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TV-Kritik/Review: Rectify
(17.06.2013)

"Rectify", die von der US-Kritik ziemlich einhellig und völlig zu Recht bejubelte erste Originalserie des Sundance Channels, beginnt als Erzählung in progress. Sehr vieles liegt dabei in der Vergangenheit: die grausame Tat Anfang der Neunziger, die langjährigen Bemühungen der Familie, den Sohn freizubekommen und auch die Veränderungen im Leben der Beteiligten. Und Daniel Holden steckt plötzlich mittendrin im Heute, ein Enddreißiger, der als Teenie zuletzt in Freiheit lebte. Wie versteinert wirkt er, in sich gekehrt, im Sprechen und in den Bewegungen langsam. Darsteller Aden Young, ein bislang wenig aufgefallener Schauspieler aus dem Hollywood-Mittelbau, ist perfekt für die Rolle: Er ist groß und kräftig und wirkt dennoch wie entrückt, und wenn er, was er selten tut, den Kopf hebt und die Kamera ihm in die traurigen Augen blickt, spielt sich darin das Drama eines Mannes ab, der sein gesamtes Erwachsenwerden verpasste, der 20 Jahre mit Schimpf, Schuld und Schande lebte und, was noch schlimmer ist, weiß, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird. Denn wie in jedem Dorf, das mit der Bürgerwehr gegen freigelassene Sexualstraftäter mobilmacht, stellt auch Daniels Heimatstädtchen klar: Daniel ist nicht willkommen. Der ehemalige Staatsanwalt, inzwischen Senator, will einen neuen Prozess und den immer noch Hauptverdächtigen zurück in die "death row" schicken, schon allein, um nicht als jemand dazustehen, der falsches Recht sprechen ließ.
Daniel zieht derweil zurück ins Haus seiner Mutter (J. Smith-Cameron als blonde Südstaatenmatrone), die neu geheiratet hat und immer noch vor allem Hausfrau ist. Daniels Schwester (stark: Abigail Spencer, "Cowboys & Aliens", "Burning Love") ist extra aus Atlanta zurückgezogen, um sich um den Bruder zu kümmern, an dessen Unschuld sie keine Zweifel hegt. Außerdem hat sie eine Affäre mit Daniels neuem Anwalt Jon (Luke Kirby, "Take this Waltz"). Teddy (Clayne Crawford), der Sohn des Stiefvaters, ist da deutlich skeptischer - vor allem plagt ihn die Sorge, dass der Rufs des Autoreifenladens, den er mit dem Vater zusammen führt, unter Daniels Rückkehr leiden könnte. Teddys junge Frau Tawney (Adelaide Clemens aus
So wie draußen die Feindseligkeit auf Daniel lauert, wird er innerhalb der Familie von allen Seiten genau wie jener Teenager behandelt, als der er vor der Mordtat in aller Erinnerung geblieben ist. Teddy zum Beispiel schenkt ihm ein Sexheft - 'to get your mind right' -, und prompt wird Daniel beim Masturbieren erwischt. Schamgefühle wie zu High-School-Zeiten: Dieser Mann wird sich befreien müssen aus einem fast klaustrophobischen Klammergriff. Er ist umringt von Menschen, die es entweder zu gut oder zu böse mit ihm meinen.
Von der ersten Sequenz an formt sich daraus ein vielversprechender Plot, und doch mag der Zuschauer diesem Setting zunächst durchaus mit Skepsis begegnen: Die Kammermusik auf der Tonspur klimpert prätentiös, die mit viel Tauf- und Jesus-Symbolik operierende Regie wirkt ein wenig zu sehr von der eigenen Bedeutungsschwere ergriffen, und mitunter könnte fast der Eindruck entstehen, es ginge hier zuvörderst um eine Art Kasper-Hauser-trifft-Forrest-Gump-Gestalt, die mit Stauneaugen ein neues Universum erkundet, nach dem Motto: Was sind Handys und DVDs? Ganz schlau wird man jedenfalls nicht aus Daniel: Meistens spricht er schleppend und in kurzen Sätzen, dann wieder brechen beinahe lyrische Tiraden aus ihm heraus - etwa wenn er dem Stiefbruder die brutalen Knastschikanen schildert. Oder wenn er mit seiner Mutter über Platons Höhlengleichnis parliert.
Serien-Schöpfer Ray McKinnon, sonst vorrangig Schauspieler (Reverend Smith aus
Interpretationsansätze liefern zudem die zahlreichen Rückblenden in Daniels Zeit in der winzigen Todestrakt-Zelle. Durch den Luftschacht kommunizierte er dort mit einem netten und einem psychopathischen Zellennachbarn - eine Konstellation, die an Stephen-King-Szenarien ("Green Mile", "Die Verurteilten") erinnert, doch im von McKinnon selbst inszenierten und mit einem schön doppelbödigen Schlussbild glänzenden Staffelfinale ein Eigenleben gewinnt. Dazwischen lässt "Rectify" stets Platz für die Tragikomik Daniels, der mit seinem Leben nirgendwo anders anzuknüpfen weiß als an seinem 17. Lebensjahr, an die frühen Neunziger also, als man noch die Stone Temple Pilots auf dem Walkman hörte. Hilflos zockt er wieder "Sonic the Hedgehog" und hört die alten Mixtapes. Bis schließlich die rachsüchtigen Mitbürger zur Tat schreiten.
Die nur aus sechs Folgen bestehende erste Staffel von "Rectify" fühlt sich an wie das Vorspiel zu etwas weit Größerem. Das Figurengefüge schreit praktisch nach einem längeren Spannungsbogen, dessen geringstes Problem übrigens die Frage ist, ob Daniel tatsächlich schuldig ist oder nicht. "Rectify" erzählt vielmehr von Resozialisierung unter argwöhnischem Vorbehalt und davon, wie es sich mit dem Zweifel lebt in einem Umfeld, in dem jeder Grund genug zu haben scheint, sich eine eigene Wahrheit zu schaffen. Ray McKinnon ist mit dieser ersten Staffel ein Highlight der Saison geglückt - neue Folgen sind schon bestellt.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten ersten Staffel von "Rectify".
Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: Sundance Channel
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