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TV-Kritik/Review: "Memory of a Killer": Lohnt sich die neue Serie von "Grey's Anatomy"-Star Patrick Dempsey?
von Bernd Krannich(20.03.2026)

In der aktuellen US-Serie
"Memory of a Killer" liefert eine durchaus spannende Geschichte, in der viele Charaktere aus dem einen oder dem anderen Umfeld von Angelo jeweils miteinander interagieren, so dass sich an diversen Stellen für die Zuschauer die spannende Frage stellt, wie das gewachsen sein mag und wer mit wem welche Geheimnisse geteilt hat. Dazu kommt, dass Angelo aktuell vermehrt Gedächtnisaussetzer hat und somit selbst nicht mehr mit hundertprozentiger Sicherheit weiß, ob er vielleicht einen Fehler gemacht hat, der nun Verfolger auf seine Fährte beziehungsweise die Fährte seiner Familie gebracht hat.
Schwierig gestaltet sich die Frage nach der Sympathie, die man für den Protagonisten entwickeln soll. Die Zuschauer erleben Angelo als Antihelden, der einerseits ein sehr fürsorglicher Vater und Bruder ist. Andererseits ist er ein kaltblütiger Mörder, der über die ersten fünf Folgen gegenüber niemandem Gnade walten lässt, mehrfach neben seiner Zielperson auch deren Wachpersonal liquidiert - egal ob Bodyguards oder aufpassende Ordnungshüter. Dempseys cool-kühles Auftreten wird erst in der fünften Folge etwas aufgebrochen: Sie zeigt ihn einerseits bei einem wahrlich unverzeihlichen Verbrechen, liefert andererseits aber auch einen Fingerzeig dafür, welche Lebenserfahrung ihn auf den Pfad zum gnadenlosen Killer gebracht hat. Zumindest für seine Familie tut Angelo alles.
Und nie sollen die beiden sich treffen...

Das eine "Leben" von Angelo ist ein bürgerliches in der (fiktiven) Kleinstadt Hudson Springs. 20 Jahre war er mit seiner Frau Leah (in Rückblenden Bahar Soomekh) verheiratet, bevor diese von einem besoffenen Taugenichts namens Earl Hancock zu Tode gefahren wurde - dass gerade dieser jetzt vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, schafft einen wichtigen Verdächtigen für den Mordanschlag auf Angelos erwachsene Tochter, die rehäugige Maria (Odeya Rush). Die war damals Zeugin und hatte gegen den Todesfahrer ausgesagt, der im Gericht Rache schwor. Maria arbeitet als Lehrerin in ihrer Geburtsstadt, ist mit dem Entwickler Jeff (Daniel David Stewart) verheiratet und erwartet den ersten Nachwuchs. Wie bei vielen Vätern ist Jeff als Musterbeispiel der Gen Z für Angelo nicht gerade der Traum-Ehemann der Tochter - während Jeff als Entwickler nach knappen Fördergeldern suchen muss, erwartet Angelo von seinem Schwiegersohn, dass er seine Familie ernährt. Mit im Mix in Hudson Springs ist Marias Jugendfreund Dave (Peter Gadiot), der mittlerweile Detective bei der örtlichen Polizei ist und spätestens seit dem tödlichen Unfall von Angelos Ehefrau auch dem Vater nahesteht. Beruflich ist Angelo hier in der Kleinstadt als Kopierer-Verkäufer bekannt - dessen Arbeitskollegen niemand je gesehen hat.
Das andere Leben von Angelo findet in seiner ursprünglichen Heimatstadt New York statt. Hier hat Angelo sich vor Jahrzehnten der verbrecherischen Organisation seines Jugendfreundes Dutch (Michael Imperioli) angeschlossen - die in der ersten Staffelhälfte nebulös bleibt, aber weitreichend zu sein scheint. Auf jeden Fall umfasst sie mehrere Verwandte von Dutch. Darunter findet sich sein Neffe Joe, der Angelo bei seinen Aufträgen mit Vor- und Hilfsarbeiten unterstützt, bisher aber nicht den Abzug betätigt. Dessen Darsteller Richard Harmon (
Wie gesagt hat Angelo seine beiden Welten säuberlich getrennt: In einer alten, in einer Seitenstraße abgelegenen Autowerkstatt zwischen New York City und Hudson Springs macht er stets Halt, wechselt zwischen dem moderaten, benzinsparenden Auto eines Vertreters und seinem stylischen schwarzen Porsche, zwischen bescheidener Kleidung und teurem Maßanzug sowie zwischen seinem Ehering und einer Sonnenbrille.
Das Unglück nimmt seinen Lauf
Als Angelo sich im Serienauftakt in New York von einem Fahrzeug verfolgt fühlt und das später in Hudson Springs wiederzusehen glaubt, schlagen bei ihm alle Alarmglocken an. Angelo fragt sich, wer die Trennung zwischen seinen beiden Welten durchbrochen haben könnte - und trifft eine impulsive, kompromislose Entscheidung, mit der er einer ausdrücklichen Anordnung von Dutch zuwiderhandelt. Den Zuschauern wird hier aber auch zum ersten Mal die Möglichkeit vorgestellt, dass Angelo in seiner beginnenden Demenz einfach etwas durcheinandergebracht hat und die falschen Schlüsse gezogen hat.
So lange zumindest bis bei einem Treffen von Angelo, seiner Tochter und ihrem Ehemann in einem Café plötzlich ein roter Laserpointer über Marias Körper wandert - und Angelo seine Tochter gerade noch rechtzeitig aus dem Schussfeld bringen kann, bevor ein Schuss fällt, der seine Tochter töten sollte.

Maria ist nach dem Anschlag in Sicherheit - ihr Baby auch - aber nun ist klar, dass wirklich jemand es auf Angelo abgesehen hat. Ein erster Verdacht fällt natürlich auf den Todesfahrer Earl Hancock, der aber ein Alibi hat. Es kann also nur jemand aus Angelos "anderem Leben" sein. Angelo macht sich - "bewaffnet" mit einer der abgeschossenen Patronen - in der kriminellen Unterwelt auf die Suche nach dem Täter.
Der Anschlag auf Maria hat die smarte FBI-Agentin Linda Grant (Gina Torres) auf den Plan gerufen, da die Tatwaffe laut Untersuchung der gefundenen Patronen auch in einem anderen Bundesstaat verwendet worden war. Ihr kommt Angelo verdächtig vor - Grant macht sich in Hudson Springs breit und geht mit ihren an Columbo erinnernden Befragungsmethoden dabei Angelo gehörig auf die Nerven. Auch Maria erfährt bald, dass eben ein Fremder es auf sie abgesehen hatte, und fühlt sich als "wandelnde Zielscheibe" - sie wird aktiv und bringt ihren Ex Dave dazu, ihr Schusswaffenunterricht zu geben. Zwischen ihr und ihrem Mann Jeff kriselt es zudem, weil die beiden auf die Bedrohung sehr unterschiedlich reagieren: Jeff würde sogar kurzentschlossen wegziehen, um wieder ein Gefühl von Sicherheit zu erlangen, während Maria der Sinn eher nach Selbstverteidigung steht.
Während Angelo in der Folge seinen Spuren nachgeht, kommt es durch seine Alleingänge zu "Terminkonflikten" mit seinen Aufträgen für Dutch. Der Killer muss zwischen diesem und seinem Helfer Joe Loyalitäten austesten. Daneben muss Angelo immer fürchten, dass die neue Situation Dutch auf sein zweites Leben in Hudson Springs aufmerksam macht und sein Auftraggeber Angelos jahrelangen Lügen blutig vergilt - wie es eben Dutchs Art ist. Und schließlich hatte Angelo bei Nachforschungen aus strategischen Gründen mit der Nachtclub-Managerin Nicky (Michaela McManus) angebandelt, die ebenfalls Verbindungen in die Unterwelt hat und zu einer undurchschaubaren Größe wird; sie hat schnell erkannt, dass Angelo von ihr Informationen über einen Mafioso abgezapft hat, der kurz darauf ermordet wurde. Und, wie schon angesprochen, Angelos geistige Aussetzer führen dazu, dass er mit im falschen Moment oder der falschen Person gegenüber getätigten, eigentlich harmlosen Aussagen Verdächtigungen schürt - vor allem bei seiner Tochter, die bald bei gleich zwei Mordfällen eigenartige Verbindungen zu ihrem Vater erkennt.
Gefällig anzuschauen
In Sachen Inszenierung kann "Memory of a Killer" mit einigen Schauwerten aufwarten. Die Landschaft von Hudson Springs wird in weit geschossenen Außenaufnahmen als malerisch gezeigt, auch die Straßenschluchten der Außenbezirke von New York City können ihre Wirkung entfalten: Häufiger liegt Angelo hier auf der Lauer und muss dabei außer Sicht seiner Zielperson bleiben.
Die Actionszenen mit kleineren Gruppenkämpfen oder im Kampf Mann gegen Mann sind gefällig umgesetzt. Und wenn Angelo im Porsche als Killer unterwegs ist, gibt es energetischen Rock wie "Joker and the Thief" von Wolfmother oder "Take Me Out" von Franz Ferdinand.

Einzig in Sachen innerer Logik macht es die Serie Angelo bisweilen zu einfach: Da liegt er in einer Restaurant-Toilette in einem Hinterhalt - und nur seine "Opfer" tauchen auf, sonst niemand. An anderer Stelle überfällt Angelo jemanden am helllichten Tag und packt ihn anschließend in seinen Kofferraum - ohne dass jemand aufmerksam wird.
Insgesamt bietet "Memory of a Killer" eine spannende, abwechslungsreiche Geschichte, die diverse interessante Figuren beleuchtet und auch in ihrer Inszenierung zu unterhalten weiß. Der schwierigste Aspekt ist die Funktion von Angelo als Antiheld, der kompromisslos über Leichen geht. Bis zur Mitte der Staffel geht das so weit, dass ihn kaum etwas von seinem Boss Dutch unterscheidet, der nur noch eine Spur menschenfeindlicher als Angelo ist. Dazu kommt, dass Angelo gewohnheitsmäßig auch die Menschen belügt und betrügt, die ihm nahestehen - was etwa in einem Rückblick zur Staffelmitte thematisiert wird: Sein Bruder und seine Frau haben keine Ahnung von der Existenz des jeweils anderen. Bleibt zu hoffen, dass die Ehre des Protagonisten in der zweiten Staffelhälfte noch einmal etwas zurechtgerückt wird. Aufhänger könnte sein, dass Angelo mit einem älteren Auftrag hadert, bei dem Dutch ihn durch eine Lüge dazu gebracht hatte, einen wohl harmlosen Wissenschaftler zu liquidieren - der als Kronzeuge in einem Umweltskandal auftreten wollte.
Die zehnteilige Auftaktstaffel der Serie "Memory of a Killer" wird aktuell noch in den USA bei FOX ausgestrahlt. Seit dieser Woche veröffentlicht RTL+ zunächst die erste Staffelhälfte mit wöchentlichen Episoden immer donnerstags.
"Memory of a Killer" basiert auf dem prämierten belgischen Film
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