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TV-Kritik/Review: "Mirella Schulze rettet die Welt": Misslungener Spagat zwischen Tragik und Komik
von Bernd Krannich(04.08.2021/ursprünglich erschienen am 08.04.2021)

Für die neue Comedyserie
Denn nach den ersten Episoden kristallisiert sich als Hauptkritikpunkt heraus, dass die Serie sich an einem Spagat zwischen der tragischen Situation der Protagonistin und eben einer Comedy für das Massenpublikum versucht - und scheitert. Mirella (Tilda Jenkins) ist zu Serienbeginn 13 Jahre alt und steht eigentlich am Ende eines Großprojekts: Als 10-Jährige hatte sie auf den Weg gebracht, für den Umweltschutz 10.000 Bäume in ihrer Heimatstadt zu pflanzen. In der Pilotfolge wird der Zuschauer dann gleichsam mitten reingeworfen in die Geschichte: Feierlich soll nach all der Anstrengung der finale Baum gepflanzt werden.
Für Mirella ist das aber alles andere als eine Feierstunde. Denn jedermann "hasst" sie - so zumindest Mirellas Erleben. Die liegt dabei nicht ganz falsch, wenn sie auch vielen Personen in ihrem Umfeld einfach "nur" ziemlich auf die Nerven geht, darunter ihren Eltern. Aber für den frischgebackenen Teenager ist der Unterschied nicht groß genug, um ihn verinnerlichen zu können. Mirellas Außenseiterrolle trägt zu ihrer Verzweiflung bei, die das Mädchen bereits durch seine Wahrnehmung der erdrückenden, globalen Umweltprobleme fühlt - kürzlich ist ihr aufgegangen, dass 10.000 Bäume in Deutschland vor diesem Hintergrund auch gar nichts bewirken. Es hat eine gewisse Tragik, wie gut Darstellerin Tilda Jenkins die innere Verzweiflung Mirellas mit ihrer Mimik in nahezu jeder Szene transportiert und dabei dafür sorgt, dass die Comedy um sie herum nicht abheben kann.

Umgeben ist Mirella von einem überbordenden Figurenensemble, das für eine massentaugliche Comedy aufgestellt wurde. Nur selten dürfen dessen Mitglieder - und dann vor allem die Personen aus Mirellas engstem Kreis - sich durch Charaktermomente aus der komödiantischen Zweidimensionalität erheben.
Am fernen Ende des Figurenensembles steht der Firmenverantwortliche Josten (Harald Schrott) vom größten örtlichen Arbeitgeber, der Chemiefirma Winterfeld. Nachdem man dort die Aktion mit den 10.000 Bäumen gesponsert hat, hofft man, dass jetzt aber mal gut ist
- allerdings hat für Mirella das Engagement gerade erst angefangen, wie die eigentliche Feierstunde verdeutlicht. Zwischen den Stühlen sitzt Mirellas Mutter Pia (Jördis Triebel), die direkt unter Josten arbeitet und von dem immer wieder ermahnt wird, die Tochter zurückzupfeifen, die in der PR deutlich erfolgreicher ist als die große Firma. Wobei die Mutter langsam beginnt, die Perspektive der Tochter zu verstehen.

Da die bodenständige Pia mit ihren Kindern nicht so gut kann
, übernimmt Vater Mike (Moritz Führmann) - von Beruf Lastwagenfahrer - den Großteil der Kommunikation mit Mirella, aber auch dem planlosen Ältesten Mats (Maximilian Ehrenreich). Mit ihrem oberflächlichen Mittelkind Maya (Ella Lee) können beide Eltern kaum reden. Womit auch das engere Umfeld von Mirella beleuchtet ist, in dem Comedy-Sprüche wie Das kannst du essen, das ist kein Fleisch - das ist Hack!
fallen.
In verschiedenen Graden zwischen Josten und Familie findet sich einerseits die Umwelt-AG. Hier ist Mirella nicht gut gelitten, weil eben sie zu Prominenz gekommen ist und daher alles nur nach ihrer Pfeife zu tanzen scheint. Auch Mirellas Gegensteuerung - etwa, als das auch in dieser Gruppe junge Mädchen die Mitstreiter bei der Baum-Zeremonie bewusst mit in den Vordergrund rückt - fruchten kaum: Als dann doch ein Foto "nur von Mirella" veröffentlicht wird, verstärkt das den Knatsch. Der Leiter der Umwelt-AG, Herr Marquardt (Rainer Reiners), erträumt sich als gescheiterter Umweltschützer aus den 80ern nun durch den Nachwuchs echten Ruhm - und reagiert bockig gut darauf, wenn ihm der verwehrt bleibt. Als Garnitur ist schließlich noch Rektorin Frau Bartels (Katrin Wichmann) an Bord, die "ihr" Geschwister-Scholl-Gymnasium am liebsten aus dem Umwelt-Quatsch
heraushalten will - selbst, wenn es Publicity gäbe.

Auf Comedy getrimmt wird die Serie mit witzigen Grafiken bei den Szenenwechseln sowie mit launigen Neuinterpretationen von bekannter Protestmusik - was gerade nach Szenen, die die Dramatik von Mirellas persönlicher Situation beleuchtet haben, häufig unpassend wirkt.
Selbst, wenn man "Mirella Schulze rettet die Welt" als Dramedy betrachten möchte, muss bemängelt werden, dass sich hier Tragik und Komödie einfach zu scharf trennen, um als unterhaltsame Mischung verdaut zu werden.
Letztendlich muss man nach dem Konsum der ersten Folgen von "Mirella Schulze rettet die Welt" die Frage War's lustig?
leider verneinen. Während die Nebenfiguren von Drehbuch und Darstellung her ihren Job gut machen und die Serie in den einzelnen Folgen durchaus die Hypothek auslöst, die man sich durch die Thunberg-Anleihe aufgebürdet hatte - das Umweltbewusstsein der Zuschauer zu stärken -, sorgt am Ende die tragische und überzeugend gespielte Protagonistin dafür, dass der Ernst den Zuschauer am Boden hält. Persönlich kann ich zumindest nicht Mirella zuschauen, die sich von Familie, Mitschülern und ihrer Umgebung gehasst fühlt - auf Bullying und Todeswünsche durch ausgebremste Mitschüler sind wir noch nicht einmal zu sprechen gekommen -, und kurz danach laut lachen.
Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten drei Episoden der Serie "Mirella Schulze rettet die Welt".
Die achtteilige Auftaktstaffel zu "Mirella Schulze rettet die Welt" wurde am 8. April 2021 bei TVNOW veröffentlicht. VOX zeigt alle Episoden am Stück am 4. August ab 20.15 Uhr.
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