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TV-Kritik/Review: "Neagley": Frau fürs Grobe mit Berührungsangst
von Gian-Philip Andreas(16.09.2026)

Die Staffelübergabe ist klug gewählt: Am Tag, an dem die letzte Episode der aktuellen Staffel von
Kann das überhaupt funktionieren: eine Serie aus dem "Reacher"-Universum - nur eben (fast) ohne Reacher? Das war die im Vorfeld dieser Spin-off-Serie vielgestellte Frage. Tatsächlich hing das Gelingen von "Reacher" ja wesentlich am eckigen Charme ihres Hauptdarstellers: Alan Ritchson vermochte es im Verlauf der Staffeln immer besser, die stiernackige Hünenhaftigkeit der von Krimi-Kultautor Lee Child erfundenen Reacher-Figur mit dezenter Ironie zu unterlaufen. Den Schiffsschaukelbremser-Charme dieses wortkargen Armee-Veteranen macht er so auch für jene erträglich, die mit der pulp fiction dieser actiongespickten Kolportage-Thriller nicht allzu viel am Hut hatten.
Nun aber muss Maria Sten die Sache alleine stemmen. Sie spielt Frances Neagley, die mit Reacher einst gemeinsam in der 110th Special Investigations Unit als Militärpolizistin unterwegs war. Neben Reacher selbst ist sie die einzige Figur, die in "Reacher" regelmäßig zu sehen ist - und in Maria Stens Interpretation ist sie dabei immer angemessen badass. Neagley ist damit auch die einzige Person, auf die sich der unstet von Ort zu Ort reisende Reacher dauerhaft verlassen kann, getragen von einer fast geschwisterlichen Freundschaft, angenehm frei von romantischen Untertönen.
Verdächtigerweise ist Neagley nun ausgerechnet in der derzeit laufenden vierten Staffel von "Reacher" bislang nicht aufgetaucht - ein Novum in der Serie. Während dieser Text entsteht, ist die letzte Episode der Staffel allerdings noch nicht veröffentlicht worden; verwundern würde es nicht, wenn Neagley im Finale doch noch ihre Aufwartung machen würde. Sie würde sich dann sozusagen selbst den Staffelstab in die Hand drücken, um danach direkt mit ihrer eigenen Show weiterzumachen.

In "Neagley" wiederum steht am Anfang gleich eine Sequenz, in der auch Jack Reacher mitmischt. Das Kidnapping eines jungen Mädchens, das mit dem Rest der Staffel nichts zu tun hat, wird von Neagley und Reacher in bewährtem Teamwork vereitelt. Es gibt das übliche Gefrotzel, danach den gemeinsamen Besuch eines Baseballspiels - dann ist Reacher aber schnell wieder weg. Bis zur achten Episode, in der er für einen (emotional verblüffend wirksamen) Besuch ein weiteres Mal vorbeischaut, ist "Neagley" komplett Reacher-frei. Das ist unerlässlich, um Marie Sten auf der ihr zur Verfügung gestellten Solo-Bühne nicht gleich wieder an den Rand zu drängen - man sollte sich dessen aber bewusst sein, sofern man sich hier so etwas wie eine "Reacher"-Variante erhoffte.
Die Serie spielt in (und um) Chicago, wo Neagley als Privatdetektivin tätig ist. Als Angestellte einer Detektei widersetzt sie sich den Regeln, was ihr nicht nur Ärger mit dem Chef und ihren Kunden, sondern auch mit der Polizei einhandelt, deren Ermittlungserfolgen sie regelmäßig zuvorkommt. Der Fall, mit dem sie es in dieser Staffel zu tun bekommt, ist, wie es in Krimiserien längst allzu üblich ist, ein persönlicher: Ein alter Schulfreund kam auf auffällige Weise ums Leben. Nackt war er, auf den Gleisen wandelnd, schnurstracks in eine auf ihn zurasende S-Bahn gelaufen. Suizid? Ein Drogentrip? Neagley geht der Sache auf den Grund.
Für das, was nun kommt, bedient sich "Reacher"-Showrunner Nick Santora, der das Spin-off zusammen mit dem Krimi-erfahrenen Nicholas Wootton (Emmy für
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Der Plot selbst entpuppt sich leider als nicht allzu einfallsreich. Hier zeigt sich am ehesten, dass sich "Neagley" nicht, wie die Mutterserie, auf einen vorhandenen Lee-Child-Roman stützen kann. Stattdessen haben sich Santora und Wootton die Handlung selbst aus den Rippen leiern müssen - Grundlage war hier lediglich die Figur Neagley selbst, und zwar so, wie sie Maria Sten in der "Reacher"-Serie interpretierte.
Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen, doch das, was dabei herumgekommen ist, ist so originell nicht. Da geht es einerseits um eine Bauernhof-Sekte in Lee County. Den Sektenführer Lawrence Cole spielt Damon Herriman - mit Retro-Brille und irrem Grundgestus - so, als habe er seine Darstellung des Charles Manson (den er sowohl in Quentin Tarantinos
Einen weiteren Bösewicht gibt es auch noch. Der Pharma-Unternehmer Pierce Woodrow (Matthew Del Negro aus
Dessen ungeachtet ist "Neagley" keineswegs langweilig oder spannungslos geraten. Im Gegenteil, man bleibt gut dran. Um den jungen Keno etwa, der für Neagley undercover die Sekte infiltrieren soll, darf man einige Male sehr verstärkt bangen. Pro Episode wird zudem mindestens eine kompetent inszenierte Actionsequenz serviert (Verfolgungsjagden über die Dächer Chicagos, ausgewachsene Ballereien, hemmungslose Prügeleien), die es in puncto Unwahrscheinlichkeiten - wie viele Anschläge kann jemand überleben? - absolut mit "Reacher" aufnehmen können. Und dazwischen säbelt sich auch schon mal jemand das eigene Geschlechtsteil ab. Seien wir ehrlich: Für derlei übertriebenen Kirmes-Krimi-Kram schauen wir uns solche Serien doch an.
Darstellerisch ist das Ganze neben Neagley selbst vor allem in der zweiten Reihe überzeugend, u.a. mit Rebecca Liddiard (

Weniger überzeugend geriet dagegen die Psychologisierung der Hauptfigur, die sich ihrer (aus "Reacher" bekannten) Berührungsangst widmet: Warum will Neagley sich von niemandem berühren, also: anfassen lassen? Dazu geht die Serie analytisch in ihre Kindheit zurück und damit auch ins Leben ihres Polizisten-Vaters, der in der Jetztzeit der Serie als freundlicher alter Mann im Sterben liegt - doch ein dunkles Geheimnis birgt, das seiner fälligen Enthüllung harrt. Genau wie der Hauptplot fällt diese Enthüllung allerdings nicht sonderlich außergewöhnlich aus, weshalb sich umso mehr die Frage stellt, welchen Mehrwert dieser Traumabewältigungsnebenstrang am Ende hat. Für den "Reacher" der Romane und der Serie hat sich die relative Vergangenheitslosigkeit nämlich immer als Vorteil erwiesen: Der Typ, der mit Hirn und Muskeln all diese brutalen Verbrechen löst, bleibt zu einem gewissen Grad ein unbeschriebenes Blatt.
In "Neagley" wird das Blatt dagegen eifrig beschrieben - und nicht nur das eigene. Auch Detective Riley darf nicht einfach ein Cop sein. Er ist ein Cop, der aus einer Familie von Kriminellen stammt, sich gleichzeitig von ihr lösen will und doch nicht von ihr loskommt. Das führt zu Szenen, die der Handlung wenig Substanzielles hinzufügen und ihr eher im Weg stehen. Es ist nun mal ein Actionkrimi, kein Charakterdrama.
Zum Glück aber folgt verlässlich schnell wieder eine jener Szenen, in denen Maria Sten einfach das machen darf, wofür sie gebucht wurde: zünftig und zielgerichtet zu Werke zu gehen. Vielleicht ist es also gut, dass das private Trauma nun abgeräumt ist. In einer möglichen zweiten Staffel - mit einem idealerweise inspirierter konstruierten Fall und etwas größerer Lockerheit im Zugang - kann sich "Neagley" dann ganz aufs Wesentliche besinnen.
Die achtteilige Auftaktstaaffel von "Neagley" wurde bei Prime Video am 16. September komplett veröffentlicht.
Über den Autor
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Leserkommentare
User 1810564 schrieb am 16.09.2026, 12.48 Uhr:
Staffel 4 von Reacher ist für mich persönlich die schwächste der 4 Staffeln gewesen, sie werde ich mir kein zweites Mal ansehen. Jemand wie Oscar Finlay, für mich persönlich der beste Nebendarstellercharakter, fehlte mir. Jacob Merrick konnte diese Lücke meiner Meinung nach nicht schließen. Dass Neagley komplett veröffentlicht wird, das ist schon einmal positiv. So kann ich mir am Sonntag die komplette Staffel in einem Rutsch ansehen. Auch wenn die Kritiken eher ausgeglichen sind, freue ich mich auf die Serie. Meckern kann ich nachher immer noch.Vritra schrieb am 17.09.2026, 13.10 Uhr:
Neagleys Figur fand ich immer ein wenig wie der heimliche Star der Serie. So hat Sten Ritchson so manche Szene "geklaut", was wohl auch der gute Grund für eine eigene Serie war.Wir haben "Reacher" gestern zu Ende gesehen und machen heute direkt mit "Neagley" weiter.S4 von Reacher fand ich etwas zu routiniert abgespult und der "Bosskampf" am Ende war mir dann doch zu sehr wie aus einem schlechten Zombiefilm. Ich will nicht spoilern, wer's schon gesehen hat, wird wissen, was ich damit meine. Außerdem muss ich Figuren wie Kevin Weismans vertrottelten Journalisten in einem Action-Krimi nun wirklich nicht haben. Was Autoren und Regie da geritten hatte, will ich wohl eher nicht wissen, aber hoffentlich merken sie, dass das nicht funktioniert hat.Neben S4 fand ich aber auch schon S3 schwächer als die ersten beiden. Hier lagen die Gründe aber eher in der teilweise etwas langweilig erzählten Geschichte.
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