip (Robbie GK)
Das zweite Paar im Liebesgame: Hockey-Veteran Scott Hunter (François Arnaud, l.) und Smoothiemixer Kip (Robbie GK)HBO Max

Natürlich gelangt die über neun Jahre hinweg geschilderte Sex-Affäre irgendwann an einen Punkt, an dem es um die Frage geht, ob das, was sich da entwickelt hat, nicht längst "Beziehung" genannt werden muss - oder gar Liebe. Und müsste eine solche Liebe dann immer heimlich gelebt werden müssen?

Wie das Sportlerpaar auf diese Fragen gestoßen wird, gehört zu den größten Stärken dieser sechs Folgen: In der dritten Episode nämlich schwenkt der erzählerische Fokus plötzlich kühn um zu einem weiteren Star-Profi der Hockeyliga. Scott Hunter, Kapitän der New York Admirals, gespielt von François Arnaud ( "Die Borgias"), ist älter als Shane und Ilya, aber ebenso ungeoutet. Als er sich in Kip (Robbie GK), den Barista einer Smoothie-Bar, verliebt, entwickelt sich viel organischer als bei den eigentlichen Protagonisten der Serie eine Liebesbeziehung "klassischer" Art - die dann allerdings an einen Scheideweg gerät, als Kip nicht weiter verheimlicht werden möchte. Man verrät nicht zu viel, wenn man schreibt, dass die Story von Scott und Kip (die auf dem ersten "Game Changers"-Roman basiert) am Ende der fünften (und besten) Episode zum emotionalen Höhepunkt von "Heated Rivalry" führt.

Das große Profi-Coming-Out von Shane und Ilya wird es dagegen - auch das darf man getrost verraten - in dieser Staffel noch nicht geben. Allerdings ist längst eine zweite Staffel bestellt, in der wohl alles auf ein solche Szenario hinauslaufen dürfte. Basis dafür wird Reids sechster "Game Changers"-Roman sein.

Große Aufmerksamkeit hat die Serie auch deshalb auf sich gezogen, weil sich ihr Publikum zu einem großen Teil aus Frauen zusammensetzt. Das mag sicher auch an der literarischen Vorlage liegen: Schwule New-Adult-Liebesromane wie "Game Changers" richten sich, ähnlich wie die "Boy's Love"-Mangas, die in den Buchläden ganze Regale in Beschlag nehmen, weniger an ein queeres als an ein weibliches Publikum. Das hat offenbar von heterozentrischen Liebesgeschichten und dem darin verfestigten male gaze genug und sieht in den Romanzen zwischen (selbstredend attraktiven) Männern ihre Idealvorstellung einer zugewandten, zärtlichen, auch vulnerablen Maskulinität durchgespielt.

Das wird in der Serie ein wenig zum Problem, denn die Liebesgeschichte bekommt dadurch etwas Klinisches, Aseptisches. Gewiss, die Serie spielt unter voll austrainierten Spitzensportlern, insofern lassen sich die makellosen Idealkörper der hier Herumbalzenden besser rechtfertigen als in einer Serie über, sagen wir mal, Versicherungsangestellte oder Filmkritiker. In "Heated Rivalry" aber sind alle sexuell aktiven Menschen exzessiv attraktiv, selbst der Smoothie-Verkäufer sieht so athletisch aus, als stünde er jeden Tag fünf Stunden samt Personal Trainer im Gym. Svetlana (Ksenia Daniela Kharlamova), Ilyas Kindheitsfreundin und Gelegenheitsbeischläferin, scheint ebenso einem Model-Katalog entnommen worden zu sein wie Rose (Sophie Nélisse aus  "Yellowjackets"), mit der Shane vergeblich seine sexuellen Präferenzen zu überdenken versucht. "Normale" Körper finden hier kaum statt, allenfalls als Sidekicks neben Kip am Kneipentresen: Sex und Romance hingegen bleiben Adonis & Co. vorbehalten.

Erfahren spät das ziemlich Offensichtliche: Shanes Eltern, gespielt von Dylan Walsh und Christina Chang
Erfahren spät das ziemlich Offensichtliche: Shanes Eltern, gespielt von Dylan Walsh und Christina ChangHBO Max

Dieser Fokus aufs Eye Candy führt eine gewisse Oberflächlichkeit mit sich, die sich auch auf erzählerischer Ebene ausbreitet. Shanes Eltern etwa (gespielt von Christina Chang aus  "The Good Doctor" und Dylan Walsh aus  "Nip/Tuck") haben lange Zeit nur kurze Auftritte als ehrgeizige Manager ihres Sohnes, ehe sie ganz zum Schluss plötzlich für emotionale Entladung sorgen sollen, was nicht ganz aufgeht. Ähnliches gilt für die diversen Beraterfiguren aus dem Freundeskreis, neben Svetlana und Rose auch Kips beste Freundin Elena (Nadine Bhabha aus  "Settle Down") oder Kips gutmütiger Vater (Matt Gordon aus  "Rookie Blue"), die als knapp skizzierte Funktionsträger kaum größeres Profil gewinnen - ganz zu schweigen von den blass bleibenden Mannschaftskollegen in Boston, New York und Montreal.

Dinge, die in anderen Film- oder Serienzusammenhängen dramatisch ausgeschlachtet würden, wirken hier fast unterspielt. Zwei Coming-Out-Szenen etwa kommen und gehen ohne große Not. Selbst die Homophobie in den Hockeymannschaften wird nur am Rande berührt, Gleiches gilt für Ilyas russischem Background: Putins extrem queerfeindliche Politik, die der russischen Bevölkerung bis ins Privateste zusetzt und ausgelebte Homosexualität unter Strafe stellt, wird zwar dezent angedeutet, doch nie wirklich zum Thema. Der Fokus liegt hier - ganz bewusst - auf der sogenannten queer joy, die man fraglos als willkommene bis überfällige Abwechslung betrachten darf, obgleich sie das dramatische Potenzial der Handlung unterminiert.

Hockeyszenen gibt es übrigens erstaunlich wenige in den sechs Episoden. Falls sich also jemand davon abgeschreckt fühlen sollte, kann er diesbezüglich beruhigt sein. Im Mittelpunkt steht ganz die Beziehung von Shane und Ilya, weshalb das Gelingen der Serie zwangsläufig an ihren zuvor fast unbekannten Darstellern hängt. Williams spielt den zu Beginn sehr unsicheren Shane introvertiert und (in Absprache mit Autorin Reid) auf dem Autismus-Spektrum angesiedelt. Das Verschlossene hat in schlechteren Momenten leider auch etwas Hölzernes. Storrie wiederum, kein Russe, spricht Ilya durchweg mit einem russischen Akzent, der bisweilen parodistisch wirkt. Wie gut ihm die russischen Mono- und Dialoge gelingen, die er zu absolvieren hat, können russische Muttersprachler ja gerne mal in die Kommentare schreiben.

Die Chemie zwischen den beiden gegensätzlichen Hauptdarstellern ist dennoch von Anfang an spürbar - und maßgeblich dafür verantwortlich, dass "Heated Rivalry" seine intensive emotionale Wirkung am Ende voll entfalten kann. Bei allen Oberflächlichkeiten: Rein als verfilmte Romance betrachtet ist "Heated Rivalry" ohne Zweifel ein Volltreffer.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten ersten Staffel von "Heated Rivalry".

Meine Wertung: 3.5/5

HBO Max veröffentlicht "Heated Rivalry" in Deutschland ab dem 6. Februar.



 

Über den Autor

Gian-Philip Andreas hat Kom­mu­ni­ka­tions­wis­sen­schaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

auch interessant

Beitrag melden

  •  

Leserkommentare