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TV-Kritik/Review: "The Tattooist of Auschwitz": Die Liebe inmitten der finstersten Menschheitsstunde
von Gian-Philip Andreas(09.05.2024)

In ihrem Debütroman "Der Tätowierer von Auschwitz" verarbeitete die australische Autorin Heather Morris die Erinnerungen des Holocaust-Überlebenden Lale Sokolov - so bewegend und fesselnd, dass sich das als unwahrscheinliche Liebesgeschichte erzählte Buch zum Bestseller entwickelte. Gleichzeitig wurde dem Roman von Teilen der Kritik ein allzu laxer Umgang mit den Fakten sowie ein Hang zur Trivialisierung des Holocaust vorgeworfen. Die prominent besetzte Verfilmung des Buchs als sechsteilige Miniserie, die unter dem Originaltitel
Der Grundplot von Roman und Serie ist so tragisch einfach wie melodramatisch effektiv: Der slowakische Jude Lale Sokolov gelangt als junger Mann ins Konzentrations- und Todeslager Auschwitz-Birkenau, nachdem er sich, nichts ahnend, freiwillig für die Arbeit in einem Lager gemeldet hatte, in der trügerischen Hoffnung, so den Rest seiner Familie aus der Schusslinie nehmen zu können. Nachdem Lale das Ausmaß des Schreckens, den Irrsinn der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten, mit eigenen Augen kennengelernt hat, gelangt er per Zufall an den Job eines Tätowierers, der Neuankömmlingen die Häftlingsnummer unter die Haut tätowiert. In dieser Funktion, die ihn zum Teil der "Politischen Abteilung" des Lagers macht und ihm eine relative Sicherheit verschafft (was die Möglichkeit seines Todes in den Gaskammern betrifft), lernt er die Frau seines Lebens kennen: Gita, Anfang zwanzig, ebenfalls Slowakin.
Die beiden, denen jede gemeinsame Zukunft verwehrt werden soll, erkämpfen sich unter Einsatz ihres Lebens fortan Minute um gemeinsame Minute, um sich kennenzulernen und das Leben des jeweils anderen (sowie befreundeter Mithäftlinge) durch einen brandgefährlichen Tausch- und Schwarzhandel zu erleichtern. Weil sie dabei Kompromisse eingehen müssen und vor allem Lale in eine perverse Abhängigkeit zu dem ihm als Aufpasser zugeteilten, soziopathischen SS-Rottenführer Stefan Baretzki gerät, setzt sich in ihm ein lebenslanges Schamgefühl als Überlebensschuld-Syndrom fest, das den erlittenen Schmerz und seine Traumata noch verstärkt. Lale und Gita überleben Auschwitz, sehen sich nach dem Krieg in Bratislava wieder, führen fast sechzig Jahre lang eine glückliche Ehe, ab 1948 in Australien. Doch ihr Happy End konnte nie über das hinwegtäuschen, womit es erkauft war, und schon gar nicht über die Happy Ends, die ihre Leidensgenossen eben nicht erleben konnten: Die Vergangenheit folgte uns wie ein kranker Hund.
Erzählt hat Lale Sokolov diese Geschichte in allen schmerzhaften Details erst mit 87 Jahren, kurz nach Gitas Tod. In langen Sitzungen äußerte er sich ab 2003 gegenüber der Nicht-Jüdin Heather Morris, die damals in einem Krankenhaus in Melbourne arbeitete und eigentlich ein Drehbuch aus dem Stoff entwickeln wollte. Drei Jahre später, 2006, starb Sokolov. Morris ließ die Arbeit ruhen, ehe sie ein Jahrzehnt später neu ansetzte und den "Tätowierer von Auschwitz" schrieb, eine fiktionalisierte Erzählung auf Grundlage der Erinnerungen Sokolovs. "Holocaust Fiction" nannten Marketing-Leute das, "KZ-Romanze" spotteten Verächter, doch dem tragisch-romantischen Sog des Bestsellers war schwer zu entkommen.

Die Serie, die Jacquelin Penske (
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Von derlei Distanzierungsbemühungen ist in "The Tattooist of Auschwitz", jenseits der benannten Verfremdungseffekte, keine Rede mehr. Im Gegenteil, die Prügel und Vergewaltigungen, Erschießungen und Hinrichtungen, die Selbstmorde, das Kotzen und Schreien werden in drastischem Realismus in Szene gesetzt, so drastisch mithin, dass man oft nicht mehr hinschauen möchte. "Doch, schaut trotzdem hin!", scheinen die Macher zu rufen, die das Lager im kleinpolnischen Auschwitz nahe der slowakischen Hauptstadt Bratislava als umfangreiches Set nachgebaut und jeden Baum dorthin gepflanzt haben, wo er auch in Wirklichkeit gestanden haben soll: Von der Sträflingskleidung bis zu den nackt und tot in der Gaskammer liegenden Opfern herrscht hier ein Nachstellungseifer, der bisweilen an den gefürchteten Ausstattungsrealismus deutscher Fernsehproduktionen erinnert, zum Glück aber immer wieder an deren Sentimentalismus vorbeizielt - auch wenn der Soundtrack, den Starkomponist Hans Zimmer gemeinsam mit Kara Talve erstellte, nicht verhindern kann, dass sich eine gewisse Hollywoodisierung ins KZ-Grauen einschleicht.
Es bleibt eben ein schwer auflösbares Problem: Der dokumentarische Anspruch beißt sich mit der in viele kleine, auf Thrill, Rührung und andere Affekte abzielende Storybögen aufgeteilten Dramenhandlung, in der man um die beiden zentralen Hauptfiguren bangt (obwohl ihr Überleben ja feststeht), ermordete Weggefährten beweint und rund um die fragile "Bruderschaft" Lales mit dem sadistischen Baretzki, um das Leid einer jungen Zwangsprostituierten oder eines medizinisch "neutralisierten" Homosexuellen Beklemmung empfinden soll. Es gibt kleine Momente des Triumphs, auch des Humors. Ist das schon Trivialisierung, Banalisierung, Theatralisierung, kurz: Goutierbarmachung des Holocaust als Survival-Horror-Story? In gewisser Weise: ja, ist es. Andererseits kann es nicht genug Erzählungen geben, die dieses monströse Menschheitsverbrechen auch nachrückenden Zuschauerschichten nahebringen - gerade mit Blick auf den derzeit weltweit wieder ansteigenden Antisemitismus. Eine mitreißende, bewegende, auch spannende Herangehensweise am stellvertretenden Exempel eines Einzelschicksals bewirkt da womöglich mehr als wissenschaftlich abgesicherte Distanzierungsstrategien.
So muss Jonas Nay als SS-Mann Baretzki also einerseits den klischeehaft schnarrenden, grimassierenden, wahllos um sich schießenden Nazi-Schergen spielen, darf aber auch die Widersprüchlichkeiten dieses unsicheren Mannes herausarbeiten; Melanie Lynskey wirkt, mit irritierender Blondperücke, etwas unterfordert als Profi-Zuhörerin zwischen Entsetzen und Mitgefühl - die Szenen, in denen sie nach einer Panikattacke im Krankenhaus mit dem ganzen Projekt hadert, gehören nicht zu den stärksten der Serie; auch der Brite Jonah Hauer-King (

Die Rolle der Gita wurde im Vergleich zum Roman erkennbar ausgebaut, bleibt aber immer noch relativ flach: Anna Próchniak spielt sie allerdings so beherzt und facettenreich, dass sie das bittersüße "tragische Glück" des zentralen Liebesdrama fast im Alleingang auf die Zuschauer überträgt. Und Harvey Keitel? Der ist eine Wucht als greiser Lale, der, mal charmant, mal verschlossen, dann von unendlicher Trauer angefasst, das ganze Leid seiner Figur zum Vorschein bringt, und auch die peinigenden Schuldgefühle angesichts der lebenslang mit sich herumgetragenen Überzeugung, fürs eigene Überleben, für das eigene Glück sogar, zumindest teilweise zum Kollaborateur geworden zu sein.
Für Keitels Szenen allein lohnt sich dieser von Zwiespältigkeiten definitiv nicht freie Sechsteiler, der im Original übrigens komplett in Englisch gedreht wurde. Das heißt: Slowaken, Polen, deutsche Nazis, sie alle sprechen Englisch, mal mit, mal ohne Akzent. Der realistische Anspruch der Macher endete also, auch dies gewiss aus Gründen der Konsumierbarmachung, bei der Sprache.
Die ergreifendste Szene kommt dann sowieso erst ganz zum Schluss: Mit Beginn des Abspanns sieht man kurz eine Archivaufnahme des realen Lale Sokolov, dem vor der Kamera beim Erzählen über sein Schicksal die Stimme bricht. Während danach Barbra Streisand eine extra für die Serie geschriebene, waidwund-wehmütige Liebesschicksalsballade anstimmt, merkt man da sehr schnell: Gegen die Wucht der Realität kommt beim Thema Holocaust keine Fiktion an, auch diese nicht.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten sechsteiligen Miniserie "The Tattooist of Auschwitz".
Die Miniserie "The Tattooist of Auschwitz" wurde am 8. Mai mit allen Folgen bei Sky und über WOW on Demand zum Abruf bereitgestellt. Die lineare Ausstrahlung beginnt am 9. Mai bei Sky Atlantic um 20.15 Uhr - wöchentlich donnerstags wird eine Folge gezeigt.
Anmerkung: Da der Protagonist von "The Tattooist of Auschwitz" mit bürgerlichem Namen Ludwig hieß, existieren unterschiedliche Schreibweisen für seinen Rufnamen, die aber die gleiche Aussprache haben - im Englischen wird er "Lale" geschrieben, in Deutschland (und bei Sky) häufig auch "Lali".
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