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TV-Kritik/Review: Hatufim - In der Hand des Feindes
(08.05.2013)

Den Titel
"Homeland"-Fans wissen, dass man nach den traumatischen Erlebnissen, die die Soldaten "in der Hand des Feindes" durchlitten haben, nicht einfach sein altes bürgerliches Leben wieder aufnehmen kann. Zu oft brechen psychische Wunden in den Köpfen Nimrods und Uris wieder auf. Auch deren Frauen sind längst zu Fremden geworden, haben in den langen Jahren der Abwesenheit der Männer ihre eigenen Leben in gänzlich andere Richtungen gelenkt. Wo in der US-Adaption Nicholas Brody das alles alleine am eigenen Leib erfahren muss, sind die Konfliktstoffe hier auf die beiden überlebenden Kameraden aufgeteilt. Nimrod ist dabei der Vater, den seine große Tochter Dana kaum kennt und der jüngere Sohn Chatzav gar nicht, da er erst nach seiner Entführung geboren wurde. Inzwischen ist Dana 19 und selbst bei der Armee, führt ansonsten aber ein wildes und unangepasstes Leben. Der Vater passt da nur schwer hinein. Chatzav weiß ebenfalls nicht, wie er auf den ihm fremden Mann reagieren soll, der da plötzlich mit am Frühstückstisch sitzt. Auch muss Nimrod lernen, dass seine Gattin Talia (Yaël Abecassis), auf sich allein gestellt, sich emanzipiert hat und eine starke Kämpferin für die Befreiung der Kriegsgefangenen geworden ist.
Uri hat es gewissermaßen noch härter getroffen, denn seine Verlobte Nurit (Mili Avital) hat sich nach ihrer Trauerphase in seinen Bruder verliebt und inzwischen längst mit diesem eine Familie gegründet - was sie Uri auf Anraten des Militärs zunächst verschweigt. Aber Nurit entdeckt mit der Zeit auch, dass sie durchaus noch Gefühle für Uri hat. Und dann ist da noch Yael (Adi Ezroni), die Schwester des dritten, toten Gefangenen. Sie erleidet durch das Aufreißen ihrer schon verschüttet geglaubten Wunden einen nervlichen Zusammenbruch, sieht den Bruder Amiel (Asi Cohen) fortan ständig vor sich wie Gaius Baltar in

Uri und Nimrod werden unterdessen zunächst von der Armee schnell wieder ihren Familien entrissen und zum Verhör in ein Reha-Zentrum gebracht. Ähnlich wie Carrie Mathison in "Homeland" schöpft der leitende Militärpsychiater Verdacht, die Soldaten könnten in Gefangenschaft etwas getan haben, dass sie zu einem Risiko macht. Der Zuschauer kann aus Rückblenden schnell schließen, dass dieses unaussprechliche Erlebnis etwas mit dem Tod ihres Kameraden Amiel zu tun hat.
In "Hatufim" sind also fast alle Motive schon versammelt, die "Homeland"-Fans kennen, aber anders angeordnet und auf mehrere Figuren verteilt. Dabei steht hier die (Un-)Möglichkeit der privaten (und gesellschaftlichen) Wiedereingliederung der Zurückgekehrten klar im Vordergrund. Die Frage, ob die gefeierten Helden selbst zu Verbrechern geworden sind, bildet eher den Hintergrund, obwohl die sich damit beschäftigenden Szenen natürlich erheblich zum Spannungsaufbau beitragen. Vom Erzähltempo ist die Serie nicht weit von "Homeland" oder auch den meisten großen HBO- und AMC-Serien entfernt: Es ist sehr langsam, wird nur gelegentlich durch schockierende Folter-Flashbacks der Soldaten aufgebrochen. Dabei gehen die Israelis in der Darstellung der Gewalt, die den Gefangenen angetan wurde, weit drastischer vor als die Amerikaner. Da werden auch mal Stromstöße an Hoden angedeutet und ein Gefolterter mit dem Gesicht ins eigene Erbrochene gedrückt.
Das Produktionsniveau der Serie braucht sich nicht hinter dem amerikanischer Formate zu verstecken. Die Inszenierung - die Autor Gideon Raff selbst übernommen hat -, Kamera und die anderen technischen Aspekte bewegen sich auf internationalem Niveau, warten auch schon mal mit reizvollen Farbfiltern oder Überblendungen auf. Zudem ist es ebenso ungewohnt wie faszinierend, wenn Passagen von eingängig klingenden Popsongs untermalt werden, die aber auf Hebräisch gesungen sind. Was leider fehlt, sind Darsteller vom Format einer Claire Danes oder eines Damian Lewis. Die "Hatufim"-Besetzung liefert eher solides Handwerk als große Schauspielkunst. Das schadet aber nicht dem positiven Gesamteindruck, den die erste Staffelhälfte hinterlässt. Da man im Vorhinein denken könnte, das Thema Kriegsgefangenschaft sei spezifisch israelisch, gehört der Umgang damit doch seit Staatsgründung zu seinem Alltag, erstaunt die Universalität der Handlung. Sie wirft Fragen auf, die heute letztlich alle westlich orientierten Gesellschaften betreffen, die mehr oder weniger stark in den - tatsächlichen oder vorgeblichen - 'Krieg gegen den Terror' involviert sind.
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Marcus Kirzynowski
© Alle Bilder: arte France/Yanay Yechiel
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