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TV-Kritik/Review: "Spider-Noir": Nicolas Cage im Netz der Leidenschaften

Spannende, aber etwas unentschlossene Abwandlung der Superheldenformel
Ben Reilly (Nicolas Cage) wirbelt Staub auf
Prime Video/Aaron Epstein
TV-Kritik/Review: "Spider-Noir": Nicolas Cage im Netz der Leidenschaften/Prime Video/Aaron Epstein

Haben Superhelden ausgedient? Sind wir ihrer lärmenden Rettungseinsätze langsam, aber sicher überdrüssig geworden? Seit dem Ende der dritten Phase im Marvel Cinematic Universe (MCU) drängen sich diese Fragen immer stärker auf. Fakt ist, dass im Anschluss längst nicht alle Arbeiten des erzählerischen Großprojektes, einige Serienwerke inbegriffen, zündeten. Angesichts des offiziellen Restarts des DC Universe (DCU) mit  "Superman" im Sommer 2025 darf man allemal gespannt, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen wird. Eine verheißungsvolle Abwechslung scheint vor diesem Hintergrund die für MGM+ und Prime Video gedrehte Comicadaption  "Spider-Noir" zu bieten, die eine Variation des bekannten Spinnenmanns als gebrochenen Privatdetektiv in das New York der 1930er-Jahre versetzt. Dass die Produktion noch dazu in der Hauptrolle mit Vollblutmime Nicolas Cage (in seinem ersten Serienpart überhaupt!) besetzt ist, macht das Ganze nur noch reizvoller.

Schon der Titel und die Profession des Protagonisten verweisen auf den bis heute wirkmächtigen Film noir, den einige als eigenes Crime-Genre klassifizieren, andere eher als Stilrichtung im US-amerikanischen Kino zwischen Anfang der 1940er- und Ende der 1950er-Jahre beschreiben würden. Stark vereinfacht sind vor allem diese Merkmale charakteristisch: eine düster-nihilistische Grundstimmung, von persönlichen Niederlagen verfolgte Protagonisten, oft private Ermittler, ein bedrohlicher urbaner Schauplatz und markante Schattenspiele.

All das trifft auch auf den Achtteiler "Spider-Noir" zu, der gleich in zwei unterschiedlichen optischen Versionen angeboten wird. Zum einen gibt es eine Schwarz-Weiß-Fassung, zum anderen eine stark gesättigte Farbversion, die so aussieht, als hätten die Macher eine Schwarz-Weiß-Serie nachträglich coloriert. Das klassische Noir-Gefühl vermittelt sich deutlich intensiver in der ersten Variante, die als Grundlage dieser die ersten vier Episoden umfassenden Kritik diente.

Sekretärin Janet (Karen Rodriguez) und Ben Reilly (Nicolas Cage) sind ein eingespieltes Team.
Sekretärin Janet (Karen Rodriguez) und Ben Reilly (Nicolas Cage) sind ein eingespieltes Team. Prime Video/Aaron Epstein

Seine belastende Vorgeschichte verrät uns der Titelheld gleich zu Beginn in einem längeren Voice-over-Kommentar, der zu den klassischen Stilmitteln des Film noir gehört. Der mit spinnenartigen Superkräften ausgestattete Ben Reilly (Cage) räumte in New York einst unter den Gesetzesbrechern rigoros auf. Doch als er vor fünf Jahren den Mord an seiner großen Liebe Ruby nicht verhindern konnte, hing er seinen Retterjob von heute auf morgen an den Nagel. Seither versucht der dem Alkohol keineswegs abgeneigte Reilly, sich als Detektiv über Wasser zu halten, stets unterstützt von seiner Sekretärin Janet (Karen Rodriguez).

Dabei arbeitet er nicht gerade an prestigeträchtigen Fällen, sondern spürt vor allem untreuen Ehepartnern nach. Einer dieser 08/15-Aufträge erweist sich jedoch als vertrackter. Denn der Mann, der sich als Gatte der Nachtclubsängerin Cat Hardy (Li Jun Li) ausgibt und Beweise für ihre angebliche Affäre erhalten möchte, ist keineswegs ihr Angetrauter. Schon vorher beschattet Ben in einer anderen Angelegenheit einen Mann namens Addison (Jack Mikesell), der zu seinem Erstaunen die Gabe besitzt, Feuer zu erzeugen und zu kontrollieren - und beim Einsatz seiner Fähigkeiten ums Leben kommt. Großes Interesse für den Pyroexperten zeigt der irische Mobster Silvermane (mit bedrohlicher Ausstrahlung: Brendan Gleeson), auf dessen Villa ein Brandanschlag verübt wurde. In New York regiert der Gangster mit eiserner Hand, während der Bürgermeister darum bemüht ist, den kriminellen Auswüchsen Einhalt zu gebieten. Wenn doch der Spinnenmann nur wieder die Bühne treten würde...

Gleiches wünscht sich Reillys Freund Robbie Robertsen (Lamorne Morris), der als Reporter verzweifelt auf der Suche nach einem heißen Knüller ist und als einer von wenigen Menschen um Bens Geheimnis weiß. Dass der regelmäßig von kleinen Aussetzern, plötzlich auftauchenden Schmerzen geplagte Detektiv seine Vorbehalte irgendwann aufgibt, ist erwartbar. Entscheidend dafür ist allerdings die Erkenntnis, dass neben dem mit Feuer um sich werfenden Addison noch andere Männer mit übernatürlichen Kräften durch die Straßen des Big Apples laufen. Schon bald tun sich Verbindungen zwischen den Fällen auf, die auch mit Erlebnissen einiger Soldaten während des Ersten Weltkriegs zusammenhängen. Dass Reilly von Cat Hardy fasziniert ist, die Silvermane als sein Eigentum betrachtet, macht die Sache nur noch komplizierter.

Ist Nachtclubsängerin Cat Hardy (Li Jun Li) zu trauen?
Ist Nachtclubsängerin Cat Hardy (Li Jun Li) zu trauen? Prime Video/Aaron Epstein

Festhalten sollte man zuallererst, dass "Spider-Noir" bis zur Hälfte bloß sporadisch in den Superheldenmodus schaltet. Actionszenen sind keineswegs in Hülle und Fülle vorhanden. Und übermäßig spektakulär ist das, was uns die Macher um Serienschöpfer und Ko-Showrunner Oren Uziel ( "The Lost City") servieren, eher nicht. Der Schwerpunkt liegt auf dem Noir-Teil, auf Bens Charakterporträt, den zunächst etwas undurchsichtigen Ermittlungen und der unheilschwangeren Grundstimmung, die sich, wie oben angedeutet, in der Schwarz-Weiß-Fassung besser vermittelt. Personen werfen auf den Straßen lange Schatten, Gesichter liegen im Halbdunklen und nicht wenige Einstellungen wirken, als wären sie leicht aus der Balance geraten. Schräge Perspektiven zur Darstellung einer instabilen Welt übernahm schon der klassische Film noir vom Deutschen Expressionismus, einer Ausprägung des Weimarer Kinos, das auch das Horrorgenre nachhaltig beeinflusste.

Der in Reillys Einstiegsmonolog angeschlagene Tonfall scheint eine tragische Heldenstory anzukündigen. Die Geschichte eines Mannes, der sich zwar schwört, ein und denselben Fehler nicht noch einmal zu begehen, der sich aber natürlich in Verwicklungen und Gefühle verstrickt, die ihn erneut alles kosten könnten, was ihm lieb ist. Festlegen auf eine durchgehende Färbung wollen sich Oren Uziel und seine kreativen Mitstreiter jedoch nicht. Schon früh brechen humorvolle Momente das Geschehen auf.

Janet beispielsweise macht schlüpfrige Witze auf Kosten ihres Ehemanns. Und der für seine schrägen Darbietungen berühmt-berüchtigte Nicolas Cage schert eins ums andere Mal aus dem typischen Rollenmuster des Noir-Detektivs aus. Seien es Wortspiele wie Frank N. Stein, die er süffisant zum Besten gibt, oder kurze Szenen, in den Reilly in unterschiedlichen Maskeraden an wichtige Informationen zu gelangen versucht - immer wieder durchweht ein Hauch von Cage-Exzentrik (siehe unser Nicolas-Cage-Special!) die Serie. Gleichzeitig beweist der in den letzten Jahren oft gescholtene Oscar-Preisträger, dass er auch die leiseren Zwischentöne beherrscht. Als Ben und sein Freund Robbie über sein Ruby-Trauma sprechen, reicht ein Blick in Cages Augen, um den Schmerz seiner Figur erfassen zu können. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Wechsel zwischen Ernst und Tragik nach vier Folgen ein wenig unentschlossen erscheint, die beiden Stimmungen sich etwas beißen.

Ben Reilly kehrt als Spider-Noir (Nicolas Cage) zurück.
Ben Reilly kehrt als Spider-Noir (Nicolas Cage) zurück. Prime Video/Aaron Epstein

Was ebenfalls nur bedingt gelingt: Das historische und soziale Hintergrundrauschen konkreter erlebbar zu machen. "Spider-Noir" spielt während der Depression und einer Bürgermeisterwahl. Ständig ist davon die Rede, die Stadt versinke in Chaos und Kriminalität. In die Bilder übersetzt die Serie diese explosive Gemengelage jedoch nicht mit der notwendigen Konsequenz.

Zu den positiven Überraschungen gehört dagegen die Dynamik zwischen dem Titelhelden und seiner Büroleiterin Janet, die Karen Rodriguez erfrischend schlagfertig und offenherzig verkörpert. Ben und seine Sekretärin verbindet echte Wertschätzung ("Sie weiß, was ich weiß!"), die sich auch in kleinen Frotzeleien ausdrückt. Dabei ist Janet weit mehr als eine einfache Schreibkraft. In einer Situation rettet sie ihren Chef aus einer misslichen Lage, mit ihrer Auffassungsgabe bereichert sie die Ermittlungen und unternimmt, wenn nötig, sogar selbst Nachforschungen außer Haus. Fühlen sich die Humoreinschübe andernorts vielleicht etwas aufgesetzt an, wirken sie im Zusammenspiel von Detektiv und seiner Angestellten absolut natürlich und bereichern die Serie ungemein.

Meine Wertung: 3.5/5

Die Serie "Spider-Noir" ist in den USA bereits am Montag, dem 25. Mai, auf MGM+ gestartet. Hierzulande erscheinen alle acht Episoden am Mittwoch, dem 27. Mai, auf Prime Video.

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Über den Autor

  • Christopher Diekhaus
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.
Lieblingsserien: Devs, Lass es, Larry!, Severance

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