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TV-Kritik/Review: "The Big Cigar": Wenn Hollywood ins echte Leben eingreift
von Christopher Diekhaus(17.05.2024)

Politik und Hollywood lassen sich keineswegs so leicht trennen, wie man manchmal meinen könnte. Weder heute, da Missstände in der Filmindustrie stärker denn je auf dem Prüfstand stehen. Noch im gesellschaftlich aufwühlenden Klima Ende der 1960er- und Anfang 1970er-Jahre. Einer Zeit, in der das US-Studiosystem unter dem Eindruck des Vietnamkrieges, der Bürgerrechtsproteste und staatlicher Skandale - Stichwort: Watergate - eine Frischzellenkur verpasst bekam. Filmemacher wie Martin Scorsese, Dennis Hopper, Arthur Penn und Alan J. Pakula brachen mit etablierten Erzählregeln und Sehgewohnheiten, gaben den sozialen Verwerfungen in ihren Werken großen Raum. Das sogenannte New-Hollywood-Kino richtete den Blick auf ein Land im Krisenmodus und brachte einige der wohl ikonischsten Arbeiten der amerikanischen Filmgeschichte hervor.
Enormen Einfluss übte das als ein Startpunkt dieser Erneuerung angesehene Roadmovie

Während das FBI in Gestalt des fast schon clownesk dargestellten, ständig einen Schritt zu spät kommenden Ermittlers Sydney Clark (Marc Menchaca) fieberhaft nach Newton fahndet, hecken die drei Männer einen Plan aus, um den Gesuchten außer Landes zu schaffen. Die schier unglaubliche Idee: Unter dem Vorwand, einen Fake-Film namens "The Big Cigar" zu drehen, soll Huey nach Kuba geschmuggelt werden. Ben Afflecks preisgekrönter Tatsachenthriller
Kreative Freiheiten kündigen sich bereits in Hueys einleitenden Voice-over-Kommentaren - ein Mittel, das inzwischen jede zweite Serie zu nutzen scheint - deutlich an. In bester Metamanier weist er darauf hin, dass "The Big Cigar" beinahe wahrhaftig sei und seine Erlebnisse durch die Linse Hollywoods betrachtet würden. Der Boden für ein munteres Spiel mit Verdichtungen und erfundenen Details ist damit bereitet. Einige dieser Ausschmückungen sind ganz gut zu identifizieren, da sie unverkennbar eine dramaturgische Funktion haben, bestimmte Wendepunkte vorbereiten: etwa die Schockerfahrung, nach der der zunächst um seine Existenz fürchtende Blauner seine Haltung zu Huey ändert und auf einmal bereit ist, alles aufzugeben.
Gerade in der schnell in medias res gehenden Einstiegsfolge können Vorkenntnisse hilfreich sein. Über zahlreiche Rückblenden versuchen die Macher aber sukzessive, die Hintergründe auszuleuchten. Die Entstehung der Black Panther Party, ihr durchaus bewaffnetes Vorgehen gegen staatliche Willkür, schmerzhafte Verluste, Auseinandersetzungen über die Ausrichtung der Bewegung und die Verfolgung durch das FBI im Rahmen des geheimen COINTELPRO-Programms kommen unter anderem auf den Tisch. Manche Flashbacks sind erhellend, andere wirken drangepappt, sind ohne große Ausdruckskraft. Mehr und mehr kristallisiert sich heraus, dass die komplexen Gemengelagen, die großen, auch heute noch virulenten Themen - Gerechtigkeit und Rassismus - die Kapazitäten einer Miniserie mit einer Episodenlänge von rund 40 Minuten übersteigen. Natürlich auch, weil parallel eine turbulente Fluchtgeschichte erzählt, das Hollywood im Jahr 1974 erforscht und die ebenso schillernde wie umstrittene Persönlichkeit Huey P. Newton ergründet werden wollen.

In seinem Auftaktmonolog spricht der Black-Panther-Mitbegründer an, wie sehr sein Leben Widersprüche prägen würden, und ebnet damit den Weg für das Porträt eines höchst ambivalenten Mannes. "The Big Cigar" macht aus dem um Bildungschancen und gegen ein ungerechtes Gesundheitssystem kämpfenden Newton keine komplett strahlende Heldenfigur, sondern bemüht sich, auch unschöne, dunkle Seiten ans Licht zu holen, zum Beispiel seine zunehmende Reizbarkeit und sein forderndes Auftreten gegenüber Schneider, der für ihn immerhin Kopf und Kragen riskiert. Dass der echte Newton mit mehreren Gewalttaten in Verbindung gebracht wurde, unterschlägt "The Big Cigar" nicht. Mitunter täte die Miniserie aber gut daran, kritischer auf ihren Protagonisten zu blicken.
Zu einem merkwürdigen Bruch in seiner Charakterisierung kommt es, wenn man einige Rückblenden aus den beginnenden 1970er-Jahren mit seinem Verhalten 1974 vergleicht. Entwickelt er, so wird es jedenfalls gezeigt, durch die Schikanen des FBI eine stetig wachsende Paranoia, scheint diese auf der Flucht, dann, wenn es wirklich gefährlich wird, plötzlich wie weggeblasen. Ist das glaubwürdig?
Uneben kommt die serielle Rekonstruktion auch deshalb daher, weil sich ernste, dramatisch aufgeladene Passagen mit einem beschwingt-sarkastischen Tonfall und einer lässigen Inszenierung im Stil der von ähnlich bizarren Geschehnissen berichtenden True-Crime-Verfilmung
Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten vier von insgesamt sechs Folgen der Miniserie "The Big Cigar".
Die ersten beiden Episoden der Miniserie "The Big Cigar" sind ab dem 17. Mai bei Apple TV+ verfügbar. Die restlichen Folgen erscheinen dann im wöchentlichen Rhythmus.
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