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"Adolescence"-Schöpfer legt gelungene Neuauflage von William Goldings düsterer Robinsonade vor
Piggy (David McKenna, Erster von links), Ralph (Winston Sawyers, Zweiter von links) und Simon (Ike Talbut, ganz rechts) sehnen sich nach Ordnung
BBC
TV-Kritik/Review: "Lord of the Flies": Scheiß auf die Regeln!/BBC

Ende Januar 2026 schlug Horroraltmeister Sam Raimi ( "Tanz der Teufel") mit seinem schwarzhumorigen Survivalthriller  "Send Help" weltweit in den Kinos auf. Das Setting: Eine einsame Insel mitten auf dem Meer. Die Protagonisten: Eine Angestellte und ihr Boss, die als Einzige einen Flugzeugabsturz überleben. Gefangen im paradiesisch anmutenden Nirgendwo, entspinnt sich zwischen den beiden, befeuert von früheren Auseinandersetzungen, ein Kleinkrieg, der immer drastischere Ausmaße erreicht. Als Vorbild dieses insularen Albtraums lässt sich neben Daniel Dafoes "Robinson Crusoe" auch und vor allem William Goldings Romanklassiker "Herr der Fliegen" (im Original: "Lord of the Flies") ausmachen, mit dem wohl viele Leser im Englischunterricht erstmals in Berührung gekommen sein dürften.

Der popkulturelle Einfluss des 1954 veröffentlichten Buchs, das die Natur des Menschen am Beispiel einer urplötzlich ums Überleben kämpfender Gruppe britischer Jungen mit einem nihilistischen Blick seziert, ist enorm. Geschichten wie  "Lost" und  "Yellowjackets" wären ohne Goldings zivilisationskritische Parabel schlicht undenkbar. Nicht umsonst gibt es zudem mit der Episode "Das Bus" (Staffel 9, Folge 14) eine augenzwinkernde Würdigung von "Herr der Fliegen" im Kosmos der  "Simpsons"-Sitcom. Nach drei filmischen Adaptionen (einer  britischen von 1963, einer philippinischen von 1975 und einer  US-amerikanischen von 1990) startet bei Sky nun eine vierteilige BBC-Neuinterpretation, die der  "Adolescence"-Miterfinder Jack Thorne kreativ verantwortet hat. Thematisch passt der Roman bestens zu seinem preisgekrönten Netflix-Thriller-Drama, das Manipulation und toxische männliche Verhaltensmuster auf markerschütternde Weise verhandelt.

Wie auch die literarische Vorlage beginnt die erste Serienbearbeitung in media res, schleudert den Zuschauer unvermittelt ins Geschehen hinein: Während eines nicht näher beschriebenen Krieges in den 1950er-Jahren stürzt ein Flugzeug mit britischen Schuljungen auf einer namenlos bleibenden, unbewohnten Tropeninsel ab. Da alle Erwachsenen an Bord ums Leben kommen, sind die Heranwachsenden komplett auf sich allein gestellt. Auf zivile Umgangsformen trainiert, versuchen sie, auch hier, weit weg von allen gesellschaftlichen Leitplanken, eine Ordnung zu errichten. Doch schon die demokratische Wahl des Anführers ist mit Konfliktpotenzial verbunden.

Jack (Lox Pratt im Chorgewand, Mitte) bringt sich als natürlicher Anführer in Stellung
Jack (Lox Pratt im Chorgewand, Mitte) bringt sich als natürlicher Anführer in Stellung BBC/Eleven Film Ltd./Lisa Tomasetti

Gegenüber stehen sich der eher sanftmütige Ralph (Winston Sawyers), der die schreckliche Situation als Oberhaupt für alle so erträglich wie möglich machen möchte, und der dominante Jack (Lox Pratt), Kopf einer militärisch aufmarschierenden Chorgruppe. Dass die meisten Stimmen auf Ersteren entfallen, schmeckt Letzterem gar nicht. Zunächst gibt er sich aber damit zufrieden, dass er und seine Sangesknaben als Wildschweinjäger eine wichtige Rolle innerhalb der Gemeinschaft übernehmen können. Auch das Signalfeuer, das vorbeifahrende Schiffe auf die Gestrandeten aufmerksam machen und daher immer brennen soll, verspricht er, mit seinen Leuten zu überwachen.

Risse bekommt das fragile Zusammenleben, als vor allem einige der kleineren Kinder von einem angeblich auf der Insel hausenden Monster berichten und Jacks Trupp im Jagdfieber wichtige Aufgaben und Erfordernisse vernachlässigt. Ralph und seine rechte Hand Piggy (David McKenna), ein korpulenter Asthmatiker mit Brille, der eigentlich Nicholas heißt (im Roman wird er nur bei seinem abwertenden Spitznahmen genannt) und als Stimme der Vernunft mit vielen pragmatischen Ideen aufwartet, bemühen sich, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Allerdings kommt es schon bald zu ersten Zersetzungserscheinungen, bricht die wilde, archaische Seite der Schuljungen durch.

So weit das Grundgerüst von Goldings Buch, dem Jack Thorne in seiner Version größtenteils treu bleibt. Spannungsfanatikern sei gleich gesagt:  "Lord of the Flies" anno 2026 ist kein Survivalschocker, der von einem nervenaufreibenden Höhepunkt zum nächsten hetzt, sondern ein Inseldrama, das seinen Charakteren und den im Stoff steckenden philosophischen Fragen Luft zum Atmen lässt. Jedes der vier Kapitel ist einer der zentralen Figuren - Piggy, Jack, Simon (Ike Talbut) und Ralph - gewidmet, schildert die Ereignisse bevorzugt aus deren Perspektive und streut durch Rückblenden und im Falle Simons durch Tagebucheinträge Informationen über die jeweiligen Backstorys aus. Ein Unterschied zur Literaturvorlage, die sich doch etwas allgemeiner und verschlossener gibt.

Ralph (Winston Sawyers) gerät als gewähltes Oberhaupt immer mehr in Bedrängnis
Ralph (Winston Sawyers) gerät als gewähltes Oberhaupt immer mehr in Bedrängnis BBC/Eleven Film Ltd./Lisa Tomasetti

Protagonisten, die Golding fast nur über ihr konkretes Handeln in ihrer Notlage auf der Insel beschreibt, genauer auszuleuchten, ist keineswegs ungefährlich. Denn schnell kann man da auf küchenpsychologischem Terrain landen. Tatsächlich sind längst nicht alle Flashbacks so ergiebig, wie es die Serienmacher gerne hätten. Manchmal gelingen ihnen aber Momente kluger, erhellender Präzision. Etwa, wenn Jack kurz vor dem Abflug allein auf dem Rollfeld steht, während die anderen Kinder von ihren Eltern verabschiedet werden.

Zweifellos baut "Lord of the Flies" den Anführer der Chorgruppe, gemäß dem Ursprungswerk, als großen Antagonisten auf, als einen charismatischen Manipulator, einen Populisten, der die Wirkmacht der Angst, vor allem vor dem mutmaßlichen Monster, geschickt für seine Zwecke zu nutzen weiß. Besonders in ihm zeigt sich der zeitlose Charakter von Goldings Klassiker, haben gewaltbereite Verführer wie Jack doch in unserer so aufgeheizten Gegenwart immer mehr Rückenwind. Einerseits steht er für das Böse im Menschen, die destruktiven Triebe, die unter normalen Umständen durch gesellschaftliche Regeln zumeist im Zaum gehalten werden.

Gleichzeitig betont die neue Adaption jedoch, dass wir alle mehrere Seiten haben, fast niemand einfach nur abgrundtief niederträchtig ist. Jack mag wie der geborene Anführer auftreten, sich selbstsicher präsentieren, aus allem einen Wettbewerb machen und mitunter erschreckend rücksichtslos sein. Mehrfach blitzt in seinen Augen, in seiner Mimik aber auch Furcht und Verwunderung über die Gewalteruptionen auf. Augenblicke, in denen eine Deeskalation möglich erscheint. Wären da nicht die Gruppendynamik, der Erwartungsdruck und die Selbstansprüche, die zu groß sind, um den Schalter umzulegen. Lox Pratt, bald als Draco Malfoy in der  "Harry Potter"-Serie zu sehen, meistert den seine ambivalente Rolle erfordernden Spagat mit traumwandlerischer Sicherheit, wirkt in einem Moment wie ein barbarischer Autokrat, um im nächsten mit einem kurzen Zucken der Mundwinkel Zweifel und Unsicherheit auszudrücken.

Simon (Ike Talbut, links) und Jack (Lox Pratt) haben eine gemeinsame Vorgeschichte
Simon (Ike Talbut, links) und Jack (Lox Pratt) haben eine gemeinsame Vorgeschichte BBC/Eleven Film Ltd./Lisa Tomasetti

Ralph bildet mit seiner besonnenen Art sicherlich einen Gegenpol zu Jack. Er, der zusammen mit Piggy immer wieder Versammlungen einberuft, um Probleme zu diskutieren, verkörpert den demokratischen Geist, will auch in der Wildnis die Zivilisation nicht aufgeben. Und doch lässt er sich wiederholt aufs Jacks Machtspiele, sein Kräftemessen ein. Obwohl die Serie Ralph bzw. sein Verhalten zum Ende hin als Hoffnungsschimmer in einer düsteren Geschichte anpreist, ist er nicht frei von Schwächen. Piggys Bitte, den anderen Jungen seinen Spitznamen nicht zu verraten, schießt Ralph in den Wind. Nach einem grausamen Todesfall sucht er, freilich unter Schock stehend, nach Ausreden (eine weitere Abweichung vom Roman, wo Piggy Ausflüchte vorbringt). Und was wohl am schwersten wiegt: Dem grüblerischen, das blutige Chaos voraussehenden Simon schenkt er zu wenig Gehör.

Womit wir bei der vielleicht interessantesten Figur des Vierteilers wären, der Darsteller Ike Talbut eine faszinierend-rätselhafte Aura verleiht. Simon ist ein Beobachter, spricht nur das Nötigste. Sagt er dann aber doch mal etwas, hat es Hand und Fuß. Oder hätte es, wenn man ihn denn öfters ausreden lassen würde. Nicht nur als Mitglied der Chorgruppe hat er ein besonderes Verhältnis zu Jack, das schon in der ersten Folge einen Knacks bekommt. Wie ein Geist wandelt Simon des nachts über die Insel und begreift als Einziger bzw. vor allen anderen, was das Angst und Schrecken verbreitende Inselmonster in Wahrheit bedeuten könnte. Unter die Haut geht auch seine Vorgeschichte, die Talbut in einer Szene mit wenigen Worten und intensiven Blicken greifbar macht. Schade ist allerdings, dass der Herr der Fliegen aus dem Titel, ein aufgespießter, von Insekten belagerter, das Teuflische symbolisierender Schweinekopf, in der BBC-Produktion selten richtig zur Geltung kommt. Ein "Zwiegespräch" mit Simon an einer markanten Stelle der Handlung fehlt dadurch etwas der Punch. Die in Goldings Roman angelegten Bezüge zwischen dem Grübler und Jesus Christus stellt die Serie dafür womöglich etwas zu explizit aus.

Dass "Lord of the Flies" trotz kleiner Schwächen in den Bann zieht, liegt nicht zuletzt am eigenwilligen visuellen Konzept, das die kreativen Entscheidungsträger um Regisseur Marc Munden für Goldings grimmige Coming-of-Age-Story entwickelt haben. Ähnlich wie in der Folkhorrorminiserie  "The Third Day" (ebenfalls eine bedrohliche Inselgeschichte) arbeitet der für die Inszenierung verantwortliche Brite mit vielen Nahaufnahmen und einem Fischaugenobjektiv, das die Konturen verzerrt. Immer wieder sind Gesichter bildfüllend zu sehen, während der Hintergrund in Unschärfe verschwimmt. Und nicht von ungefähr wird die Insel meistens nur fragmentiert gezeigt, sprich: Große Überblickseinstellungen fehlen fast durchweg. Nach der bereits Anfang Februar erfolgten Serienveröffentlichung in Großbritannien störten sich nicht wenige Zuschauer an dieser markanten Optik. Dabei trägt sie gerade der Fokussierung auf die Figuren, ihrer Desorientierung, ihrem Abstieg ins Delirium wunderbar Rechnung - und gibt das Erleben der überforderten Jungen an das Publikum weiter. Wirkungsvoll sind ferner das Farbenspiel - nachts leuchten Palmenblätter bedrohlich rot, einige Gewaltexzesse sind in gespenstisch entsättigte Aufnahmen gegossen - und das Streicher mit Choralgesängen kombinierende musikalische Hauptthema aus der Feder von Hans Zimmer und Kara Talve. Ein Leitmotiv, das die Robinsonade mit einer angemessen überhöhten und zugleich gruseligen Note auflädt.

Meine Wertung: 4/5

Die ersten beiden Folgen der Miniserie "Lord of the Flies" werden am 24. Februar um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic veröffentlicht und sind am selben Tag über WOW und Sky Go verfügbar. Kapitel 3 und 4 folgen eine Woche später am 3. März.



 

Über den Autor

  • Christopher Diekhaus
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.
Lieblingsserien: Devs, Lass es, Larry!, Severance

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