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TV-Kritik/Review: "Matrjoschka": Und täglich grüßt der Badezimmerspiegel in meisterlicher Netflix-Comedy
von Gian-Philip Andreas(15.07.2019)

Derselbe Tag, immer wieder von vorne: Was manch Arbeitnehmer aus eigener Hamsterrad-Erfahrung bestens zu kennen meint, wird im Kino gern beim Wort genommen und zur Grundlage aller möglichen Genres. In sogenannten "Time Loop"-Filmen durchlebt ein Protagonist einen bestimmten Zeitabschnitt, meistens einen Tag, immer wieder neu, ehe es am Ende - in der Regel aus Gründen einer charakterlichen Läuterung - einen Ausweg aus dieser Zeitschleife gibt. Im Unterschied zu allen anderen Figuren, deren Bewusstsein mit jedem Zurückspringen wieder auf Null gesetzt wird und die sich über den Loop also nicht im Klaren sind, weiß der Protagonist Bescheid über die Zeitschleife - sein eigenes Bewusstsein setzt sich stetig fort, er kann auf die Erlebnisse und Erkenntnisse der vorangegangenen Loop-Durchläufe reagieren, daraus lernen und zum Beispiel gezielt Alternativen ausprobieren.
Dieses reizvolle narrative Konstrukt ist vor allem im Kino in immer neuen Varianten durchgespielt worden, zuletzt etwa in den

Wie aus der schwarzhumorigen, sarkastischen, nichts Emotionales auch nur annähernd an sich heranlassenden Nadia im Laufe der acht beeindruckend ballastfrei gebauten, meist nur knapp halbstündigen Episoden ein - sagen wir mal - zumindest deutlich offener Mensch werden kann, das folgt einerseits konsequent dem Murmeltier-Prinzip (bis zum Schluss wird immer wieder neu "geresettet"), andererseits wird es hier klar psycho-analytischer interpretiert. Der Serientitel bezieht sich auf die ineinander verschachtelten russischen Holzpuppen, diesem Prinzip vergleichbar werden in der Serie sukzessive neue Facetten Nadias sichtbar, die gegen Ende der Serie auch tief an ein persönliches Trauma rühren und so einen (möglichen) Weg hinaus aus dem Loop weisen.
Nadia, die einen russisch-jüdischen Migrationshintergrund hat, ist auch selbst eine solche "Russian Doll": Mit ihrer feuerroten Lockenpracht, das sie wie einen Helm auf ihren stets etwas eingezogenen Schultern mit sich herumträgt, hat sie etwas grotesk Puppenhaftes. Wie Lyonne dabei immer wieder ihr patentiertes Augenaufreißen einsetzt, trägt ebenso zu diesem Eindruck bei wie ihr anderes Markenzeichen: der krächzende Sprechduktus. (Sollte Lyonne in der nächsten Award Season keine Nominierungen erhalten, wäre das äußerst überraschend.)

Trotz Charakterentblätterung ist hier indes keine dröge vierstündige Therapiesitzung zu erwarten. Lyonne, die "Matrjoschka" als Female-Only-Projekt zusammen mit der Regisseurin Leslye Headland (
Was Nadia widerfährt, sollte man natürlich nicht verraten, um das Vergnügen an den mit einigen Aha- und noch mehr Oha-Effekten aufwartenden Episoden nicht zu schmälern; man darf aber erwähnen, dass nach den ersten beiden Folgen, die das Zeitschleifenthema einführen und das (durchaus anstrengende) Brooklyner Hipster-Milieu vorstellen, der Schluss der dritten Folge einen größeren Wendemoment liefert. Dieser bezieht eine neue Perspektive ein und bricht die gängige Loop-Dramaturgie auf - es ist eine sehr erfrischende Erweiterung des Murmeltier-Sujets. Fortan mischen sich Comedy und analytisches Drama mit einem fast kriminalistischen Ermittlungsaspekt.
Die Figuren, mit denen Nadia in dieser Party-Nacht auf Repeat (manchmal weit in den kommenden Tag hinein) zu tun bekommt, reichen vom älteren Ex-Freund (Yul Vazquez als Immobilienmakler in der Midlife-Krise) über die ältliche Psychologin Ruth, unter deren Obhut Nadia ihre Teenagerjahre verbrachte (die 79-jährige Elizabeth Ashley, bei uns aus der Sitcom

Und doch, wer knobeln, rätseln und philosophieren will, bekommt ebenfalls zu tun. Man könnte zum Beispiel auf jene drei Nebendarsteller achten, die im Laufe der Staffel in gleich mehreren Rollen auftauchen, als Kioskkunden etwa, als Nadias Bosse, als Passanten: Ist dies ein Hinweis darauf, dass sich die Timeline auch für andere Menschen in Nadias Umfeld ändert, dass sie in ganz andere Lebensläufe "resettet" werden könnten? Auch Äpfel und Orangen, die in den Wohnungen und Geschäften immer mehr verschimmeln, deuten darauf hin, dass nicht alles in der Zeit zurückgesetzt wird. Der eingangs erwähnte Umstand, dass die Loops für alle anderen jenseits des Protagonisten keine Folgen haben, diesen Menschen das Bewusstsein für das in den einzelnen Loops jeweils Geschehende fehlt, wirft die Frage danach auf, was mit all den gecancelten Lebensbruchstücken innerhalb der Loops geschieht: verschleuderte Lebenszeit? Was, wenn sie sich in der Zeit verlieben, wenn sie sterben, Glück erfahren, neue Bekanntschaften machen: alles dahin? Die letzte Episode ("Ariadne" betitelt) spielt mit diesem Problem, verwirbelt noch einmal die Realitäts- und Zeitebenen, um dann in ein ebenso beglückendes wie rest-diffuses Finale zu münden.
Netflix hat inzwischen eine zweite Staffel bestellt, die man sich allerdings nur als völlig neue Story denken kann - als Teil eines Anthologiekonzepts. Für sich allein genommen (und sofern man nur ein bisschen Freude hat am traditionell überspannten Personal von New-York-Comedies) ist diese erste Staffel jedenfalls annähernd perfekt.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten ersten Staffel von "Matrjoschka".
Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: Netflix
Die achtteilige erste Staffel von "Matrjoschka" ist beim Streaming-Dienst Netflix erschienen und steht dort zum Abruf bereit. Eine zweite Staffel wurde bestellt, über deren Inhalt es noch keine Details gibt.
Über den Autor
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Leserkommentare
Baphomet schrieb am 23.07.2019, 23.04 Uhr:
"das (durchaus anstrengende) Brooklyner Hipster-Milieu" - was ein Euphemismus! Für den einen bedeutet "ich bin ja so crazy" wohl mehr als "eigentlich gehst du nur total auf den Keks". Gerade in den ersten drei Folgen sind diverse Charaktere schon sehr nervtötend! Das "grandios schwarzhumorige" ist wohl auch ziemlich an mir vorbei gegangen - Herzhaft lachen konnte ich weniger, mitfühlen mit den vielen Haupt- und Nebencharakteren auch nicht wirklich, dafür gingen sie mir zu sehr am Allerwertesten vorbei. Von mir wohlwollende 3/5 Sternen für die (abgeschlossene?) erste Staffel.Aymalin schrieb am 16.07.2019, 17.08 Uhr:
Ich habe nie verstanden, wieso die Protagonisten solcher Geschichten die Zeitschleifen als Fluch empfinden und mit aller Gewalt nach einer Möglichkeit suchen, diesen zu brechen. Niemand zwingt diese Trottel, ihren Tag mit geringen Abweichungen immer wieder gleich ablaufen zu lassen. Innerhalb der zeitlich bedingten Mobilitätsgrenzen kann man doch praktisch unendlich viele verschiedene Sachen machen und erleben. In Eigenzeit sollte es Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern, bevor einem vielleicht langweilig werden könnte und bis dahin hat mal viele Erlebnisse aus der Anfangsphase längst wieder vergessen.
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