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Deutsches Fernsehen kapituliert erneut vor der Aufgabe, eine lustige Sitcom zu machen
"The Drag and Us" (v. l.): Frau Rödel (Katja Sieder), Cathérine (Ralph Kinkel), Franziska (Paula Paul), Freddy (Marwin Haas)
ZDF und Walter Wehner
TV-Kritik/Review: "The Drag and Us": Hat sich das niemand vorher angesehen?/ZDF und Walter Wehner

Als Cathérine, eine glamouröse, theatralische, aber warmherzige Dragqueen einzieht, [... ist es] ihr nicht nur ein Anliegen, Franzi zu erinnern, was es heißt Frau zu sein, sondern auch den Jungs beizubringen, wie man(n) eine Dame zu behandeln hat. So liest es sich in der Pressemitteilung des modernen Senders ZDFneo zu seiner neuesten Schöpfung  "The Drag and Us", einer Sitcom (mit Lachern!) über den Culture Clash einer "schrillen" Dragqueen mit einer "normalen" Familie. Konzept und Umsetzung wären durchaus nachvollziehbar, wenn wir nicht das Jahr 2021 schreiben würden, sondern, sagen wir, 1996. So kann man(n) sich aber nun nur die Augen reiben, wie es diese Produktion bis zur Veröffentlichung geschafft hat. Hat sie sich denn niemand vorher angesehen? For what it's worth, das wird wahrscheinlich auch nach der Veröffentlichung nicht geschehen.

Es erfordert einigen Mut und ist ein ambitioniertes Unterfangen, eine Serie zu produzieren, in der Themen der sexuellen Diversität behandelt werden. Negative Reaktionen aus Teilen der Zuschauerschaft sind vorprogrammiert, sowohl von denen, deren Lebensentwürfe so gar nicht mit den dargestellten Situationen in Einklang zu bringen sind, aber eben auch von denen, die augenscheinlich dargestellt werden sollen, sich aber nicht authentisch repräsentiert fühlen. Zudem muss der Spagat gefunden werden zwischen "Insiderwitzen" einerseits, die die dargestellten Gruppierungen ansprechen, und dem Erklären ebenjener Witze für das restliche Publikum, das natürlich auch einschalten soll, damit schlussendlich auch die Quote stimmt.

Zweifelsohne sind Geschichten aus diesem Bereich mit Fingerspitzengefühl zu behandeln, mehr vielleicht, als dies bei einer heteronormativen Produktion à la  "Rosamunde Pilcher" der Fall wäre. Die Fingerspitzen scheinen die Beteiligten von "The Drag and Us" aber sicherheitshalber lieber eingezogen zu haben, um sie vor dem Holzhammer in Sicherheit zu bringen. Der haut ordentlich drauf - dass es sich nicht um ein "ernstzunehmendes" Drama handelt, sondern "nur um eine lustige" Sitcom, macht das Ganze nicht weniger schlimm, im Gegenteil. Das Lachen würde einem im Halse stecken bleiben - wenn man denn lachen müsste:

"Du, 'ne Drag zu schlagen, ist das genauso schlimm wie 'ne Frau?" - "Noch viel schlimmer." - "Aah, sie ist ja 'ne - Minderheit". Die Lachplatte lacht.

Die Handlung beginnt in der Wohnung der alleinerziehenden Franziska (Paula Paul), der die beiden Söhne Nikki (Frederic Balonier) und Freddy (Marwin Haas) auf der Nase herumtanzen, jeder auf seine Weise. Nikki ist ein fauler Nichtsnutz, der von seiner "Mom" 300 Euro erschnorren will, um sich und seiner Freundin eine Wellnesswoche finanzieren zu können. Sein kleiner Bruder Freddy ist ein vorlauter Nerd mit Brille und hat seinen eigenen "Channel", den er vorwiegend mit heimlich gefilmten Geschehnissen aus der familiären Behausung bestückt.

Ungleiche Mitbewohner*innen: Cathérine (Ralph Kinkel), Franzi (Paula Paul)
Ungleiche Mitbewohner*innen: Cathérine (Ralph Kinkel), Franzi (Paula Paul) ZDF und Walter Wehner

Die erste Überraschung für mich war, dass auf einmal Robert Lohr im Geschehen auftaucht - ein etablierter Schauspieler aus angesehenen Produktionen wie  "Der letzte Bulle". Denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, versehentlich einen offenen Kanal eingeschaltet zu haben, auf dem ein mit Videokamera abgefilmtes Theaterstück gezeigt wird. Zugegeben, dieser Look erinnerte mich an die 2016 ausgestrahlte sehr sehenswerte Sitcom  "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" (welche tatsächlich auf einem Theaterstück basierte), aber da hören die Gemeinsamkeiten leider auf.

Lohr verkörpert Herrn Rödel, der Franzi empört zur Rede stellt, weil ihr Sohn Nikki angeblich etwas mit seiner Tochter Sandra hat. Franzi versucht, die Vorwürfe zu entkräften, und hier wird es zum ersten Mal richtig unangenehm: Sie gibt vor, ihr Sohn habe Burnout und würde daher eh sexuell nichts auf die Reihe kriegen, Herr Rödel brauche daher also keine Angst um die Unberührtheit seiner Tochter zu haben. Auch der jüngere Sohn Freddy muss dann mitlügen und ausführen, wie wenig sein älterer Bruder im Bett drauf hat.

In der Regel gehört es zum Wesen einer Sitcom, dass man als Zuschauender voller Schadenfreude miterlebt, wie sich die Charaktere immer weiter in eine unangenehme Situation verstricken und sich beim Versuch, da wieder herauszukommen, möglichst ungelenk anstellen. Vorliegend will man aber einfach nur aus seinem Cringe erlöst werden. Dies geschieht zum Glück rasch mit dem ersten Auftritt von Dragqueen Cathérine, bürgerlich Christian (Ralph Kinkel). Diese*r hat nämlich von Nikki dessen Zimmer vermietet bekommen, während letzterer für eine Woche verreist ist. Den Schlüssel hat Nikki bei Cathérines Ex Guido abgegeben. Ben Blascovic verkörpert diese schwule Rolle so, wie ich es mir vorstelle, wenn Schüler am ersten Tag der Schauspielschule die Anweisung Spiel doch mal einen Schwulen erhalten.

Cathérine poltert in Franzis Leben mit so viel Dramatik und Theatralik, dass man Darsteller Kinkel abnimmt, bisher eher auf der Bühne zu Hause gewesen zu sein als im Fernsehen. Kein Hallo, kein Ich habe bei Ihnen ein Zimmer gemietet - Franzi schaut sich das Treiben der Queen in ihrer Behausung mehrere Minuten an, bevor sie den ungebetenen Gast fragt, was er denn überhaupt in ihrer Wohnung zu suchen hat. Ein weiteres zentrales Problem von "The Drag and Us": Die Charaktere machen allesamt fortwährend Sachen, die sich nicht erklären lassen, oder nachvollziehbar wären, oder verzeihlich. Wenngleich Sitcoms von der Überzeichnung ihrer Rollen leben, ist dennoch essentiell, dass zumindest im Kern die Motivation der Handlungsweise verständlich bleibt. Nach dem Motto "Das würde ich auch gerne mal machen", wenn es nicht so unverschämt/verboten/schamlos wäre. Vorliegend jedoch möchte man den Charakteren nichts gleichtun, und schon gar nicht mit einem von ihnen zusammenwohnen.

Oh Gott, unser Vater mit 'ner Transe! Nikki (Frederic Balonier, M.) ist nicht begeistert, dass sein Vater Tim (Martin Gruber, l.) mit Cathérine (Ralph Kinkel, r.) flirtet. ZDF und Walter Wehner

Vor allem bei Cathérine wird die Chance vertan, sie nach ihrer krawalligen Einführung zu einer runden Persönlichkeit aufzubauen, die auch nahbare Wesenszüge hat. Stattdessen begnügt man sich, sie von einer schrillen Kostümierung in die nächste zu werfen, "I will survive" und andere Gay Classics aus der Mottenkiste zu trällern und wegen Nichtigkeiten einen Nervenzusammenbruch nach dem anderen zu erleiden. Um sich vor dem ungeliebten Putzdienst zu drücken, fingiert sie einen homophoben Angriff, indem sie sich ein blaues Auge schminkt. Was für eine bitterböse Satire einen guten Stoff hergeben könnte, versagt hier sowohl als Gag als auch als passende Storyline für das gewählte Haha-Sitcom-Format.

Die Gründe, warum Cathérine unbedingt genau in dieser Wohnung wohnen bleiben will, werden ebenso wenig plausibel dargelegt wie die Frage, warum sie außer ihrem Ex keinerlei soziales Umfeld zu haben scheint, noch nicht einmal eine beste Freundin. Somit bleibt ihr Innenleben den Zuschauenden weitgehend verborgen. Sie macht sich an Franzis Ex (Martin Gruber,  "Kanzlei Berger") heran in dem Wissen, dass er sie für eine Frau hält; sie erweckt bei einem Gerichtsvollzieher, dem die Söhne vorher eine Glasflasche auf dem Schädel zerschlagen haben (!), den Eindruck, er hätte mit ihr Sex gehabt, um Schweigegeld von ihm zu erpressen. Das erfüllt anscheinend ZDFneos Definition von "warmherzig".

Die Figur der Cathérine wurde von Produzentin Gabriele M. Walther nach dem Vorbild von Catherrine Leclery geschaffen, ihrerseits Teilnehmerin der Reality-Sendung  "Queen of Drags". Letztgenanntes Format war nicht unumstritten, allerdings weniger wegen der Darstellung der Teilnehmenden, sondern wegen des Einsatzes von Heidi Klum als Jurorin (Stichwort "Kulturelle Aneignung"). Hingegen dürfte "The Drag and Us", trotz der fragwürdigen Zeichnung ihrer Hauptfigur, mehr noch wegen der handwerklichen Mängel durchfallen. Zahllose Schnittfehler sorgen für Irritationen beim Ansehen, auch und gerade, wenn sie einem nicht bewusst auffallen. Wenn jemand an einer verschlossenen Tür rüttelt (meistens ist es Cathérine), dann wackelt die ganze "Wand" gleich mit. Und:

Gastauftritt: Die "echte" Cathérine (Catherrine Leclery, l.)
Gastauftritt: Die "echte" Cathérine (Catherrine Leclery, l.) ZDF und Walter Wehner

Was die Lacher angeht, werden Erinnerungen an den Sitcom-Versuch  "Ein Haus voller Töchter" von Das Vierte aus dem Jahr 2010 wach. Die - eingespielten - Lacher des Publikums werden auch bei "The Drag and Us" nicht je nach Witzigkeit der Pointe verteilt, sondern eher regelmäßig eingestreut, nach jedem zweiten oder spätestens dritten Satz. Scheinbar, damit die Leute vor dem Bildschirm auch nicht vergessen, dass das Ganze witzig sein soll. Völlig entkoppelt vom Prinzip, dass jemand lacht, weil jemand anderes etwas Lustiges gesagt hat. Auch an anderen bekannten Geräuschteppichen eines Sitcom-Publikums mangelt es nicht - dessen Künstlichkeit fällt besonders beim Applaus auf, der nach jedem kurzen Auftösen schnell wieder abgewürgt wird, damit es zügig weitergehen kann.

Als vor fast zehn Jahren der US-Sender ABC mit  "Work It" eine Sitcom ins Programm nahm, in der es um zwei als Frauen verkleidete Männer ging, wurde diese nach rekordverdächtigen zwei Folgen aus dem Programm genommen. Zu vernichtend waren die Kritiken, zu niedrig auch die Quoten. Nur bedingt gelungene Sitcoms anderer Themenfelder haben in Deutschland quasi schon Tradition - neben dem bereits erwähnten "Haus voller Töchter" ist mir persönlich  "Bully macht Buddy" als besonders unlustig in Erinnerung geblieben. Aber auch - das ist schon "etwas" länger her - die damaligen deutschen Remakes  "Hilfe, meine Familie spinnt" und  "Ein Job fürs Leben" der US-Erfolgsserien  "Eine schrecklich nette Familie" und  "Wer ist hier der Boss?" waren alles andere als komödiantische Überflieger. "The Drag and Us" reiht sich hier nahtlos ein.

Dieser Text beruht auf Sichtung der ersten vier Episoden der achtteiligen ersten Staffel der Serie "The Drag and Us".

Meine Wertung: 1/5

Die erste Staffel von "The Drag and Us" kommt am 31. August komplett in die ZDFmediathek. Die lineare Ausstrahlung erfolgt ab dem gleichen Tag bei ZDFneo, immer dienstags ab 23.45 Uhr gibt es eine Doppelfolge.


 

Über den Autor

  • Gregor Löcher
Gregor Löcher wurde in den späten 70er-Jahren in Nürnberg geboren und entdeckte seine Leidenschaft für Fernsehserien aller Art in den 80er-Jahren, dem Jahrzehnt der Primetime-Soaps wie dem Denver Clan und Falcon Crest, was ihn prägte. Seitdem sind Faibles für viele weitere Serien und Seriengenres hinzugekommen, namentlich das der Comedyserie. Seit 2008 ist er als Webentwickler für TV Wunschliste tätig und hat zum Glück nach wie vor die Zeit, sich die eine oder andere Serie anzusehen.

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Leserkommentare

  • AndyJJ (geb. 1964) schrieb am 06.09.2021, 16.26 Uhr:
    Soo schlecht ist die Show nicht, im Gegenteil:
    Danke für den Mut sie auf die Beine zu stellen!
  • Helmprobst (geb. 1964) schrieb via tvforen.de am 31.08.2021, 18.13 Uhr:
    TV Wunschliste schrieb:
    Konzept und Umsetzung wären durchaus
    nachvollziehbar, wenn wir nicht das Jahr 2021
    schreiben würden, sondern, sagen wir, 1996.

    Eigentlich hat mich die Serie nicht interessiert, als sie neu angekündigt wurde, da zdf_neo-Eigenproduktionen und zdf_neo-Lizenzserien üblicherweise nicht (mehr) meinen Geschmack treffen. Die Kritik hier hat mich jetzt aber doch neugierig gemacht, so dass ich heute Abend mal reinschauen werde. Danke für den Hinweis!
    Ohne bereits etwas von der Serie gesehen zu haben: vielleicht will zdf_neo hier eine bestimmte Zuschauergruppe ansprechen, die in den 90ern "Lukas" oder "Is was, Trainer?" gesehen hat? Unabhängig von der Qualität des Ergebnisses: schön, dass beim Sender endlich jemand festgestellt hat, dass es nicht nur Krimi-Formate gibt!
  • Sveta (geb. 1964) schrieb via tvforen.de am 31.08.2021, 17.12 Uhr:
    Irgendwie scheint das ZDF auf der Suche nach politisch korrekten Sendeinhalten einmal zu wenig abgebogen zu sein, bzw. das Geld den falschen Leuten gegeben zu haben. Die beschriebene Serie dürfte ja nun nach "Comedy Queens" (Ihr wisst schon, diese von Frauen gemachte Serie, in der kein Sketch eine Pointe hatte... die hörten irgendwie alle einfach auf.), der nächste Flop werden.
  • Mobelix (geb. 1970) schrieb am 31.08.2021, 18.14 Uhr:
    Auf Comedy Queens hatte ich mich sehr gefreut, weil die Maria Clara Groppler dabei ist und ich die recht lustig finde. Auch über die anderen Beteiligten kann ich herzhaft lachen...normalerweise.
    Allerdings hat Sveta vollkommen recht...jeder Gag ein Rohrkrepierer. Ich habe mir tatsächlich fast alle Folgen gesehen und hatte einen Lacher, soweit ich mich erinnere. Das hier beschriebene reicht aus um einen großen Bogen um diese neue Sitcom zu machen, und ich bin sicher ich verpasse nix (Y)
  • Martina (geb. 1978) schrieb am 31.08.2021, 15.43 Uhr:
    Amüsante Zusammenfassung! Die Vorschau ließ tatsächlich das Schlimmste erahnen.
  • Keks schrieb am 06.09.2021, 16.46 Uhr:
    Nee ... es war noch schlimmer als in der Vorschau / im Trailer. Ich hab mal in die erste Folge reingeguckt mit der Einstellung, dass man es als Trash evtl. noch gut finden kann. Aber das ist einfach nur schlecht.
  • Svenja T. schrieb am 01.09.2021, 09.42 Uhr:
    Und würde genau so erfüllt ... ,)
 

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