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TV-Kritik/Review: "Biester": Erfrischende ORF-Serie um vier junge Frauen erlebt deutsche TV-Premiere

"Vorstadtweiber"-Autor erzählt mit Witz und Biss vom Aufeinanderprallen sozialer Milieus
"Biester"
ORF/[M] Johannes Landsiedl/[F] Thomas Ramstorfer
TV-Kritik/Review: "Biester": Erfrischende ORF-Serie um vier junge Frauen erlebt deutsche TV-Premiere/ORF/[M] Johannes Landsiedl/[F] Thomas Ramstorfer

Jennifer "Jenny" Tichy (Anja Pichler) relaxt bei ihrem Job im Nagelstudio mit ihrer besten Freundin Vero Amos (Mara Romei) mit Schokokussbrötchen und Leute beobachten durchs Schaufenster. Aus der Menge der Passanten stechen zwei andere junge Frauen heraus, die in teuren Klamotten und noch teureren Sneakers die Treppe runtergehen. Jenny und Vero geraten ins Träumen: Ach, könnten sie sich doch auch mal solche Schuhe leisten! Aber eigentlich will ich gar kein besseres Leben, sondern eins, das richtig geil ist. Irgendwie besonders halt, nicht so gewöhnlich und deprimierend wie in der Sozialsiedlung im Wiener Bezirk Floridsdorf, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Jennys draußen mit der roten Rennschüssel wartender Freund Marvin (Felix Oitzinger) wird zum Spottobjekt eines der beiden reichen Mädels, Nelly (eigentlich Penelope) Sund (Fanni Schneider). Einmal in so einer Asikarre kutschiert zu werden wäre ihr Traum, foppt sie ihn. Da kann sie noch nicht ahnen, dass sich ihre Schicksale bald kreuzen werden.

Gleich mit der Auftaktszene der ersten Episode der ORF-Serie  "Biester" gelingt es Drehbuchautor Uli Brée ( "Vorstadtweiber"), sowohl den Ton zu setzen als auch in beide sozialen Welten einzuführen, die im Laufe der Handlung immer wieder aufeinanderprallen werden. Waren es in seiner Vorgängerserie noch fast ausschließlich die Reichen und die Schönen, die im Mittelpunkt immer neuer Intrigen standen, erweitert er mit "Biester" das Spektrum. Durch die Kontrastierung zweier Familien und deren Freunden an den entgegengesetzten Enden der sozialen Skala ergibt sich viel Potential für Humor, aber durchaus auch für Kritik. In Österreich war das so erfolgreich, dass auf die zehnteilige erste Staffel von 2024 eine zweite folgte und die dritte schon abgedreht ist. Nachdem Staffel 1 und 2 bereits bei Prime Video verfügbar sind, erfolgt die deutsche Free-TV-Premiere der ersten nun beim ARD-Spartensender One.

Alltag im Sozialbau: Jenny (Anja Pichler) mit Freund Marvin (Felix Oitzinger)
Alltag im Sozialbau: Jenny (Anja Pichler) mit Freund Marvin (Felix Oitzinger) WDR/ORF/MR Film

Nach ihrem Job im Maniküresalon trifft Jenny vor ihrem Sozialbau auf Vater Günter (Aleksandar Petrović), wie die Mutter seit Jahren arbeitslos, jetzt aber angeblich auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch. Völlig aufgegeben hat sich hingegen Mutter Sandra (Claudia Kottal), die den ganzen Tag Trash-TV glotzend auf der Couch liegt und sich noch darüber beklagt, dass ihr Gatte jeden Tag eine Bewerbung abschickt, weil das so viel Porto koste. Viel Zeit für die nervende Auseinandersetzung mit Sandra hat Jenny aber eh nicht, weil sie zur Abendschule muss, wo sie ihr Abi nachholen will. Danach geht es noch zum Zweitjob im Paketzentrum. Unterdessen arbeitet BFF Vero als Hilfspflegerin/Haushälterin für einen wohlhabenden älteren Herrn respektive dessen arrogante Tochter (Annabelle Mandeng), die es sich von dessen Geld gutgehen lässt. Herrlich hier das bissige Porträt dieser Frau, die ihre vermutlich schwarz beschäftigte Hilfskraft mit einer Mischung aus Mitleid, Anbiederung und Verachtung behandelt und die glaubt, Armut riechen zu können.

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Währenddessen interessiert sich Nelly nur für "Party, Party, Party" in der Luxusvilla ihrer Eltern. Schwester Tiziana "Tiz" (Theresa Riess) will hingegen auch die Welt verbessern und macht ein Praktikum bei einer Flüchtlingshilfsorganisation. Dort hat sie sich in den syrischen Asylbewerber Gibrian (Tamim Fattal) verliebt, den sie heute Abend ihren Eltern vorstellen will. Die wiederum haben sich längst auseinandergelebt: Während Vater Pius (Simon Schwarz), Inhaber einer Baumarktkette, sich nach einem einfacheren Leben mit Flaschenbier statt gesellschaftlicher Pflichten zurücksehnt, zelebriert sich Mutter Dorit (Ursula Strauss) als Kunstagentin - und hat dazu die Party ihrer Tochter gekapert. Am Ende des Abends haben die zugedröhnte Nelly und Gibrian im Mini einen Fußgänger umgenietet - ausgerechnet Jennys Vater Günter, der einen Auftrag für den Unternehmer ausführen sollte. Das setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, in die alle vier jungen Frauen verstrickt sind. Bis sie tatsächlich aufeinandertreffen, werden aber noch einige Episoden vergehen.

Baumarktgigant Pius (Simon Schwarz) hat's auch nicht leicht - vor allem nicht mit seinen Töchtern Tietz (Therese Riess) und Nelly (Fanni Schneider).
Baumarktgigant Pius (Simon Schwarz) hat's auch nicht leicht - vor allem nicht mit seinen Töchtern Tietz (Therese Riess) und Nelly (Fanni Schneider).WDR/ORF/MR Film

Uli Brée schafft es, mit relativ wenigen Szenen die beiden völlig entgegengesetzten sozialen Welten zu porträtieren, die jeweils ihre eigenen Zwänge mit sich bringen. Richtig glücklich scheint hier jedenfalls kaum jemand zu sein: auf der einen Seite der sozialen Schere der tägliche Kampf mit Stütze, Minijobs und Sparzwang, auf der anderen enttäuschte Erwartungen der Eltern, das lauernde Finanzamt und Sinnsuche. Für Erfrischung sorgt, dass diesmal eben nicht mittelalte Hausfrauen im Mittelpunkt stehen, sondern junge Frauen, die noch versuchen, sich selbst neu zu erfinden - und dabei fast jede Handlung bei Instagram dokumentieren. "Biester" verbindet ein sympathisches Ensemble unverbrauchter Newcomerinnen mit arrivierten Fernsehstars in den Erwachsenenrollen. Dort ist mit dem allgegenwärtigen Schwarz ( "Braunschlag", Wolf-Haas-Verfilmungen), Strauss ( "Schnell ermittelt") und Kottal ( "CopStories") fast ein österreichisches All-Star-Aufgebot versammelt.

Während die Inszenierung (Regie bei den ersten fünf Folgen: Mirjam Unger) weitgehend konventionell ausfällt, stechen die Drehbücher aus der Vielzahl deutschsprachiger Serien heraus. Die Dialoge sind bissig, die Wendungen unerwartet, die sozialen Nuancen trotz aller satirischer Überspitzung genau beobachtet. Wie schon in "Vorstadtweiber", aber auch anderen ORF-Serien wie "Braunschlag" oder "CopStories" sagt "Biester" neben allem Witz und Unterhaltungswert eben auch etwas über die Welt aus, in der wir leben. Bei den vielen miteinander verknüpften Handlungssträngen und Personen sowie den ständigen Wendungen bleiben etwas zu sehr in Richtung Soap neigende Elemente leider nicht ganz aus. Auf der Habenseite steht dann wieder die Auswahl der Songs - inklusive dem von Valentina Thoms gesungenen Titellied "Luftschloss".

Wollen was vom Kuchen abhaben: die besten Freundinnen Vero (Mara Romei) und Jenny
Wollen was vom Kuchen abhaben: die besten Freundinnen Vero (Mara Romei) und Jenny WDR/ORF/MR Film

Nicht verschwiegen werden soll, dass die zweite Staffel das hohe Niveau nicht halten kann. Hier bestätigt sich ein Problem, das schon "Vorstadtweiber" hatte: Brée kann sehr gute auf eine Staffel angelegte Handlungen schreiben. Geht es dann aber wegen des Erfolgs in die Verlängerung, wirken die Geschichten auserzählt. Wie alle zentralen Figuren nach dem eigentlich runden Ende der ersten "Biester"-Staffel - einer fast spiegelbildlichen Variante der Anfangsszene - wieder zusammengebracht werden müssen, wirkt bemüht und danach mäandert die Handlung weitgehend ziellos vor sich hin. Das ändert aber nichts daran, dass Staffel 1 fast uneingeschränkt zu empfehlen ist: Sie hat Witz, Biss, viel Wiener Schmäh und ist manchmal auch ganz schön sexy.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten ersten Staffel von "Biester".

Meine Wertung: 4/5

One zeigt die komplette zehnteilige Staffel 1 am Donnerstag, den 20. August, ab 21.45 Uhr am Stück. Danach ist sie auch in der ARD Mediathek verfügbar.



 

Über den Autor

  • Marcus Kirzynowski
Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für TV Wunschliste und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

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