Das Film- und Fernsehserien-Infoportal

Log-In für "Meine Wunschliste"

Passwort vergessen

  • Bitte trage Deine E-Mail-Adresse ein, damit wir Dir ein neues Passwort zuschicken können:
  • Log-In | Neu registrieren

Registrierung zur E-Mail-Benachrichtigung

  • Anmeldung zur kostenlosen TV-Termin-Benachrichtigung für

  • E-Mail-Adresse
  • Für eine vollständige und rechtzeitige Benachrichtigung übernehmen wir keine Garantie.
  • Fragen & Antworten

TV-Kritik/Review: "On Becoming A God In Central Florida": Kirsten Dunst brilliert in Florida-Noir-Serie

Schneebälle und schwarzer Humor im Sunshine State
"On Becoming A God In Central Florida": Krystal Stubbs (Kirsten Dunst) zwischen Mindestlohnjob im Wasserpark, Pelikan-Plage und dem Traum von einer besseren Zukunft
Bild: Showtime
TV-Kritik/Review: "On Becoming A God In Central Florida": Kirsten Dunst brilliert in Florida-Noir-Serie/Bild: Showtime

Unter gleißender Sonne, vor tropischer Vegetation zeichnet sich das Unglück besonders scharf ab. Und in Florida, dem ewigen Sunshine State, wirkt es beinahe surreal. Gleich mehrere preisgekrönte Film- und Serienprojekte haben in letzter Zeit versucht, sich diesen Kontrast zunutze zu machen und eigene, weniger glamouröse Bilder gegen das typische Florida-Bild zu setzen, das in der Popkultur etwa durch die Eighties-Krimiserie "Miami Vice" mit ihren T-Shirt-unterm-Sakko-Cops geprägt wurde. In "Homecoming" etwa arbeitete Julia Roberts unter besonders wolkenverhangenem Himmel in einem floridianischen Hafen-Diner, in "American Crime Story" faszinierte Darren Criss als Miami-Beach-Boy mit psychopathischer Fixierung, und "The Florida Project" erzählte von prekären Armutsbiografien im Umfeld eines heruntergewirtschafteten Motels außerhalb der Grenzen von Disney World.

Genau dort, im zersiedelten Großraum von Orlando, Florida ist auch "On Becoming A God In Central Florida" angesiedelt, eine sozialkritisch grundierte satirische Komödie über enttäuschte Glücksversprechen und die Ausbeutungsstrategien des US-Kapitalismus in den frühen 90er Jahren. Ausgedacht haben sich das die beiden Newcomer Robert Funke und Matt Lutsky. Dass sie derzeit beim Pay-TV-Sender Showtime zu sehen ist, war eigentlich gar nicht der Plan. Ursprünglich hatten Funke und Lutsky die Serie erfolgreich der Konkurrenz von AMC angeboten, später war für eine Weile YouTube Premium angedacht, ehe Showtime anbiss; der griechische Star-Regisseur Yorgos Lanthimos sprang unterdessen als Produzent und Regisseur ab, treu an Bord blieben als Executive Producers dagegen George Clooney und die vor allem für Kinofilme bekannte Hauptdarstellerin Kirsten Dunst ("Spider-Man").

Wie so viele Dienstleistungsbeschäftigte der Region ist Krystal Stubbs (Dunst) an den Rändern der Entertainment-Industrie tätig: Sie ist eine Art Mädchen für alles im Wildwasser-Vergnügungspark "Rebel Rapids", schuftet sich den Buckel krumm und muss nebenher noch ihre neugeborene Tochter Destinee hüten. Kirsten Dunst spielt diese prekäre Mittdreißigerin aufregend gut und erfreulich fern von jeder Karikatur - obgleich die Unterschichtsinsignien erkennbar sind: die Haare immer entweder etwas zu strähnig, die Schminke zu auffällig, die Klamotten selbst für 1992 (das Jahr, in dem die Handlung angesiedelt ist) etwas zu trashig, dazu noch eine Zahnspange. Krystal war mal eine lokale Beauty Queen, jetzt hadert sie mit den Zumutungen ihrer Servicekraft-Existenz. Ihrem Mann Travis ("True Blood"-Star Alexander Skarsgård mit Vokuhila-Frisur und Gewerkschafterbart) geht es ähnlich: Er hatte mal das Zeug dazu, den Durchbruch als Footballer zu schaffen, mittlerweile arbeitet Travis als Versicherungsvertreter im Großraumbüro - und ist, als sich ein vermeintlicher Ausweg anbietet, nur allzu bereit, auf dem falschen Dampfer einzuchecken.
Für Krystal Stubbs (Kirsten Dunst) bedeutet die Arbeit im Wasserpark mal Posieren als Ex-Schönheitskönigin, mal das Entfernen von hinterlassenen Fäkalien übermütiger Jugendlicher...

Es stimmt: Vieles an dieser Grundkonstellation erinnert an die Kleine-Leute-Aufstellungen, aus denen zum Beispiel "Fargo" den Stoff für seine ausufernden Ausweglosigkeitsmoritaten gewann, und die Figur der Krystal Stubbs lässt eingangs durchaus an Peggy Blumqvist denken, jene zwangsoptimistische Friseurin aus der zweiten "Fargo"-Staffel, für deren Darstellung Dunst 2015 eine Golden-Globe-Nominierung erhielt. Auch geht der böse, schwarze Humor hier bisweilen in eine ähnliche Richtung. Dennoch machen Funke und Lutsky etwas Eigenes daraus - was nicht nur am pastelligen Schauplatz Florida liegt, der den frostigen Landschaften in Minnesota kaum entgegengesetzter sein könnte: Das Genre des Tropical Noir hat mit dieser Serie jedenfalls eine würdige Vorzeigevertreterin gefunden.
Krystal (Kirsten Dunst) inmitten einer Lieferung für ihre downline.

Der erwähnte vermeintliche Ausweg, der sich Krystal und Trevor bietet, wird bereits in der Pilotfolge gründlich dekonstruiert. Sie beginnt mit einer vertrauenerweckenden, sonoren Stimme, die auf Motivations-Kassetten zu hören ist. Sie gehört Ted Levine ("Monk", "The Bridge - America"), der hier als grau melierter Schnauzbartträger einen Sektenführer spielt. Als solchen darf man Obie Garbeau II getrost bezeichnen, auch wenn er das abstreiten würde. Garbeau ist der Gründer und Chef von FAM (Founders American Merchandise), einem sogenannten pyramid scheme, einem Geschäftsmodell also, das wie ein Schneeballsystem funktioniert und nur dadurch am Leben bleibt, dass eine stetig wachsende Anzahl neuer Teilnehmer als selbstständige Sub- und Sub-Sub-Unternehmer mitmachen. Sie alle tragen ihr eigenes Risiko, sind ihren Anwerbern (uplines) untergeben, gleichzeitig aber jenen Neulingen, die sie wiederum anwerben, selbst vorgesetzt. Ein diffuses Reichtumsversprechen, Gehirnwäschemethoden und die kultische Selbstinszenierung der Pyramidenspitze Garneau hält sie an Bord. Derlei Schneeballsysteme (bei denen es fast austauschbar ist, welche Art von Haushaltsprodukten dabei eigentlich verkauft werden) sind oft illegal; die in "On Becoming A God In Central Florida" präsentierte Variante erinnert an das immer wieder dubioser Machenschaften verdächtigte Netzwerk-Marketing-Unternehmen Amway.
Cody (Théodore Pellerin) ist einerseits der strenge "Boss" von Krystal bei FAM, andererseits darauf angewiesen, dass sie neue Abnehmer anwirbt. Bei einer Veranstaltung versucht er potentielle Neueinsteiger davon zu überzeugen, dass sie es schaffen können, reich zu werden.

Trevor Stubbs jedenfalls ist von Garbeaus Stimme fasziniert - und von seinen Selbstermächtigungsparolen: "Glück ist nichts, was geschieht. Glück ist etwas, das man geschehen macht!" Im Laufe der Pilotfolge verstrickt sich Trevor im System, verschuldet sich immer höher, verpfändet das Haus, ohne seine Frau zu informieren, schmeißt schließlich seinen Job und - nun ja, findet ein absurdes Ende, das so herrlich beknackt ist, dass man es nicht verraten sollte. Die neue Plot-Prämisse ist nun allerdings folgende: Krystal steht alleine da, mit dem Baby, mit den Schulden. Und als sie sich am Ende der zweiten Folge, betäubt mit Billigfusel, eigenhändig die Spange von den Zähnen kratzt, ist klar, dass sie vorhat, sich mit allen Mitteln aus ihrer Lage herauszumanövrieren und dort anzugreifen, wo sie die Wurzel des Übels vermutet: bei FAM. Und am besten, weiß sie, lässt sich die Firma/Sekte von innen heraus bekämpfen.
Ehemann Travis (Alexander Skarsgård; 2.v.r.) versucht gegen Krystals (Kirsten Dunst; r.) Willen, ihren netten Vorgesetzten im Wasserpark, Ernie (Mel Rodriguez; 2.v.l.), davon zu überzeugen, bei FAM einzusteigen.

Die von Charlie McDowell und Jeremy Podeswa mit prägnantem Timing und gutem Gespür für das trügerische Urlaubsflair ihres Schauplatzes inszenierten ersten Folgen machen aber klar, dass hier keine weitere Variante des "Breaking Bad"-Motivs ansteht - ist ihnen doch vor allem daran gelegen, mit teils an David Lynchs Werk erinnerndem Surrealismus den Kontrast von Abgrund und Oberfläche nachvollziehbar zu machen, in immer neuen, bitteren Vignetten: Wenn etwa Krystal bei der Bank auf die Trümmer ihrer Existenz aufmerksam gemacht wird und im nächsten Moment die Kollegen der Sachbearbeiterin hereinrauschen, um dieser ein Ständchen zu singen; oder wenn die lokale FAM-Matrone Carole (mit eisiger Südstaaten-Fröhlichkeit gespielt von Julie Benz aus "Dexter") ihre Untergebenen maßregelt und dabei symbolisch steht für eine Gesellschaft, die sich nur noch nach upline und downline sortiert. Da werden die Pyramidenstufen zur Metapher für die kapitalistische Gesellschaft mit ihren Gewinnern und Verlierern. Meistens braucht es nur subtile Anspielungen, die ausreichen, um unausgesprochene Hintergründe anzudeuten: "Ich werde nicht wieder arm sein", ermahnt Krystal ihren Mann, als der seinen Büro-Job aufgeben will, um sich voll auf FAM zu konzentrieren. Was sie durchgemacht hat, wird nicht gesagt, aber man kann es sich ausrechnen. Die prekären Figuren, die die Serie bevölkern, werden - elementar wichtig bei diesem Stoff - nie denunziert, selbst in den vielen absurden Sequenzen nicht, in denen prägnante Auf- oder Abtritte durch besonders luftige Popmusik der 80er Jahre kontrastiert werden. Da schwebt etwa Obie Garbeau II einmal zu T'Paus "Heart & Soul" per Helikopter vom Himmel, und Skarsgårds Trevor quittiert, in einen Frack gewandet, den Versicherungsdienst, um zu Baltimoras Italo-Pop-Hit "Tarzan Boy" von 1985 dem eigenen Verderben entgegenzutänzeln: Das ist sicher eine der (wahn-)witzigsten Szenen des Serienjahrs.
Zwischen White Trash und Mut der Verzweiflung: Nachdem Krystal das Auto verloren hat, greift sie notgedrungen zum Buggy.

Klar, dies ist zuallererst eine Kirsten-Dunst-Serie, doch auch der Rest des Ensembles ist brillant - etwa der immer sehenswerte Mel Rodriguez ("The Last Man on Earth") als Krystals gemütlicher Wasserpark-Kollege Ernie, der stets etwas zu offenkundig betont, wie zufrieden er sei mit seiner Frau Bets ("The Gossip"-Sängerin Beth Ditto in ihrer ersten Serienrolle) und dem bescheidenen Familienleben, bis er nachts wieder die "gloomy-zoomies" kriegt; oder Usman Ally ("Eine Reihe betrüblicher Ereignisse") als Krystals windiger Chef Stan. Besonders gut ist der 22-jährige Kanadier Théodore Pellerin (deutschen Zuschauern allenfalls durch eine Nebenrolle im Kinofilm "Der verlorene Sohn" bekannt) als Trevors upline Cody: eine ebenso verzweifelte wie übereifrige, dem "Garbeau-System" kultisch zugeneigte Gestalt, der Pellerin mit traurigem Clownsgesicht und schlaksigen Bewegungen eine Buster-Keaton-hafte Tragikomik verleiht. Neben Dunsts Krystal ist Cody die interessanteste Figur dieser Serie, die nach den ersten zwei der zehn Episoden definitiv das Zeug zu einer der stilbildenden Satiren unserer Zeit hat.


Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie "On Becoming A God In Central Florida".

Meine Wertung: 4.0/5

Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: Showtime


"On Becoming A God In Central Florida" wird aktuell in der zehnteiligen ersten Staffel von Showtime ausgestrahlt - eine zweite Staffel wurde bereits bestellt. Wo die von Sony Pictures TV hergestellte Serie in Deutschland laufen wird, ist noch nicht bekannt geworden.


Trailer zu "On Becoming A God In Central Florida"


 

Über den Autor

  • Gian-Philip Andreas
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

Beitrag melden

  •  

Leserkommentare